„… werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann …“

(C) complize | M.Martins

In den Fußball-Stadien wiederholen sich derzeit die Bilder. Die Schlachtenbummler der Vereine rollen große Fahnenbanner aus. Mit den dort verewigten Parolen protestieren sie gegen die Kommerzialisierung des Sports. Es ist jene Kommerzialisierung, die dafür sorgt, dass die Arenen die Namen großer Unternehmen tragen. Es ist jene Kommerzialisierung, die begründet, dass die Fußballspieler auf einem Markt für nicht nachvollziehbare Summen hin und her verkauft werden. Und was machen die Fans? Sie gehen unermüdlich zu den Spielen ihrer Lieblingsvereine, feuern die Profi-Sportler an, die an das eigene Geldverdienen denken, aber sicher nicht die Leidenschaft für den Verein im Herzen tragen.

In den Hospitälern und den Pflegeheimen geschieht Vergleichbares. Die Pflegenden tun unermüdlichen ihre Arbeit. Wenn am Freitagmittag die Krankmeldung eines Kollegen oder einer Kollegin kommt, wird die eigene Wochenendplanung umgeschmissen. Lange geplante Besuche von Familie und Freunden werden nochmals verschoben. Pflegende begründen solche Schritte dann damit, dass die kranken oder gebrechlichen Menschen ja versorgt sein müssen. Sie könnten ja nicht dafür leiden, dass die Personalressourcen nicht reichen. Damit eröffnen sie einer Kommerzialisierung im Gesundheitswesen die Tore. Unternehmen, die auf Gewinn aus sind, können davon ausgehen, dass doch noch alles gut geht.

Was haben diese eigentlich ganz unterschiedlichen Erfahrungswelten miteinander zu tun? Diese Frage wird Sie sicher beschäftigen. Mich hat sie eine ganze Woche bewegt. Mein ganzes Leben lang begleitet mich eine Freude am Fußball. Wenn ich ein Spiel im Stadion besuche (was ich schon ewig nicht mehr gemacht habe), werde ich von der Stimmung im Stadion mitgerissen. Es braucht nur eines kleinen Funkens, um das Feuer wieder zum Lodern zu bringen. Im beruflichen Kontext geht es eigentlich nicht anders. Es gibt Phasen, in denen die Gewohnheit im Vordergrund steht. Und dann kommen die Momente und die Begegnungen, die die eigentliche Begeisterung für die pflegerische Arbeit ausmachen.

Häufig erleben wir in den Pflegeheimen und Kliniken, dass die Stimmung unerträglich ist. Der eigene Anspruch an die pflegerische Arbeit kann nicht gelebt werden, weil die Personalressourcen völlig unzureichend sind, die notwendigen Sachmittel für die Arbeit nicht da sind oder einfach der Spaß an der Arbeit nicht gegeben ist. Dazu kommt, dass die politischen Rahmenbedingungen dürftig sind. Die politisch Verantwortlichen diskutieren über Personaluntergrenzen, Personalverordnungen oder Unmöglichkeiten von Tarifverträgen und arbeitsrechtlicher Bestimmungen.

Die Fußball-Fans schreiben ihre Protestbanner. Die Pflegenden melden sich hin und wieder krank, weil der eigene Körper oder die eigene Seele nicht mitspielen. Doch grundsätzlich verändert sich nichts am und im System. Die Fans bezahlen brav weiterhin die Eintrittskarten für das Stadion, kaufen sich in schöner Regelmäßigkeit die schönen Trikots der Lieblingsvereine und nehmen oft auch die Mühe auf sich, die Mannschaft zu einem Auswärtsspiel zu begleiten. Und bei der Kommerzialisierung suchen sie dann noch den Streit mit Vereinsfunktionären und anderen Predigern des Fußball-Geschäfts. Die Pflegenden schimpfen mit und über die Vorgesetzten. Doch Veränderungen erscheinen unerreichbar.

Ob dies wirklich so ist, bleibt ja offen, wenn Pflegende nicht einmal einen klaren Protest wagen. Bei den Fußball-Fans wäre es, so glaube ich, einmal heilsam, wenn die Stadien über Wochen oder Monate einmal leer blieben, niemand in den Merchandising-Shops einkaufen ginge. Unter Pflegenden bräuchte es auch einmal drastischer Schritte, wie ich glaube.

Mir ist in der ganzen Woche ein Spruch der Cree-Indianer nicht mehr aus dem Sinn gegangen: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“

Christoph Mueller
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Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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