Wenn Schönheit krank macht

(C) Anna Ismagilova

Die Suche nach einer allgemein gültigen Antwort auf die Frage: „Was ist ein schöner Mensch?“ ist mehrdimensional unweigerlich zum Scheitern verurteilt und doch beeinflusst das Thema „Schönheit“ unser aller Leben, Frauen wie Männer, einst und jetzt, hier wie dort, privat und öffentlich. Die unterschiedlichsten Kulturkreise wie auch geschichtliche Epochen haben ihre eigenen Schönheitsvorstellungen körperlicher Merkmale und körperlicher Inszenierungen. Verschiedene Forschungsdisziplinen suchen ebenfalls nach einer Definition der Schönheit. Ethnologische Forschung sieht Schönheitsstandards als das Resultat sexueller Selektion, wohingegen die Soziologie Interesse daran hat, Erklärungen zu finden, für plötzlich auftauchende oder ins Übertriebene gesteigerte Körpertechnologien und deren Ausprägungen als gesellschaftliche Trends. In den theoretischen Grundlagen der Attraktivitäts-und Geschlechterforschung besteht Einigkeit darüber, dass Schönheit in der Konstruktion von Weiblichkeit eine ungleich größere Rolle spielt, als von Männlichkeit. Seit einigen Jahren ist allerdings auch ein Anstieg männlichen Schönheitshandelns beobachtbar.

Schönheit im Wandel der Zeit
Schönheit definiert sich kulturell (Otto Penz). So ist ein Schönheitsideal eine zeitgemäße Vorstellung von Schönheit innerhalb einer Kultur und bezieht sich in erster Linie auf Körper und Gesicht. Die Mode hingegen bezeichnet das Schönheitsbild von Kleidung, Schmuck und Frisur.
Die Geschichte zeigt eindrücklich den Wandel von Schönheitsbildern. Galt in der Renaissance ein Doppelkinn als sexuell attraktiv, so führt dieses in der heutigen Zeit möglicherweise in die Schönheitschirurgie. Schlank, war nicht immer das körperliche Ideal, Fettleibigkeit galt als begehrtes Wohlstandszeichen. Im Mittelalter galt ein vorgewölbter Bauch als erotisches Merkmal.

Im Barock standen üppige Formen hoch im Kurs. Mitte des 17. Jahrhunderts kam das Korsett in Mode und hielt sich mehrere Jahrhunderte. Im viktorianischen Bürgertum stand Körperfülle für Wohlstand und Respektabilität. Frauen wurden als „das schöne Geschlecht“ bezeichnet, wohingegen schöne, modebewusste Männer als verweichlicht und effeminiert galten.

Schönheit um jeden Preis
Um den Schönheitsvorstellungen zu entsprechen, wurden und werden die unterschiedlichsten Mittel eingesetzt, davon leben mehrere Industriezweige wie Mode-, Kosmetik-, Pharmaindustrie, aber auch die „Ästhetische“ Medizin und viele Bereiche der „Lebensberatung“, wo der Zwang der Selbstoptimierung die wildesten Auswüchse annehmen kann und einer Sisyphus-Arbeit gleich kommt.

Weltweit zeigt sich in der Körpermodifikation nicht nur das Bestreben nach Schönheit, sondern ist auch Ausdruck von Zugehörigkeit zu einer Klasse oder einem Clan, beispielsweise die Verlängerung des Halses durch Messingringe oder die sogenannten „Tellerlippen“. Auch in den Industrieländern ist ein Zusammenhang von Schönheit, Status, gesellschaftlicher Zugehörigkeit, Macht und Reichtum zu erkennen. Es gibt sogar Vermittlungsagenturen, die gut situierte Männer aus Wirtschaft, Sport oder Kunst gegen Bezahlung mit ausschließlich jungen, schönen Frauen vertraglich verbindet, weil es sich medial gut macht.

Körpergewicht und Schönheitsideal
Schlank-Sein ist das vorherrschende Schönheitsideal in unseren Breiten. Kaum eine Frau, die nicht schon eine oder gar mehrere Diäten hinter sich hat und zunehmend trifft das auch auf Männer zu. Besonders dramatisch ist diese Entwicklung bei heranwachsenden Kindern und Jugendlichen. Mediale Visualisierungen verstärken diese Entwicklung. Fotografie, Film, digitale Medien und Fernsehen schaffen eine Schönheitsatmosphäre, der sich sowohl jung wie alt schwer entziehen kann. Macht über den eigenen Körper zu erlangen, kompensiert scheinbar die Hilflosigkeit auf anderen Gebieten des Lebens. Von der Selbstentwertung „ich bin nicht gut genug“ zur Selbstermächtigung „ich mache was“.

