„Wir haben es mit Mitmenschen zu tun“

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Christoph Müller im Gespräch mit Susanne Schoppmann und Henning Hachtel

Anfang November wird in den Universitären Psychiatrischen Kliniken in Basel eine Tagung zur „Recovery in der Forensik“ stattfinden. Ein Meilenstein wird die Tagung in einem Modellprojekt sein, das sich mit den Genesungswegen und den Selbstheilungskräften von Menschen beschäftigt, die im Zusammenhang mit einer seelischen Erkrankung straffällig wurden und im Maßnahmenvollzug untergebracht sind. Christoph Müller hat Susanne Schoppmann in einem Kaffeehaus getroffen, um von ihr mehr über das Modellprojekt und die Tagung zu erfahren.

Christoph Müller Der Recovery-Begriff beherrscht in den vergangenen Jahren viele Diskurse in der psychiatrischen Versorgung. Was bedeutet dieser Begriff grundsätzlich? Welchen Nutzen haben Menschen von Recovery, die im Maßnahmenvollzug untergebracht sind?

Susanne Schoppmann: Es gibt keine einheitliche Definition von Recovery, aber doch eine weitgehende Übereinstimmung darin, dass es bei der persönlichen Recovery darum geht, ein zufriedenes und sinnerfülltes Leben zu führen – trotz möglicherweise weiterhin bestehender Einschränkungen durch eine psychische Erkrankung. Das macht dann auch den Unterschied zur medizinisch verstandenen Recovery, die in erster Linie auf Symptomfreiheit abzielt, aus. Menschen, die im Massnahmenvollzug untergebracht sind, haben, fast könnte man sagen, einen doppelten Recoveryweg zu gehen: sie müssen nicht nur mit einer psychischen Beeinträchtigung zurechtkommen, sondern auch damit, dass sie eine Straftat begangen haben. In diesem Zusammenhang spricht man international auch von „secure recovery“. Insofern ist es gerade in der forensischen Psychiatrie wichtig Menschen auf diesem Weg dabei zu unterstützen sich mit dieser doppelten Last auseianderszusetzen, um diese sinnvoll in ihre Biografie integrieren zu können. D.h.es geht nicht darum, ein sinnvolles Leben nach der Erkrankung und der Straftat führen zu können, sondern darum, ein sinnvolles Leben mit der begangenen Tat führen zu können.

Henning Hachtel Wir versuchen in unseren Bemühungen auch, unsere bisherigen Behandlungsgewohnheiten zu hinterfragen und die Menschen, die bei uns im Massnahmenvollzug untergebracht sind, stärker an der Gestaltung des Behandlungsprozesses zu beteiligen. Das Stichwort, das mir dabei in den Sinn kommt, ist „procedural justice“, was in etwa mit „Verfahrensgerechtigkeit“ übersetzt werden kann. Eine stärkere Verfahrensgerechtigkeit (z. B. dass sich die Patienten respektiert fühlen und eine partizipative Entscheidungsfindung erfahren) wird in der Literatur als entscheidend dafür angesehen, dass selbst in nicht freiwilligen Einrichtungen weniger Zwang ausgeübt wird. Verstöße gegen die Bewährungsauflagen und neue Verhaftungen werden gemäss Evidenz durch die Qualität der therapeutischen Beziehung vorhergesagt, z. B. durch den therapeutischen Ansatz, der aktives Zuhören und eine direktive Aufsicht kombiniert, ohne eine strafende Ausrichtung zu betonen.

Christoph Müller Es ist die dritte Tagung zur Recovery von Betroffenen, die Anfang November in Basel stattfinden wird. Was erreichen Sie mit einer Tagung, was Sie mit Veröffentlichungen oder kleinen Workshops nicht erreichen?

Susanne Schoppmann : Unsere Tagungen sind so konzipiert, dass sie ein Mischung aus internationalen Inputreferaten und Workshops aus der Praxis für die Praxis bieten. Dahinter steht der Gedanke, dass wir von internationalen Kolleg:innen lernen können, damit wir über den „Tellerrand blicken“ und neue Impulse bekommen. In UK sind die Kollegen jetzt z.B. dabei, Recovery Colleges auch in der forensischen Psychiatrie zu etablieren und ich denke, das ist etwas was wir hier auch in den Blick nehmen sollten. Die Workshops hingegen sollen den Kolleg:innen die Möglichkeit bieten, sich über ihren realen Arbeitsalltag auszutauschen, diesen zu reflektieren und aus ihren praktischen Erfahrungen mit Veränderungen zu lernen. Veröffentlichungen dienen eher der Information einer breiteren Fachöffentlichkeit und werden nach meiner Erfahrung zwar oft als interessant empfunden, aber eher selten zum Anlass genommen, sie z.B. im eigenen Team zu diskutieren.

