„Wir müssen nicht das Klima retten, sondern uns selbst“

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Christoph Müller im Interview mit dem Krankenpfleger Andreas Friedrich Lutz

Christoph Müller Im Buch „Menschsein im Krisengebiet“ berichten Sie von einem Hilfseinsatz im Südsudan, den sie erlebt haben. Was hat Sie bewogen, die Arbeit der „Ärzte ohne Grenzen“ auf dem afrikanischen Kontinent zu unterstützen?

Andreas Friedrich Lutz Ich wollte meinen liebgewonnen Beruf als Gesundheits- und Krankenpfleger im Ausland ausüben. Für die Arbeit mit den „Ärzten ohne Grenzen“ war für mich auch die Gewissheit ausschlaggebend, dass es gerade im Südsudan Menschen gibt, die unter sehr prekären Bedingungen leben und humanitäre Hilfe dringend benötigen. Die „Ärzte ohne Grenzen“ betreiben unter anderem ein Krankenhaus im Nordosten des Landes, um dort überlebensnotwendige Gesundheitsversorgung für die Menschen vor Ort zu gewährleisten. Dort war ich eingesetzt. Ein Einsatz in der humanitären Hilfe ist dabei eine sehr schöne Form menschlicher Zuwendung und eine großartige Möglichkeit, sich als Gesundheits- und Krankenpfleger einzubringen.

Christoph Müller In der Zeit im Südsudan haben Sie viele Erfahrungen gemacht, die Sie sich nicht haben vorstellen können. Welche Erlebnisse haben den meisten Eindruck hinterlassen?

Andreas Friedrich Lutz Ich erinnere mich an eine Situation eines Samstagmorgens im Südsudan, die für mich ganz bezeichnend für den Projektalltag war. In der Klinik war viel los, es gab viel zu tun, als in der Nähe interkommunale Konflikte aufflammten. Eine Frau wurde in der Nacht mit einer Schussverletzung auf der Intensivstation aufgenommen, ihre drei Kinder wurden bei einem bewaffneten Überfall entführt. Minuten später eile ich schnell in den Kreissaal, wo gerade gesunde Zwillinge zur Welt kommen. Dass wunderschöne und unsagbar schwierige Momente in einer nicht gekannten Intensität und Frequenz ganz alltäglich Teil des eigenen Lebens werden, das hat mich beschäftigt.

Am allermeisten geprägt hat mich, zu erleben, welche existenzielle Bedrohung die Klimakatastrophe für unser menschliches Leben bedeutet. Verheerende Überflutung, Temperaturen von 50° C, Dürreperioden, daraus resultierende gewaltsame Konflikte um die letzten verbleibenden Überlebensressourcen. Mit meiner Expertise als Gesundheits- und Krankenpfleger sage ich: Das ist gerade die Realität in einer 1,1 Grad heißeren Welt. Unter Lebensbedingungen in einer drei oder vier Grad heißeren Welt ist ein menschlicher Organismus vielerorts schlicht nicht überlebensfähig. Im Klartext: Wir müssen nicht das Klima retten, sondern uns selbst.

Christoph Müller Dass sich das Leben im Südsudan völlig anders gestaltet, erscheint geradezu selbstverständlich. Was haben die Menschen dort an Stärken und Talenten, die sie trotz aller Armut und Situationen von Unmöglichkeiten nicht verloren haben?

Andreas Friedrich Lutz Sie haben völlig Recht, die Lebensumstände, unter welchen die Menschen tagtäglich um Ihre Existenz kämpfen müssen, sind schlicht nicht vorstellbar. Dies ging auch mir so. Und ich sage Ihnen ganz ehrlich, ich habe erst einmal drei Tage lang gebraucht, bis ich nach meiner Ankunft zum ersten Mal Mitgefühl empfinden konnte. Ich habe einfach so lange gebraucht, bis ich verstanden hatte: Diese Lebensbedingungen der Menschen sind real. Angesichts solch lebensfeindlicher Bedingungen hat mich die lebensbejahende Haltung der einheimischen Menschen und ihre Fähigkeit mit existenziellen Krisen umgehen zu können, tief beeindruckt. Zu erleben, unter welchen prekären Bedingungen die lokalen Mitarbeiter*innen täglich um Ihre Existenz kämpfen und mit welcher inneren Stärke sich diese inmitten von schweren Krisen in der Klinik für eine würdevolle Versorgung der Patient*innen einsetzen, das ist so bewundernswert. Dass zwischenmenschliche Beziehungen dabei genauso gelingen können, verhält sich dort auf eindrückliche Weise völlig gleich wie andernorts auf der Welt.

Christoph Müller Nach dieser Zeit auf dem afrikanischen Kontinent schauen Sie sicher mit einem anderen Blick auf die medizinische Versorgung in der Heimat, aber auch die Entwicklungshilfe. Inwieweit hat sich Ihr politisches Bewusstsein verändert?

Andreas Friedrich Lutz Herr Müller, da sprechen Sie mir aus der Seele. Im Rückblick haben die Erfahrungen im Südsudan mein politisches Bewusstsein insofern verändert, dass mich diese Zeit sehr für Gerechtigkeitsfragen sensibilisiert hat. Mir sind während des Einsatzes Menschen begegnet, die existenziell unter den Folgen der Klimakatastrophe leiden, die zu sehr großen Teilen durch unsere Lebensweise im globalen Norden verursacht ist. Wir leben hier nicht über unsere eigenen Verhältnisse, sondern über die Verhältnisse von Anderen. Es ist mir seither zu einem wichtigen persönlichen Anliegen geworden, die eigene Lebensweise so zu gestalten, dass ein friedliches globalgesellschaftliches Zusammenleben im Rahmen unserer einen Erde möglich ist.

