Wir müssen stolz sein!

Berufsstolz - Berufshaltung

(C) Robert Kneschke

Stolz auf seine Arbeit zu sein, setzt voraus, dass man seine eigenen Fähigkeiten anerkennt und sein eigenes Handeln und dessen Wirkungen selbst wertschätzt. Per Definition ist Stolz die Freude darüber, mit Gewissheit etwas Besonderes, Anerkennenswertes geleistet zu haben. Im Kontext des Pflegeberufes hat der BerufsSTOLZ vielfältige Komponenten und ist ganz unterschiedlichen Einflüssen ausgesetzt.

In Gesprächen mit Pflegefachpersonen fällt oft auf, dass Pflegende ihrer eigenen Leistung keine besondere Bedeutung zusprechen. Sätze wie „Das kann ich nicht selbst entscheiden“, „Wieso soll ich mich da einbringen“ und „das kann ich nicht, ich habe ja nicht studiert“ sind uns, die im Pflegewesen tätig sind, allen bekannt. Dazu kommt, dass eine eher zurückhaltende und manchmal auch unterwürfige Verhaltensweise von Pflegenden gegenüber vor allem den Ärzten dazu führt, dass sie unsicher wirken und damit ihre hohe Fachkompetenz eher geringgeschätzt wird. Aus Sicht der Selbstverwaltung der Pflegenden führt die mangelnde Selbstachtung dazu, und dieser Aspekt ist besonders gravierend, dass die Pflegenden als Heilberuf in Deutschland bisher keine ihrer Bedeutung zukommende tragende Rolle im Gesundheits- und Sozialwesen spielen bzw. dass es dorthin noch ein weiter Weg sein wird. Die Berufsangehörigen der Pflege waren bzw. sind immer noch abgeschnitten von wichtigen Informationen und jeglichen Steuerungsprozessen. Entscheidungen zur Ausübung der Pflege wurden und werden häufig noch ohne ausreichende Beteiligung der Berufsangehörigen getroffen. Ein Bild welches bspw. in der Ärzteschaft, bei den Apothekern oder bspw. im Handwerk undenkbar ist. Die fehlende Selbstachtung spiegelt sich auch in der Wahrnehmung der Gesellschaft wieder, die die Berufsgruppe der Pflegenden jahrzehntelang stiefmütterlich behandelte. Zwar werden Pflegende laut einiger Umfragen als Beruf hoch angesehen, dennoch wird der Pflege unter dem Tenor „Pflegen kann jeder“ in der Gesellschaft, der Politik und den Akteuren im Gesundheitswesen keine bedeutende Rolle zugewiesen. Auch trägt die hohe „Wertschätzung“ nicht dazu bei, dass das Berufsfeld als derart attraktiv wahrgenommen wird, dass es eine deutliche positive Lücke zwischen der Anzahl von Ausbildungsinteressenten und Ausbildungskapazitäten gibt.

Und dabei gibt es viele Gründe stolz auf sich als Pflegefachperson zu sein. Reflektiert man einmal nur kurz die eigene tägliche Arbeit, wird schnell klar, dass die Pflege existentielle Aufgaben für das Leben eines anderen Menschen übernimmt. Pflege ist ein vielfältiges und breites Berufsfeld, dass zahlreiche Einsatz- und Entwicklungsmöglichkeiten vorweist. Pflege rettet Leben, verhindert Leid, lindert Beschwerden, bietet echte Unterstützung an, steuert, koordiniert und berät und sichert eine hochwertige und ganzheitliche Versorgung.

In der aktuellen Krisensituation scheint das beschriebene Bild langsam zu bröckeln. Steigt die Belastung auf das Gesundheitswesen massiv an, erkennt man, wie wichtig die Berufsgruppe für die Gesundheitsversorgung ist und welche elementare Verantwortung sie für die gesamte Bevölkerung trägt. Endlich wird der professionellen Pflege die Aufmerksamkeit gegeben, die sie verdient. Endlich haben wir die Möglichkeit der Gesellschaft zu zeigen, was in uns steckt und was den professionellen Pflegeberuf ausmacht.

Doch sind wir als Berufsgruppe so weit, diese Chance nachhaltig zu nutzen? Sind wir bereit, unsere Leistungen selbst anzuerkennen, unseren gleichwertigen Platz im Interdisziplinären Team einzufordern und unser Know-How selbstbewusst im Versorgungsprozess der Patienten einzubringen? Ist uns bewusst, dass wir eine elementare Rolle im Gesundheitswesen spielen, zwingend als Selbstverwaltung autonom handeln müssen und mit hohem Selbstbewusstsein an die Verhandlungstische gehören?

Wir sehen hier dringenden Handlungsbedarf.

