Wie sicher ist die Sicherheit unter gesicherten Bedingungen?

Übergriffe sind ein drängendes Problem im Maßregelvollzug

(C) diyanadimitrova

Immer wieder wird über Gewalt u.a. auf Einsatzkräfte der Polizei, der Feuerwehr, des Rettungswesen auch presseöffentlich berichtet. Darauf folgt meist gesellschaftliche Empörung und die Politik diskutiert über ein härteres Strafmaß.

Es scheint als würden physischen und psychischen Übergriffe auf Beschäftigte durch Patienten*innen im Maßregelvollzug zuzunehmen. Gesicherte Untersuchungen dazu gibt es bislang nicht. Doch Umfragen und Berichten von Interessenvertretungen zu Folge, sind Übergriffe in den letzten Jahren stetig gestiegen – verbal und körperlich.

Gesichert untergebrachte Menschen werden, zum Schutz der Bevölkerung, von Beschäftigten verschiedenster Professionen therapiert, weil Sie als gefährlich gelten.

Also unter höchst gesicherten Bedingungen in Sicherheit untergebracht – doch wie Sicher ist die Sicherheit unter gesicherten Bedingungen?

Ausgehend davon das jeder Übergriff ein Übergriff zu viel ist und der Tatsache, dass es keine bundesweit gesicherte Datenlage gibt, ist es nicht das Anliegen Behauptungen aufzustellen, sondern vielmehr die Situation und die Möglichkeiten hier darzustellen.

Grundsätzlich ist die Sicherheit für Beschäftigte ein ständiges Thema. Sei es durch den sichtbaren Schutz u.a. von Kameras, elektronisch gesicherten Türen, Personennotrufgeräten und auch durch spezielle Schulungen wie Deeskalationstraining und Präventionsmaßnahmen wie das „Safewards-Modell“. Qualifizierung ist eines der wichtigsten Maßnahmen sowie die Gestaltung des therapeutischen Settings und dennoch, die höchstmögliche Sicherheit ist die enge therapeutische Beziehung zu der untergebrachten Person.

Veränderte Rahmenbedingungen wie die Stärkung der Patientenrechte, Verhältnismäßigkeit, Abänderung bei der Zwangsmedikation, Abänderung bei Fixierungen und Patientenverfügungen tragen zur Unsicherheit bei Beschäftigten bei. Die Schwierigkeit Sicherheit zu gerieren bei eigener Unsicherheit, dies Bedarf keiner weiteren Ausführung.

Ein ebenfalls wesentlicher Baustein um für Sicherheit zu sorgen ist der Umgang zwischen den Beschäftigten sowie zwischen Vorgesetzten und Beschäftigten. Das sogenannte wertschätzende Miteinander also die Anerkennung untereinander im multiprofessionellen Team sowie das Geben und Erhalten vom gesprochenen Lob, sind unerlässlich für ein gutes Betriebsklima. Nur wo es dem Beschäftigten grundsätzlich gut geht, ist es ihm möglich eine gute, professionelle und qualifizierte Arbeit zu leisten. Hierzu zählt auch eine offene Fehlerkultur.

Eines ist und bleibt eines jeden Beschäftigten Aufgabe, das ist die eigene Haltung. Die eigene Haltung zu seinem Beruf in seinem Berufsfeld – aber auch hier sind Schulungen möglich.

In unterschiedlicher Weise wird in den Einrichtungen für die Sicherheit der Beschäftigten gesorgt und dennoch, die Übergriffe scheinen zuzunehmen.

Übergriffe die zur Arbeitsunfähigkeit führen aber auch Übergriffe die lediglich dokumentiert werden um mögliche zukünftige Erkrankungen entsprechend abzusichern.

Vermutlich werden wir Übergriffe nie ganz verhindern können, doch wir können besser werden, denn es gibt immer und immer wieder Handlungsbedarfe.

Neben den bereits angesprochenen Maßnahmen ist die offene, transparente einheitliche Handhabung von Unfallanzeigen notwendig. Keinesfalls um einen Vergleich herzustellen, sondern um belegbare Fakten zur Auswertung und Erarbeitung von Konsequenzen zu nutzen. Dies gilt auch für die gesetzlich vorgeschriebenen Gefährdungsbeurteilungen und des Arbeits- und den Gesundheitsschutz.