Henning Hachtel Genau. Der internationale Rahmen bietet eine ideale Möglichkeit zur Vernetzung und dem Abgleichen der jeweiligen Standards und Haltungen. Des Weiteren erhält das Thema so mehr Gewicht und Aufmerksamkeit.

Christoph Müller Schaut man sich die Inhalte aller drei Tagungen an, so fällt auf, dass die Betroffenen stark beteiligt werden. Es wird mit Menschen gesprochen, nicht über sie. Können Sie bestätigen, dass Psychiatrie nur trialogisch oder gar nicht stattfinden kann?

Susanne Schoppmann In der forensischen Psychiatrie ist das vielleicht eine der größten Herausforderungen, denn die Mitarbeitenden arbeiten im Spannungsfeld zwischen Besserung und Sicherung, in dem sie sich kontinuierlich neu positionieren müssen. Umso wichtiger ist es, sich dessen bewusst zu sein und wo immer möglich die Patient:innen als Experten für ihr eigenes Leben zu respektieren. Vom Trialog sind wir in der forensischen Psychiatrie noch ein gutes Stück entfernt. Das hat nicht nur damit zu tun, dass die Sicherheitserfordernisse durchaus eine Hürde für Besuche von Angehörigen darstellen können, sondern auch damit, dass auch Angehörige stigmatisiert werden, insbesondere wenn es sich um Straftaten handelt, über die in den Medien berichtet wird. Entsprechend zurückhaltend werden sie selbst öffentlich. Hinzu kommt, dass Straftaten häufig im nahen Umfeld begangen werden, d.h., dass An- und Zugehörige nicht selten auch selbst Opfer sind.

Henning Hachtel Aber auch, wenn man den Trialog zwischen Patient:innen, Behandler:innen und Behörde definieren würde, sind die Karte unterschiedlich verteilt. Es bedarf der wiederkehrenden Reflektion, das Einflussmöglichkeiten teils sehr ungleich verteilt sind und wir den Zugang zu den Betroffenen mit einer vermehrten Einbeziehung stärken können.

Christoph Müller Es fällt auf, dass die Rehabilitation betroffener Menschen im Zentrum des Modellversuchs steht. Wie gelingt es in der unmittelbaren Versorgung, mit den betroffenen Menschen Möglichkeiten zu erarbeiten, damit Grundbedürfnisse auf prosozialem Wege erreicht werden?

Susanne Schoppmann Ich würde hier nicht von Rehabilitation, sondern tatsächlich von Recovery sprechen, um deutlich zu machen, dass es sich dabei nicht einfach um alten Wein in neuen Schläuchen handelt. Es gibt den vorhin genannten Unterschied zwischen medizinischer Genesung und Rehabilitation und persönlicher Recovery, die ja aus einer Betroffenenbewegung heraus entstanden ist und sehr viel stärker auf allgemein menschliche Bedürfnisse setzt wie Verbundenheit mit anderen Menschen, Hoffnung, einen Sinn im Leben sehen etc. Es macht einen Unterschied, ob eine Behandlung darauf ausgerichtet ist, künftig besser mit einer Erkrankung umgehen zu können und nicht mehr straffällig zu werden oder ob es darum geht, welche Ziele und Wertvorstellungen jemand für sein Leben hat und den Menschen auf dem Weg dahin zu unterstützen. Im Grunde muss sich beides ergänzen.

Henning Hachtel Unser Grundauftrag ist die Vermeidung von Rezidiven in delinquentes Verhalten. Dabei können die Recovery Ansätze neben den bereits stärker etablierten anderen therapeutischen Ansätzen Ihren Beitrag leisten.

Christoph Müller Blickt man auf die Themen, die psychiatrisch Pflegende auf den Tagungen vorgestellt haben, so fällt auf, dass sie komplementäre Ideen umgesetzt haben. Dies zeigt sicher, worauf die Betroffenen positiv ansprechen. Welche Hoffnungen haben Sie, dass personenorientiert und bedürfnisorientiert Good Practice umgesetzt wird?