Selbstachtung haben und Haltung entwickeln

Selten werden die Beobachtungen der Pflegenden z.B. bei der Therapiefestlegung erfragt. Dabei sammeln Pflegefachpersonen während der Versorgung umfassende Informationen über den Patienten und üben eine ganzheitliche Pflege aus. Im Rahmen des Pflegeprozesses werden die Bedürfnisse der Patienten fortlaufend erfasst, Maßnahmen eingeleitet und der Bedarf evaluiert. Pflegende haben das breiteste Wissen über die zu Pflegenden. Damit sollten sie in Absprache mit den anderen Berufsgruppen den Behandlungsprozess führen und steuern. Dies spiegelt jedoch in keinem Pflegesetting die Realität ab. Es stellt sich die Frage, wie entwickelt man die nötige Selbstachtung, die mir das Selbstvertrauen bringt?

Zu Beginn des Berufsweges steht die Berufsausbildung. Die in der Ausbildung erlernten Fähigkeiten legen den Grundstein für die gesamte berufliche Laufbahn. Klar ist: Selbstachtung muss erlernt und auch bewusst gelebt werden. Die Entwicklung eines beruflichen Selbstbewusstseins und eine sich selbst wertschätzende Haltung muss zwingend in der Ausbildung entwickelt und gefördert werden. Damit sind sowohl der schulische Ausbildungsort als auch die Berufspraxis gemeint. Im Rahmen der Reflexion der erlernten Berufsausübung müssen das Gefühl des Stolzes hervorgerufen und Selbstvertrauen gegeben werden. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Beruf und dem eigenen beruflichen Wissen hat eine bedeutende Auswirkung auf das professionelle Auftreten und Handeln jeder Pflegefachperson. Professionelles Handeln setzt auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Versorgungsanspruch voraus.

Haltung ist die Grundlage für die eigene Selbstwahrnehmung und damit auch für die Wahrnehmung des Gegenübers. Im interprofessionellen Team ist es unabdingbar, selbstbewusst aufzutreten und auf Augenhöhe mit den anderen Berufsgruppen zu agieren. Die Handlungen der professionellen Pflege sind der elementare Bestandteil des Versorgungsprozesses. Pflegende müssen sich zwingend mit ihrem Fachwissen einbringen und ihre vielfältigen Fachkenntnisse anwenden. Dies wirkt sich in vielfacherweise positiv auf die Versorgungsqualität aus. Strahlt man Selbstvertrauen und Sicherheit aus, signalisiert dies den Patientinnen und Patienten Fachkompetenz und fördert das Zutrauen in die Arbeit der Pflegefachperson und die Compliance.

Über die gesamte berufliche Laufbahn sollte eine regelmäßige Reflexion der eigenen Handlungen und der selbst eingenommen Haltung erfolgen. Hierbei sollte bewertet werden, was gut läuft und an was man selbst noch arbeiten kann. Auch die Rolle bzw. Stellung der Pflegenden gegenüber den Menschen mit Pflegebedarf sollte dabei Beachtung finden. Diese Reflexion kann alleine oder im Rahmen der kollegialen Beratung erfolgen. Auch ein professionelles Berufscoaching alleine oder im Team kann dafür genutzt werden. Die Wahrnehmung der Haltung der Kollegen untereinander schafft Verbundenheit und Stärke. Hierbei spricht man auch von „Empowerment“. Damit bezeichnet man die Maßnahmen, die dazu dienen, die eigene Autonomie und die Selbstbestimmung und die des Teams zu erhöhen. Die eigenen Interessen sollen eigenmächtig und selbstverantwortlich vertreten werden. Alle Personen mit Leitungs- und Führungsverantwortung sollten diesem Aspekt fortlaufend eine besondere Bedeutung geben und entsprechende Maßnahmen in ihrem Bereich umsetzen.  Sie sind hier in der umfassenden Verantwortung. Ohne sie wird es initial nicht funktionieren.

Berufspolitische Beteiligung

Obgleich die Berufsangehörigen der Pflege die mit Abstand größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen darstellen und maßgeblich zum Genesungs- und Versorgungsprozess der Patienten beitragen, wird ihnen bisher nur ein verhältnismäßig geringes Mitspracherecht in der Gestaltung des Gesundheits- und Pflegewesens eingeräumt. Die autonome Steuerung des eigenen Berufsstandes ist in der heutigen Zeit für alle Pflegenden unabdingbar. Um den Status der Selbstverwaltung in Deutschland erreichen zu können, ist die Schaffung gesetzlicher Grundlagen für Pflegekammern, die als Körperschaften des öffentlichen Rechts, frei von jeglichen Interessen, die beruflichen, sozialen und wirtschaftlichen Belangen der Pflegenden vertreten und regeln können. Die Gründung der Pflegekammern muss in allen Bundesländern massiv vorangetrieben werden. Gerade in der Krise wird sehr deutlich, wie elementar es ist, alle Pflegenden zentral erreichen zu können, sie zu informieren und sie u.a. gezielt fortzubilden. Eine eigens entwickelte Berufsordnung legt die Elemente und Art und Weise der Berufsausübung fest, Weiterbildungs-, Fort- und Behandlungsstandards ergänzen dieses Fundament. Die aktuellen Entwicklungen im Pflegewesen werden von der Kammer fortlaufend bewertet und geeignete Maßnahmen ergriffen. Zudem steht die Kammer in regelmäßigem Austausch mit den Pflegenden, den Ministerien, den politischen Akteuren und allen Behörden des Landes in ständigem Austausch und berät und steuert die pflegerische Versorgung der Bevölkerung. Auch wenn die Selbstverwaltung mit einer verpflichtenden Registrierung und der Bezahlung eines Beitrages einhergeht, ist dies die einzige Möglichkeit, alle Pflegenden beteiligen zu können, die Vertretungsorgane der Kammer demokratisch zu wählen und als starke Gemeinschaft aufzutreten. Auch im Kontext des gesamten Gesundheitswesens müssen wir als Berufsangehörige unseren Berufsstolz signalisieren, die Beteiligung ganz selbstverständlich leben und uns nicht in die Ecke stellen (lassen).