Körperkult und Fetischismus
Der Selbstwert von Frauen aber auch zunehmend von Männern ist stark von Körperlichkeit beeinflusst, wobei der wirtschaftliche Faktor nicht zu unterschätzen ist, denn die Gewinne der Schönheits-, Pharma- und Diätindustrie wachsen in dem Maße, indem der eigene Körper als „nicht richtig“ empfunden wird. Körperfetischismus kann in verschiedenen Formen zum Körperhass werden, was sich beispielsweise durch Essstörungen und Fitnesswahn ausdrückt. Kulturelles Umfeld, Familie und gesellschaftliche Zusammenhänge spielen dabei eine große Rolle (Susie Orbach).

Der Fixierung auf Schlankheit und Schönheit steht das Schreckgespenst der steigenden Übergewichtsrate gegenüber und somit die Angst vor Ausgrenzung, Krankheit, mangelnder Attraktivität und geringeren Erfolgschancen im Beruf und in der Liebe. Dicke Menschen werden oftmals diskriminiert, es wird ihnen Faulheit, Undiszipliniertheit und Willensschwäche unterstellt.

Alle schönheitsbezogenen Anstrengungen durch Fitnesstrainings, Kosmetik und Mode bis hin zu Schönheitsoperationen bringen zum Ausdruck, wie wir gesehen werden wollen und wie wir uns selbst sehen. Der vielzitierte Ausspruch: „ich tu das nur für mich“ ist eine Illusion und bedarf eines genauen „Hinsehens“.

Schönheitspflege, Behandlungen und operative Eingriffe
Schönheitspflege dient, wie der Name schon sagt, zur Pflege der eigenen Schönheit, dem Wohlbefinden, der Zufriedenheit und schließt sowohl den Körper wie die Seele mit ein. Schönheitsbehandlungen und –operationen sind ein weites Feld, auf dem sich nicht nur SchönheitschirurgInnen tummeln, sondern auch DermatologInnen, KosmetikerInnen oder auch Spa-und Wellnessbetriebe mit Schönheitsversprechen. Kaum ein Fernsehsender oder eine Frauenzeitschrift, die nicht ein Vorher-Nachher Programm anbieten, Casting-Shows haben erschreckend hohe Einschaltquoten. Voyerismus trifft auf „Alles-ist-möglich“, vermeintlich unkompliziert und schmerzfrei.

Eine Schönheitsoperation ist ein chirurgischer Eingriff, der keine medizinische Notwendigkeit hat, sondern der subjektiven Verschönerung dienen soll. Doch jede Operation birgt auch ein Risiko, umso notwendiger ist es, nicht nur die Motivation und die Kosten dafür zu beachten, sondern vor allem die fachliche Kompetenz und Erfahrung der ChirurgInnen, denn nur Plastische ChirurgInnen verfügen über eine mehrjährige Zusatzausbildung, wobei in Österreich gesetzlich gesehen jede Ärztin/jeder Arzt eine Schönheitsoperation durchführen darf.

Zu den häufigsten Schönheitseingriffen zählen:
• Brustvergrößerungen
• Liposuction (Fettabsaugung)
• Lipofilling (Eigenfetttransplantation)
• Dermabrasion (Hautschleifbehandlung)
• Blepharoplastik (Lidstraffung)
• Nasenkorrekturen
• Facelifting
• Bauchdeckenstraffung
• Otoplastik (Ohrmuschelkorrektur)
• Haartransplantationen

Laut Statistik werden in Österreich etwa 50.000 Eingriffe/Jahr vorgenommen, Tendenz steigend und mit über 90% überwiegend Frauen. Eine Statistik zu postoperativen Komplikationen oder Todesfällen gibt es nicht. Kosmetische Eingriffe z.B. mit Botox oder Hyaluronsäure werden als harmlos dargestellt und finden mittlerweile sogar in Privathaushalten wie einst die Tupper-Partys statt.

Intimchirurgie
Welche extreme Auswirkungen der weibliche Schönheitswahn annehmen kann, zeigt sich in den steigenden Zahlen von operativen Eingriffen im Genitalbereich, allen voran die Schamlippenverkleinerung aus ästhetischen Motiven.

Nun stellt sich die Frage, wie kommt das Bild einer perfekten Vulva zustande?

Sexualtherapeutin Dr.in Elia Bragagna weist darauf hin, dass vorwiegend junge Frauen davon betroffen sind, verblendet vom medial transportierten weiblichen Schönheitsideal und einem präpubertären Mädchenkörper im Kopf, der mit dem realen Frauenkörper nicht überein stimmt, zudem glatt, straff und haarlos. Weitere Gründe für die Intimchirurgie werden mit Schmerzen beim Koitus oder mangelnde Erregung angegeben. Der Weg in die Chirurgie scheint leichter zu sein, als sich mit den eigenen Bedürfnissen auseinanderzusetzen und mit der Frage: Was brauche ich persönlich für ein erfülltes Leben, fern von Normierungen.

