„Würde drückt sich aus durch …“

(C) Thomas Reimer

Der Aufschrei ist groß. In der vergangenen Woche hat die Arbeitgeberseite der Caritas in Deutschland ein klares Nein zu einem flächendeckenden Tarifvertrag gesagt, der in der Altenpflege für neue Verbindlichkeiten gesorgt hätte. Die Begründung ist, dass die katholischen Arbeitgeber bessere Löhne zahlen als sie in diesem Tarifvertrag zugesichert worden wären. Nun beklagt vor allem der Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, dass es zu keiner Allgemeinverbindlichkeit und Einheitlichkeit in der Altenpflege der Bundesrepublik kommt.

Dieses Theater zeigt einmal mehr, in welchem Dilemma die pflegenden Berufe stecken. Ein großer Träger der Alten-und Behindertenhilfe will sich verständlicherweise Fachkräfte sichern, indem sie weiterhin bessere Löhne als die Mehrheit der Arbeitgeber zahlen. Gleichzeitig sind die Arbeitgeber, die sich in der Bundesvereinigung der Arbeitgeber in der Pflegebranche (BVAP) organisiert haben, nicht bereit, sich an den Tarifverträgen zu orientieren, die in Gesundheits-und Wohlfahrtseinrichtungen der katholischen Kirche gelten. Das Primat der Wirtschaftlichkeit und wahrscheinlich auch der eigenen vollen Taschen bleibt bestehen.

Natürlich ist es so, dass es einen unglaublich großen Graben gibt, der sich durch die unterschiedlichen Löhne in den unterschiedlichen Pflegekontexten und in den unterschiedlichen Regionen zeigt. Private Arbeitgeber zahlen bis in die Gegenwart Löhne, die nicht im Geringsten wertschätzen, was Kolleginnen und Kollegen in den Kliniken, Pflegeheimen und Wohnheimen leisten.

Was bei alledem vergessen wird (und dies ist auch bei der Caritas nicht sichtbar), sind die Rahmenbedingungen gerade in der Altenpflege. Es reicht schon, sich im Kolleg*innen-Kreis umzuhören. In der Altenpflege ist es Normalität, in einer 5,5- oder gar einer 6-Tages-Woche zu arbeiten. Kolleg*innen haben an den zwei oder drei Tagen innerhalb eines Zwei-Wochen-Rhythmus kaum eine Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen oder Körper und Seele eine Pause zu gönnen. Garniert wird diese Praxis noch mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, an den freien Tagen angerufen zu werden, weil jemand auf der Station oder im Wohnbereich durch Krankheit ausgefallen ist.

Seltenheitswert haben die Erzählungen nicht, wenn Kolleg*innen berichten, dass sie in einem Pflegeheim die einzige Pflegefachkraft sind, um mehr als 100 Bewohner*innen zu versorgen. Sie haben unzählige Hilfskräfte zur Unterstützung, müssen sich dann in drei, vier Wohnbereichen um die Behandlungspflege kümmern. Und können sich dann Klagen von Arbeitgebern oder Angehörigen anhören, wenn etwas danebengegangen ist.

Jetzt plant Gesundheitsminister Jens Spahn, die Entlohnung in der ambulanten und stationären Pflege als Voraussetzung für die Zulassung zur Versorgung zu erklären. Aber auch dieses Vorhaben verändert die die Rahmenbedingungen in den unterschiedlichen Pflegesettings nicht. Das bundesdeutsche Arbeitszeitgesetz schreibt fest, dass zwischen zwei geleisteten Diensten eine Ruhezeit von elf Stunden eingehalten werden muss. Für die Pflegeberufe ist die Reduzierung auf zehn Stunden bereits im Gesetz seit Jahren verankert. Und in Pandemie-Zeiten ist es derselbe Arbeitsminister, der das Nicht-Zustandekommen des Tarifvertrags beklagt, gewesen, der vorübergehend die Ruhezeit auf acht Sunden reduziert hat.

Würde drückt sich dadurch aus, dass Menschen Möglichkeiten haben, beispielsweise ein Leben in einer Work-Life-Balance zu führen. Würde drückt sich dadurch aus, dass Menschen einen Rhythmus in ihrem Leben haben. Würde zeigt sich darin, dass auch die Beschäftigten als Menschen gesehen werden, die ein soziales Leben leben. Und dafür braucht es Rahmenbedingungen. Geld ist eine Seite der Medaille. Die Gelegenheit, mein Leben nach meinen Ideen und Wünschen zu führen, ist die andere Seite. Dies sollte bei der Entlohnung und den Rahmenbedingungen für Pflegende sichtbar werden.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 293 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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