Berufsethos und Gesellschaftliche Wahrnehmung 

Wie zuvor beschreiben bildet die eigene Haltung die Grundlagen für die Selbst- und Fremdwahrnehmung. Unumstritten ist: Der Beruf der Pflege und die Pflegenden selbst sind absolut alternativlos. In der aktuellen Corona-Krise wird diese Eigenschaft als „Systemrelevant“ bezeichnet. Die Sicherstellung der Versorgungsqualität fußt auf einer professionellen Pflege – ohne Kompromisse. Bedarfsgerechte, entwicklungsfördernde und aktivierende Pflege wirkt sich positiv und nachhaltig auf die Versorgungsergebnisse und das gesundheitliche Outcome der Patientinnen und Patienten aus. Eine unzureichende und schlechte Pflege kann demnach zu nachhaltigen Schäden und Traumata führen. Zudem wirkt sich die Zusammenarbeit mit den Patienten maßgeblich auf deren Compliance während des gesamten Versorgungsprozesses aus. Dies drückt sich sowohl im Wohlbefinden und der Lebensqualität des Patienten, der notwendigen Dauer der Versorgungssituation und damit auch in ökonomischen Kennzahlen des Gesundheitswesens aus.

Sind wir als Pflegende selbst stolz auf unsere Arbeit, wirkt sich dies auch auf die Wahrnehmung der Gesellschaft aus. „Mit stolzer Brust etwas darstellen“ gilt in unserem Land als attraktiv. Selbstbewusstsein signalisiert Stärke, Strebsamkeit und Kompetenz. Dieser Person traut man etwas zu. Erst wenn man die Leistung des Gegenübers umfassend erkennen kann, wir diese auch anerkannt. Dann ist man auch bereit, dafür eine Gegenleistung zu erbringen – dies bildet sich im Berufskontext in einer angemessenen Vorhaltung finanzieller Mittel die zu einer wirklich ausreichenden Personalbesetzung als auch zu einer leistungs- und statusgerechten Vergütung der Pflegenden führt Daneben bildet sich das in der Position der Berufsgruppe im Gesamtkontext des Gesundheits- und Sozialwesens ab. Beide Faktoren müssen massiv gestärkt werden.

Fazit

Das Thema Berufsstolz hat viele Facetten in denen noch viel Handlungsbedarf zu erkennen ist. Es wird deutlich, dass die Pflegenden selbst es in der Hand haben. Vielfältige Kampagnen versuchen den Pflegenden dieses Selbstwertgefühl näher zu bringen. Mit „proud to be a nurse“ wird versucht, den Pflegenden ihre eigene Stärke zu signalisieren. Doch es braucht mehr. Das Gefühl der Selbstachtung muss im Kopf jeder einzelnen Pflegefachperson fest verankert sein. Über die Ausbildung, Fort- und Weiterbildungen und über die tägliche Berufspraxis muss diese Eigenschaft erlernt und gefestigt werden. Regelmäßige Reflexion dient der persönlichen Weiterentwicklungen. Ziel ist es, die professionelle Pflege als starker und gleichberechtigter Bestandteil der medizinischen-pflegerischen Versorgung der Gesamtgesellschaft zu sehen. Pflegeschulen, Einrichtungen, Berufsverbände, Fachgesellschaften, Arbeitgeber und Pflegekammern müssen diese Entwicklung nachhaltig fördern und die Beteiligung in die Versorgungsstrukturen auf allen Ebenen einfordern. Gelingt diese wichtige Arbeit, ist der Berufsstolz und die gesellschaftliche Anerkennung im Alltag gegeben. Als professionell tätige Personen übernehmen wir die Verantwortung für uns und unsere Handlungen. Packen wir es an – und zwar jetzt und für die Zukunft!

Markus Mai
Über Markus Mai 1 Artikel
Präsident Landespflegekammer Rheinland-Pfalz

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