Zeit der Aussteiger

„In der Abgeschiedenheit schöpferisch tätig sein“

Es sind große Namen, denen man bei der Lektüre des Buchs „Zeit der Aussteiger“ begegnet. Es sind herrliche Orte, die Fernweh aufkommen lassen. Und es sind ganz eigene Gedankenwelten, mit denen man sich auseinandersetzen kann. Denn der Autor und Ausstellungsmacher Andreas Schwab entführt die Leser_innen an Sehnsuchtsorte in Worpswede, auf Capri oder in Taormina. Dort lassen sich Menschen wie Truman Capote, Arthur Schnitzler und Alma Mahler-Werfel auf neue Lebensstile ein.

Die prominenten Frauen und Männer entfliehen dem Alltag, lassen sich auf Abenteuer in fremden Umgebungen ein und wagen es einfach, Aussteiger zu sein. Die Künstler_innen, Musiker_innen und Schriftsteller_innen haben die Freiheit, „ein nonkonformistisches Leben zu führen“ (S. 13). Sie kämpften für ein alternatives Leben. Oder wies es Schwab auf den Punkt bringt: „Damit verbunden ist eine Hinwendung zum Ästhetischen und eine Lust, diesen Lebensstil ostentativ zu zeigen und andere an ihm teilhaben zu lassen“ (S. 13).

Der Monte Verità wird dabei auch unter die Lupe genommen. Für Naturist_innen ist dieser Ort von großem Interesse. Schließlich wurde nahe des italienischen Ortes Ascona auch die Lebensreform mitbegründet. Schwab beschreibt den Monte Verità auch als „Wallfahrtsziel für Schönheits-, Wahrheits-und Gesundheitssuchende“ (S. 262). In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelte sich dort das Lichtkleid als gemeinschaftliches Phänomen.

Aus der gegenwärtigen Sicht stellt sich die Frage, inwieweit ein alternatives Leben mit einem Ausstieg aus dem Alltag möglich ist. Da sind die Schilderungen Schwabs, die differenziert und nüchtern daherkommen, Worte der Ermutigung. Orte wie Tanger, Pont-Aven und Korfu werden erlebbar. Henry Miller hat seine Beziehung zur griechischen Adria-Insel. Ihm schreibt Schwab einen konsequenten Eskapismus zu. Dabei gewinnen die Leser_innen immer wieder den Eindruck, Schwab hätte einen Roman geschrieben. Sein Schreiben bleibt lebendig, nimmt die Leser_innen in den Bann.

An den besonderen Orten haben die Künstler_innen und Schriftsteller_innen die Gelegenheit, ihren Talenten in einer Weise nachzugehen, wie sie es an den ursprünglichen Lebensorten nicht hätten verwirklichen können. Über den österreichischen Ort Altaussee findet sich beispielsweise die Aussage: „Für viele, die sich in der Sommerfrische nach Altaussee begeben, besteht ein besonderer Reiz dieses Ortes in seiner Abgeschiedenheit. Hier, in dieser Seelenlandschaft, kann man ungestört schöpferisch tätig sein …“ (S. 125).

Wer Kulturgeschichte mit dem eigenen Reisen verbinden will, der findet in dem Buch „Zeit der Aussteiger“ eine hervorragende Anregung, seine Urlaube zu verbringen und sich gleichzeitig auf die historischen Persönlichkeiten und ihre Spuren in den Orten sowie in den Landschaften einzulassen. Versucht es einfach einmal …

 

Andreas Schwab: Zeit der Aussteiger – Eine Reise zu den Künstlerkolonien von Barbizon bis Monte Verità, C. H. Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-77524-6, 333 Seiten, 26 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at