Werte für die Medizin – Warum Heilberufe ihre eigene Identität verteidigen müssen

Hören als seismographisches Erspüren einer Wirklichkeit

Auf den ersten Blick werden die Hürden mit dem Buch Giovanni Maios hochgelegt. Von Werten schreibt der Freiburger Medizinethiker. Gleichzeitig klagt er immer wieder über die Ökonomisierung und Rationalisierung im Gesundheitswesen. Insofern ist man geneigt, Maio in eine Reihe mit vielen zu stellen, die Klagelieder singen. Spätestens wenn es um „wiederzuentdeckende Werte der Heilberufe“ geht, dann wird die eigentliche Sprengkraft des Buchs offensichtlich.

Der Begriff der Werte hat etwas Moralisches. Mit dem Zeigefinger kommt Maio nicht daher. Denn er wünscht, dass sich Menschen in der praktischen Pflege und Medizin wieder bestimmte Tugenden einüben. Es lohnt sich beispielsweise, sich mit dem Maioschen Begriff der Geduld zu beschäftigen. Maio stellt fest, dass Geduld etwas anderes sei, „als eine Sache auszusitzen“ (90). Die innere Fähigkeit zur Geduld sei eine „weitsichtige Aktivität, eine Aktivität, die nicht primär auf das Bewirken setzt, sondern auf das An-sich-herankommen-Lassen, auf das Reif-werden-Lassen“ (91). Geduld ermögliche es dem Menschen, „das Wichtige zu fokussieren und sozusagen am Ball zu bleiben“ (91/92).

Solche Gedanken zeugen irgendwie von einer großen Weisheit. Schaut man sich Pflegende in ihrem beruflichen Alltag an, so kann der Eindruck eines manchmal sogar ziellosen Aktivismus nicht wegzustreichen. Insofern kann das Einüben von Geduld ein erster Schritt sein, Menschen in Betreuung und Pflege zur Hilfe zur Selbsthilfe zu befähigen. Geduld zu haben bedeutet möglicherweise die Fähigkeit zu zeigen, Langsamkeit zu akzeptieren.

Eine dezidierte Tugend, die Maio in den Blick nimmt, ist das Hören. Eine stereotype Vorstellung eines Arztes oder einer Pflegenden sieht die Akteurinnen und Akteure empathisch und hingebungsvoll am Bettrand sitzen. Die Wirklichkeit in den Arztpraxen, den Pflegeheimen und den Kliniken sieht anders aus. Maio ruft in Erinnerung, dass es um das Hören als atmosphärischen Sinn geht. Während Mediziner und Pflegende als pragmatische Macher im Alltag daherkommen, so zeigt Maio eine ganz andere Seite auf. Das Hören setze nicht primär auf Planung und Kontrolle, „sondern auf das seismographische Erspüren einer Wirklichkeit, der man sich aussetzt, ohne sie in dem Moment wirklich kontrollieren zu können. Hören bedeutet daher vor allem zuzulassen“ (111).

Bei den wiederzuentdeckenden Werten der Heilberufe stellt Maio beeindruckende Begriffspaare vor. Er schreibt über „Sorgfalt und Geduld“, „Offenheit und Feinsinn“, „Takt und Begegnungsbereitschaft“, „Reflektiertheit und Erfahrenheit“, „Behutsamkeit und Demut“ sowie Unbeirrbarkeit und Treue zum sozialen Auftrag. Die Leserin, der Leser hat erst einmal die Möglichkeit, Maios Buch als einen bewegenden Diskussionsbeitrag in ethischen Diskussionen um die Heilberufe zu lesen. Eine andere Möglichkeit ist es, es als Brevier zu lesen. Wer (all)täglich in der Unruhe und Komplexität des Gesundheitswesens tätig ist, der braucht seine ruhigen Stunden, in denen es einfach um das Nachdenken und Nachspüren geht. Mit dem Brevier durch den Tag zu gehen gibt glücklicherweise dem Alltag seinen Rhythmus.

Maio regt an, „eine Ethik der Sorge“ neu zu prägen. Mit diesem Aufruf ist ihm natürlich recht zu geben. Gegen Ende seines aufrüttelnden Buchs bekommt dies einen politischen Geschmack, den Maio bewusst in die Diskussion einbringt. Gleichzeitig darf nicht darauf verzichtet werden, Aspekte der Mystik in den Blick zu nehmen.

Giovanni Maio: Werte für die Medizin – Warum Heilberufe ihre eigene Identität verteidigen müssen, Kösel-Verlag, München 2018, ISBN 978-3-466-34688-2, 208 Seiten, 22 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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