Christoph Müller „Mit welcher Haltung man einander begegnet, ist auch erfahrbar, wenn man nicht dieselbe Sprache spricht oder wenn man schweigt“, schreiben Sie, als es unter anderem um das Sterben geht. Wie transformieren Sie diese Erfahrung in die europäische Gegenwart und in das eigene professionelle Handeln?

Andreas Friedrich Lutz Ich denke an eine Situation zurück, als auf unserer Intensivstation ein junger Mann an der Tropenerkrankung Kala-Azar verstarb. Völlig verzweifelt kniete die Mutter des Mannes neben dem Bett ihres verstorbenen Kindes. Es ist das vierte von fünf Kindern jener Frau, welches soeben gestorben war. Mit letzten Kräften kroch sie weinend auf allen Vieren über den Boden der Intensivstation hinaus ins Freie. Das ist eine Situation, in der es nicht viel zu sagen gibt. Dafür gibt es keine passenden Worte. Vielmehr empfinde ich es als hilfreich, solch eine Situation gemeinsam auszuhalten. Dabei begegnet man einer Situation eigener Ohnmacht mit gegenseitiger menschlicher Zuwendung. Diese Grenzen des eigenen Einflusses zu akzeptieren und sich als Menschen gegenseitig zuzuwenden, das halte ich auch im europäischen Kontext für wichtig. Besonders in existenziellen Situationen am Lebensende, bedeutet dies für einen elementaren Bestandteil pflegerischen Handelns.

Christoph Müller „Tanzen und Singen als inbegriffener Ausdruck von menschlichem Miteinander, von Leichtigkeit und Gestaltungskraft, ein Miteinander der Generationen, Momente voll unbeschwertem Glück“, schreiben Sie an einer anderen Stelle. Gleichzeitig erfahren wir, wie entscheidend nach Forschungsbelegen Musik und Tanz für das Wohlbefinden des Einzelnen sind. Was hat sich bei Ihrer persönlichen Haltung verändert?

Andreas Friedrich Lutz „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen kennen keine Lieder“ – das sagte mir einmal eine hochbetagte Frau lächelnd, die ich zu Beginn meines Berufslebens pflegen durfte. Da steckt etwas Wahres darin. Auch in unserer Klinik im Südsudan war Singen und Tanzen ein fester Bestandteil der Alltäglichkeit. Wenn im Krankenhaus gesungen wird, können dabei schnell Nähe und Vertrauen entstehen, das vermittelt Sicherheit. Außerdem ist Singen eine großartige Möglichkeit, um tiefer liegende Lungenareale zu belüften – hervorragend geeignet, um Lungenentzündungen vorzubeugen. Als eines Nachts im dortigen Kreissaal eine spontane Party stattfand, kam ich aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Ich bin überzeugt, dass uns Singen und Tanzen deshalb so gut tut, weil dabei eine Verbundenheit mit Anderen erfahrbar wird.

Christoph Müller Die Corona-Pandemie ist auf dem afrikanischen Kontinent ein größeres Problem, da die wirtschaftlichen Möglichkeiten zur Bekämpfung nicht gegeben sind. Was haben Sie diesbezüglich erlebt?

Andreas Friedrich Lutz Als Sars-CoV-2 das erste Mal im Südsudan nachgewiesen wurde, da gab es im gesamten Land genau vier Beatmungsgeräte. Für die gesamte Bevölkerung. Die Corona-Pandemie trifft strukturärmere Länder viel härter und verschärft andere humanitäre Krisen. Gesundheitsrisiken und Infektionserkrankungen wie Malaria, Tuberkulose oder HIV verschwinden ja nicht, nur weil nun auch noch Corona hinzukommt. Der Zugang zur Gesundheitsversorgung gestaltet sich für viele Menschen nun noch viel schwieriger. Ohnehin schwache Gesundheitssysteme sind nun weiter überlastet. Wovon soll ein Mensch leben, wenn er tagsüber das erwirtschaften muss, was er abends isst? Zuhause in der Lehmhütte zu bleiben, kommt für die allerwenigsten in Frage. Bei monatelangen Dürreperioden und Temperaturen bis knapp 50° C sind Hunger und Durst viel unmittelbarer und prekärer als die Gefahr einer Corona-Infektion. Da hat ein Lockdown ganz existenzielle Folgen. Auch für die Gesundheitsprogramme in der humanitären Hilfe bedeutet die Corona-Pandemie zusätzliche Einschränkungen. Wenn man berücksichtigt, dass Menschen wie im Südsudan ohnehin unter ungleich höheren Infektionsrisiken leben müssen, wird deutlich, wie ungerecht die derzeitige Verteilung von Covid-Impfstoffen ist.

Christoph Müller Es sind eindrucksvolle Schilderungen in Ihrem Buch „Menschsein im Krisengebiet“ Wollen Sie einen solchen humanitären Einsatz irgendwann wiederholen?

Andreas Friedrich Lutz Oh ja, ich habe diese Arbeit und das gemeinsame Miteinander geliebt. Ich war sehr gerne dort und kann mir einen weiteren Einsatz sehr gut vorstellen.

Christoph Müller Ganz herzlichen Dank den Einblick in eine ganz fremde Welt.

Andreas Friedrich Lutz Herr Müller, vielen Dank für Ihre Fragen.

 

Das Buch, um das es geht

Andreas Friedrich Lutz: Menschsein im Krisengebiet – Erfahrungsbericht eines Gesundheits-und Krankenpflegers über die humanitäre Hilfe mit „Ärzte ohne Grenzen“ im Süsudan, Hogrefe-Verlag, Bern 2022, ISBN 978-3-456-86146-3, 208 Seiten, 24.95 Euro

 

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at