Susanne Schoppmann Unser Modellversuch läuft jetzt seit zwei Jahren und es sind sechs Stationen in zwei forensisch psychiatrischen Kliniken beteiligt. D.h., wir sehen und hören in Interviews, dass sich für die Patient:innen etwas verändert hat, z.B. weil mehr Partizipation ermöglicht wird, weil Pflegende erkennen, dass sie ihren Patient:innen mehr zutrauen können und ihnen mehr Möglichkeiten bieten, Verantwortung für das Zusammenleben auf der Station zu übernehmen. Dies zeigt sich in kleinen Dingen wie z.B. bestimmte Lebensmittel unter Verschluss zu halten oder frei zugänglich zu machen bis hin zur Bildung eines demokratisch gewählten Patientenrates oder gemeinsamer Überarbeitung von Stationsregeln. Ich will also sagen, dass ich da durchaus optimistisch bin, auch wenn es natürlich noch Luft nach oben gibt.

Henning Hachtel Ich bin sehr froh, dass die Initiative zu einer besseren Integration der Patient:innen von der Pflege ausging und so die Profession, die am direktesten bzw. kontinuierlichsten im Stationsleben mit den Patient:innen interagiert, spürbare Veränderung in der Lebenspraxis der Patient:innen einbringen kann. Auf diese Weise werden auch gewohnte Muster hinterfragt und neue Möglichkeiten des Umgangs bieten Chancen, die in der Behandlung im interprofessionellen Team aufgegriffen werden sollten.

Christoph Müller Psychiatrisch Pflegende entwickeln an vielen Stellen mehr Selbstverständnis und mehr Selbstbewusstsein. Was macht denn die Fachverantwortung psychiatrisch Pflegender in der Forensik aus? Was ist deren besonderer Beitrag bei der Entwicklung von Perspektiven für Menschen, die im Maßnahmenvollzug untergebracht sind?

Susanne Schoppmann Die Fachlichkeit von Pflegenden in der forensischen Psychiatrie zeichnet sich durch das vorhin aufgeführte Spannungsfeld zwischen Besserung und Sicherung aus. Das heißt, dass die Pflegenden selbstverständlich über psychiatrisches Fachwissen verfügen müssen und natürlich wissen, was gute psychiatrische Pflege ausmacht. Sie müssen sich auf pflegerische Langzeitbeziehungen einlassen, ohne in Routinen zu erstarren. Darüber hinaus müssen sie sich aber auch über Wissen aus dem Bereich des Justizsystems verfügen. Sie müssen nicht nur Paragrafen, Voraussetzungen und Verfahren des Massnahmenvollzugs kennen und deren Sprache verstehen, sondern auch Risikoeinschätzungsinstrumente kennen und anwenden können, verstehen, wie es zu einem Delikt gekommen ist, um deliktrelevantes Verhalten im Stationsalltag beobachten und einschätzen zu können, um es für die Behandlung nutzbar zu machen. Darüber hinaus müssen sie – vielleicht mehr als andere psychiatrisch Pflegende – sich ihrer eigenen Wert- und Moralvorstellungen bewusst sein, um Tat und Täter auseinander zu halten, etwas, was unbedingt notwendig ist, um gut mit diesen Patient:innen arbeiten zu können. Denkt man dann noch an Recovery, so müssen sie- oft stellvertretend für Patient:innen- die Hoffnung auf deren persönliche Recovery wecken, aufrecht erhalten und vermitteln.

Wir hoffen natürlich, dass es durch den Kongress, durch die Inputs, aber vor allem auch durch die Workshops gelingt, diese Ideen und Ansätze der praktischen Umsetzung von Recovery-Orientierung in der forensischen Community nicht nur bekannt zu machen, sondern auch Lust darauf, dies in der je eigenen Einrichtung anzuwenden und somit den aktiven Wandel in diesen doch immer noch totalen Institutionen voranzubringen.

Henning Hachtel Da kann ich eigentlich nicht viel mehr beitragen. Um es vielleicht überspitzt auf den Punkt zu bringen, lehne ich mich an die Worte unseres neuen Klinikleiters Pflege, Stefan Rogge, an. Im Bewerbungsgespräch um die zu besetzende Stelle antwortete er auf meine Frage, was für ihn die zentrale Aussage seines Buches zur Behandlung von Menschen im Maßregelvollzug ist, dass es sich um die Behandlung von Menschen handelt. Ich denke, das sollten wir nicht aus den Augen lassen. Egal, welche Profession in der Behandlung involviert ist, wir haben es mit Mitmenschen zu tun und sollten diese entsprechend behandeln, respektieren und unterstützen – also auch den Menschen mit all seinen Fehlern als solches sehen können.

Christoph Müller Herzlichen Dank, liebe Frau Schoppmann, lieber Herr Hachtel, für die eindrücklichen Anregungen.

Informationen zur Tagung:

https://www.upk.ch/fileadmin/user_upload/Veranstaltungen/Flyer_3._Fachtagung_-_Recovery_in_der_forensischen_Psychiatrie_-_3.__4.11.2022_-_UPK_Basel.pdf

 

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at