Zeige deine Klasse – Die Geschichte meiner sozialen Herkunft

7. September 2022 | Rezensionen | 0 Kommentare

„Soziale Grammatik“

Ein Gedanke, der einem bei der Lektüre des Buchs „Zeige deine Klasse“ durch den Kopf geht, könnte sein: „Das ist ja nichts Besonderes, was die Daniela Dröscher da erzählt. Das ist ja eine Lebensgeschichte, die viele Menschen in dieser Weise nacherzählen können“. Widersprechen kann man dieser Aussage nicht. Ganz gewöhnlich wirken die Berichte Dröschers, die von einer Kindheit und Jugend im Hunsrück erzählen. Es sind Episoden, die viele Zeitgenossinnen und Zeitgenossen erlebt haben.

Die Überzeugungskraft des Buchs liegt genau in dieser Alltäglichkeit. So authentisch wie Dröscher wirkt, so sehr eignet sich die Geschichte ihrer Kindheit und Jugend, um sich seiner selbst zu vergewissern. Diese Selbstvergewisserung brauchen Menschen immer wieder, vor allem wenn sie an Scheidewegen ihres Lebens stehen. Es sind die Fragen, die immer wieder eine große Bedeutung für die Gegenwart und Zukunft haben: Wo komme ich her? Was macht meine Wurzeln aus? Wieso bin ich die oder der geworden, die oder der ich heute bin?

Der Schreibstil Dröschers fängt die Leserinnen und Leser ein. Ihren Wegen folgt man gerne, immer auch mit dem Gedanken an die eigene Biographie. „Ein jeder wächst in einem bestimmten Milieu auf und entwickelt Vorlieben und Selbstverständlichkeiten im Hinblick auf Sprache, Gefühle, Gebärden, Geschmack, Sozialverhalten, Moralvorstellungen, Statusbewusstsein“, schreibt Dröscher (S. 14). Es gehe um eine soziale Grammatik.

Dröscher geht konsequent die Stationen ihres Lebens durch. Als Ausgangspunkt ihres Alltags erlebte sie das Küchenfenster, aus dem sie als Kind geblickt habe. In Anlehnung an Mircea Eliade versteht sie die häuslichen vier Wände als den „Schoß des Wirklichen“ (S. 37). Unter Beweis stellt Dröscher auf den mehr als 200 Seiten, dass sie nicht nur eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe hat. Sie beschreibt die Persönlichkeiten um sich herum, sie interpretiert das eine oder andere Verhalten. Sie stellt unter Beweis, dass sie den Blick für das Eigentliche hat: „Das Wohnzimmer prägte ein unaufgeregter, bilderloser Minimalismus“ (S. 41).

In sich gehen die Leserinnen und Leser, wenn Dröscher beispielsweise die Kontinuitäten und die Brüche in den Biographien der älteren Familienmitglieder beschreibt. Da blitzt nicht bloß das Selbstverständnis der Großeltern und Eltern auf, da zeigen sich auch die Konsequenzen von Lebensbrüchen für das eigene Leben. Um die soziale Grammatik zu deklinieren, lohnt es die Erzählungen Dröschers zur eigenen Schulbiographie aufmerksam in den Blick zu nehmen. Da zeigt sie, wo sie sich selbst empfindet, wo sie Gräben zu Mitschülerinnen und Mitschülern erlebt.

Irgendwie macht Dröschers Buch Mut, sich selbst an den Tisch zu setzen, mit einem gespitzten Bleistift selbst auf die Suche nach den eigenen verschlungenen Wegen zu gehen. Es kann nur ein Gewinn sein, eine Selbstvergewisserung dieser Art zu starten. Vieles erscheint im Alltag fad und grau, auf den Spuren Dröschers bekommt beispielsweise ein Wohnhaus einen ganz eigenen Charakter. In den Augen Dröschers haben Häuser eine oder auch keine Geschichte.

So lohnt es sich, mit einem Gedanken Dröschers zu enden, der in Erinnerung bleibt: „Sprache ist das Primärmedium, das alle anderen Medien und Sinne rahmt, so auch Empfindungen und Gefühle. Entscheidend ist das sprachliche Repertoire eines Milieus. Es entscheidet mit darüber, wie ich wahrnehme, empfinde und denke. Die Grenzen meiner Sprache entpuppten sich als die Grenzen meiner Welt“ (S. 170).

 

Daniela Dröscher: Zeige deine Klasse – Die Geschichte meiner sozialen Herkunft, Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2018, ISBN 978-3-455-00984-2, 245 Seiten, 14 Euro.

Autor:in

  • Christoph Mueller

    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at