„Wir werden nicht müde, für eine bessere Zukunft für Menschen mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen“

Die Filmemacherin Andrea Rothenburg im Gespräch mit Christoph Müller

Andrea Rothenburg

Psychisch erkrankte Menschen liegen Andrea Rothenburg besonders am Herzen. Als Tochter eines berenteten Chefarztes einer großen norddeutschen psychiatrischen Klinik ist ihr von Kindesbeinen an eine Welt der Verrücktheiten und Skurrilitäten vertraut. Als Filmemacherin hat sie ständig Menschen vor der Kamera, deren Seelen aus der Balance geraten sind. Mit ihrem Blick schafft sie eine Authentizität in ihren Filmen, die selten zu finden ist. Eine Tasse Tee hat Christoph Müller mit der Produzentin getrunken.

Christoph Müller Was ist der Antrieb für Sie, liebe Frau Rothenburg, sich immer wieder mit psychisch erkrankten Menschen zu beschäftigen?

Andrea Rothenburg Ich bin sehr gern mit Menschen zusammen, die etwas zu sagen haben und von denen andere Menschen etwas lernen können. Daher liebe ich meine Arbeit mit krisenerfahrenen Menschen. Es ist mir natürlich ein Anliegen, zu zeigen, welch oft sehr liebenswerte Menschen hinter einer Diagnose stecken können.

Christoph Müller Wenn Sie in Ihren Filmen das kaum ermessliche Leid der Menschen dokumentieren, dann haben Sie eine überzeugende Zugangsweise. Sie lassen die Betroffenen reden, haken nicht nach. So offenbaren die Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner nur das, was sie preisgeben wollen. Wie würden Sie den Nutzen dieses Vorgehens beschreiben wollen?

Andrea Rothenburg Bei meinen Interviews hake ich auch nach. Dies sieht man im Film nicht, weil ich meine Fragen rausschneide. Wichtig ist mir, die Lebensgeschichten zu verstehen. Nur wenn ich keine Fragen mehr habe, geht es auch dem Zuschauer so. Mir ist wichtig, dass man das Gefühl bekommt, den Protagonisten nahe zu sein. Außerdem bin ich der Überzeugung, dass sich viele Menschen in unserer schnelllebigen Welt viel zu wenig zuhören und deswegen ist es mir besonders wichtig, den Menschen zuzuhören. So hat meine Filmarbeit übrigens für viele auch einen therapeutischen Nutzen.

Christoph Müller Die Kinder und Jugendlichen sind diejenigen, die besondere Aufmerksamkeit brauchen. Diesen Eindruck vermittelt zumindest ein Blick in die Filmographie. Stimmt dieser Eindruck?

Andrea Rothenburg Mir sind Kinder und Jungendliche sehr wichtig. Leider werden sie in unserem System an vielen Stellen nicht angemessen behandelt und unterstützt. Außerdem hören wir viel zu wenig auf sie. Das bedaure ich sehr, denn von Kindern können wir sehr viel lernen. Deswegen bekommen sie eine Stimme in meinen Filmen. Außerdem waren alle meine erwachsenen Protagonisten mal Kinder. Wenn ich mir die Biografien anschaue und erkenne, wie wenig sie in schwierigen Situationen unterstützt wurden, macht es mich wütend. Warum schaffen wir es nicht, präventiv zu arbeiten und Kinder in schwierigen Lebenssituationen zu stützen und zu fördern? Warum lassen wir sie viel zu oft mir ihren Sorgen und Ängsten allein? Wir könnten viel Geld in unserem Gesundheitssystem sparen, wenn wir diesbezüglich öfter mal unseren Verstand und das Herz einschalteten.

Christoph Müller Ihr Film „Plan B“ zeigt Frauen, die einschneidende seelische Krisen erlebt haben. Wie kommt es, dass Frauen in der psychiatrischen Versorgung auch im 21. Jahrhundert noch „vernachlässigt“ werden?