Räumliche Voraussetzung können wesentlich verbessert werden. Sei es durch Farbgestaltungen und baulichen Voraussetzungen. Hierzu gehören natürlich auch die Stationsgrößen; die arbeitspsychologische Studie „Stress, Belastung und Beanspruchung im Maßregelvollzug und in der Allgemeinpsychiatrie“ von Dr. Norbert Schalast, 1995, kann eindrücklich überzeugen. Zitat:

“Zwischen zwanzig Personen sind 180 verschiedene Zweierbeziehungen möglich: 180 verschiedene Möglichkeiten, dass je zwei Menschen gereizt aufeinander reagieren, sich verunsichern, zum Drogenkonsum animieren u.a.m. Beziehen wir noch ein Team von etwa zwanzig Mitarbeitern ein, so sind schon störanfällige 760 Paarungen denkbar. In einer Wohngruppe mit acht Patienten gibt es 24 mögliche Zweierbeziehungen unter Patienten und damit eine ungleich größere Chance, dass ein stabiles, überschaubares Gruppengefüge entsteht, in dem der Einzelne sich sicher fühlen kann, Die Forderungen nach kleinen Wohngruppen liegt aus therapeutischer Sicht auf der Hand; sie ist auch aus arbeitspsychologischer Sicht zu unterstreichen.“

Bewusst nenne ich es zuletzt, die Personalausstattung. Bewusst, da die Personalausstattung immer und überall als erstes Mittel zur Verbesserung der meisten Probleme genannt wird. Die Personalausstattung muss für alle Professionen so berechenbar sein, dass die gesetzliche Aufgabe des Maßregelvollzuges im Sinne der Patientinnen und Patienten zeitnah erfüllt werden kann.

Doch was passiert eigentlich wenn ein Übergriff erfolgt ist?

Unter einem Übergriff leiden alle Beschäftigten, sei es das oder die Opfer, die Beschäftigten die unmittelbar am Ort des Übergriffs waren, die Teamkollegen*innen, die anderen Teams/Beschäftigten der Einrichtungen. Zudem kommen persönliche Beziehungen hinzu.

Das oder die Opfer werden zumeist behandelt und sind dann, je nach Schwere des Übergriffs arbeitsunfähig. Werden sie weiter unterstützt? Bekommen sie von der Einrichtung die nötige Hilfe für juristische Fragen, Beratung für soziale, psychische, finanzielle Hilfen, für sie selbst und das familiäre Umfeld? Wie ist der ständige Kontakt zu Vorgesetzten und Kollegen*innen geregelt und die Wiedereingliederung in den beruflichen Alltag?

Wie gehen wir mit den Beschäftigten die unmittelbar am Ort des Übergriffs waren um? Wie mit den Teammitgliedern, den anderen Teams/Beschäftigten der Einrichtungen? Gibt es ein kollegiales Hilfesystem? Wird zusätzliche Supervision angeboten? Wie kümmern sich die Vorgesetzten und die Einrichtungsleitung um die Beschäftigten? Gibt es Rückzugsorte um aus dem direkten Arbeitsfeld zu kommen? Bedenken wir, dass die Beschäftigten mit dem Täter weiterarbeiten müssen?

Vergessen wir nicht, dass nach einem Übergriff das Leiden auch aus Angst, Unsicherheit, Wut und Verzweiflung besteht. Umso wichtiger ist es definierte Handlungsleitlinien vorzuhalten, die wieder zu mehr Sicherheit beitragen. Mehr Sicherheit für die Beschäftigten der Teams aber auch für die Vorgesetzten und Einrichtungsleitungen.

Übergriffe sind ein eigenständiges, drängendes Problem im Maßregelvollzug.

Entscheidend ist, dass bei allen Maßnahmen die ergriffen werden immer bedacht werden muss, dass es für Beschäftigte auch umsetzbar sein muss. Dies gilt für die Einführung von therapeutischen Konzepten, der Zumutbarkeit von Überbelegungen, für den Einsatz von Präventivmaßnahmen, der Planung von organisatorische und bauliche Maßnahmen sowie der Entscheidung zur finanziellen Ausstattung.

Vor allem aber ist es wichtig Beschäftigte ernst zu nehmen, denn es ist keine Schwäche – auch nach einem verbalen Übergriff – zu leiden, gar arbeitsunfähig zu werden.

Michael Hechsel
Über Michael Hechsel 1 Artikel
Vorsitzender, Fachausschuss Forensik, Deutsche Gesellschaft für soziale Psychiatrie, www.forensik.de

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