Andrea Rothenburg Es ist schwer nachzuvollziehen, warum wir da stehen, wo wir stehen. Ich habe mich in der Vergangenheit schon oft geärgert, viel Energie reingesteckt, Dinge zu verändern. Als Vorsitzende des Vereins Psychiatrie in Bewegung e.V. mit der KKPE (Kampagne für Kinder psychisch erkrankter Eltern) habe ich beispielsweise mit vielen schlauen, einflussreichen Menschen kommuniziert, Veränderungsvorschläge gemacht. Das Bewusstsein für die Defizite rund um die Versorgung von jungen Müttern, die psychisch erkranken, ist vielen bewusst, aber unsere Gesellschaft hat noch andere Prioritäten. Wir schaffen es scheinbar nicht, Dinge zu ändern, die auf der Hand liegen. Es ist schon viel Dramatisches passiert. Es ist sehr bedauerlich, dass Menschen viel zu wenig aus ihren Fehlern lernen. Dennoch bleiben wir weiter am Ball und werden hoffentlich nicht müde, immer wieder für eine bessere Zukunft für Menschen mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen.

Christoph Müller In der psychiatrischen Versorgung wird häufig über die Entstigmatisierung psychisch erkrankter Menschen gesprochen. Mit ihren Filmen leisten sie einen ganz eigenen Beitrag dazu. Was macht die Film-Arbeit aus? Inwieweit bildet die Film-Arbeit bei Menschen, die wenig oder keine Erfahrungen mit seelischen Erkrankungen haben, das Bewusstsein?

Andrea Rothenburg Wir zeigen in unseren Filmen die Menschen hinter ihrer Erkrankung und reduzieren sie nicht darauf. Wichtig ist uns, immer den Fokus auf die gesunden Anteile zu legen, damit sich der Zuschauer schnell identifizieren kann und der Mensch nicht abgestempelt wird. Viele Einrichtungen, Schulen, Universitäten oder auch Fachkongresse arbeiten mit unseren Filmen und lernen von den Protagonisten.

Wichtig ist es uns auch, Angehörige zu unterstützen. Bei der Auseinandersetzung mit der Lebensgeschichte eines unbekannten Menschen kann, durch Ähnlichkeiten oder Parallelen zum Erkrankten in der eigenen Umgebung, ein hohes Maß an Identifikation und Verständnis erreicht werden.

Christoph Müller Mit den Filmen sowie Protagonistinnen und Protagonisten reisen Sie durch die Lande, um die Menschen zu berühren. Welche Erfahrungen machen die Betroffenen bei dieser konkreten Arbeit, bei der sie sicher die eigene Geschichte wieder aufspüren?

Andrea Rothenburg Die Protagonisten machen durchweg positive Erfahrungen und bekommen Wertschätzung und Dankbarkeit entgegengebracht. Es ist schließlich keine leichte Übung, vor der Kamera über psychische Schwierigkeiten und Narben des Lebens zu sprechen. In der Filmarbeit sehen viele einen Sinn, ihre Erfahrungen weiterzugeben und schließlich auch etwas hinter sich zu lassen.

Christoph Müller Welche Projekte nehmen Sie in naher Zukunft in Angriff? Welches Thema hat der nächste Film, auf den wir uns freuen können?

Andrea Rothenburg Ich arbeite immer an mehreren Filmen gleichzeitig, weil ich oft Beobachtungen über einen längeren Zeitraum mache. Außer an solchen Abend füllenden Filmen produziere ich kurze Image- und Infofilme in diesem Themenbereich. Als nächstes wird ein kleiner Film für Kinder über eine Erwachsenenpsychiatrie fertig, für die ein Mädchen vor der Kamera steht, kindgerecht über das Gelände führt und sich von Mitarbeitern und Patienten die Klinik und psychische Erkrankungen erklären lässt. Darauf freue ich mich schon sehr. Denn es ist wichtig, Kindern zu zeigen, wo ihre Eltern behandelt werden.

Mehr zur Arbeit von Andrea Rothenburg

https://psychiatriefilme.de/

 

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 225 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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