Machen-lassen statt Sein-lassen.
In unserer Gesellschaft herrscht die Haltung des Machbaren, unterstützt von der Schönheitsindustrie. Veränderungen am Körper tragen nicht automatisch zu einem gesteigerten Selbstbewusstsein bei oder einer gesünderen Körperwahrnehmung.

Was senden wir für eine doppeldeutige Botschaft, wenn einerseits zu Recht gegen Genitalverstümmelung (FGM) protestiert wird und andererseits Frauen in den Industrieländern ihre Genitalien „beschneiden“ lassen um einer vermeintlichen Schönheitsnorm zu entsprechen?

Komplikation und Krankheit
Die meisten Komplikationen nach Schönheitsoperationen treten nach Brust-OP, Fettabsaugung und Bauchdeckenstraffung auf. Wundheilungsstörungen, wochenlange Schmerzen, Asymmetrie, Embolien und Narbenbildung sind keine Seltenheit. Es gibt keine Erfolgsgarantie und gerichtliche Prozesse sind langwierig, kostenintensiv und selten von Erfolg gekrönt.

In Diskussionen um die Schönheitschirurgie geht es nicht um Patientinnen und Patienten, die durch Unfälle, angeborene Fehlbildungen wie LKGS-Spalte oder Mastektomie die Plastische Chirurgie / Rekonstruktionschirurgie in Anspruch nehmen. Vielmehr geht es um die Ästhetische Medizin für deren Einsatzgebiet es keine medizinische Notwendigkeit gibt. Umso wichtiger ist es, im Vorfeld die Beweggründe für Schönheitsoperationen genauestens zu analysieren und besonders die Erwartungen zu thematisieren. Eine ausführliche Anamnese ist unumgänglich, auch um eine mögliche, bereits bestehende psychische Erkrankung auszuschließen, die vielleicht den Wunsch nach einer Schönheitsoperation indiziert.
Neben den körperlichen Risiken einer Schönheitsoperation, gibt es auch psychische Risiken z.B. die Sucht nach noch mehr Eingriffen, weil die persönliche Zufriedenheit trotz gelungener Operationen und Behandlungen nicht erreicht wird.

Wird nach einer Operation das persönliche Leben glücklicher verlaufen, der Erfolg im Beruf oder beim anderen Geschlecht automatisch funktionieren und Selbstsicherheit mit Garantie vorhanden sein?

Das „Wiener Programm für Frauengesundheit“ hat eine höchst empfehlenswerte Broschüre herausgegeben: „Schönheit um jeden Preis?“. Eine Ratgeberin, wie der eigenen Schönheit auf die Spur zu kommen ist, was bei Schönheitsoperationen zu beachten ist, wie die richtigen ÄrztInnen oder PsychologInnen zu finden sind, samt rechtlichen Informationen.

Mein persönliches Fazit: Es muss möglich sein, sich wertfrei dem Thema anzunehmen!

In meiner WJ-Beratungspraxis erlebe ich immer wieder Frauen mit großen Unsicherheiten, denn einerseits liebäugeln sie mit der einen oder anderen Schönheitsoperation und gleichzeitig schämen sie sich dafür, dass sie nicht zum Altern und seinen sichtbaren Spuren stehen können. Sie erhoffen sich durch den Eingriff eine persönliche Aufwertung und fürchten gleichzeitig die Abwertung, wenn sie diesen Schritt machen, denn Aussagen wie: sie kann nicht zu ihrem Alter stehen, sie hat ein Problem mit ihrem Frau-Sein etc. sind keine Seltenheit. Immer wieder höre ich den Satz: ich möchte etwas machen lassen, aber so, dass man es nicht sieht, also ganz natürlich.

Es stimmt mich nachdenklich, dass 50jährige Frauen jung aussehen wollen und das, obwohl sie in jungen Jahren mit ihrem Aussehen gar nicht zufrieden waren.

Die größten Gefahren sehe ich jedoch für junge Menschen, besonders wenn das Schönheitsideal mit einem Leistungsideal gekoppelt ist: „Mach was aus deinem Leben!“ Der Selbstoptimierungswahn kennt keine Grenzen! Mit dem Ziel der Verschönerung, verhässlichen sie sich bzw. lassen sich verhässlichen. Beliebt ist auch der Ausspruch: „das tun eh schon alle“! Wenn etwas zur vermeintlichen Normalität wird, so wird es m.E. nicht unbedingt besser oder ungefährlicher, ganz im Gegenteil.

Aktuell gibt der Schönheitschirug Dr. Turkov an, dass die häufigsten Eingriffe die ohnehin schönen Menschen durchführen lassen. Schönheit ist ein Konstrukt. Doch wer sind die KonstrukteurInnen?

Merke: Durch die Augen der Liebe betrachtet, sind wir alle schön!

Quellen:
D.Filter, J.Reich: Bei mir bist du schön…
S.Orbach: Bodies – Schlachtfelder der Schönheit
wikipedia.org

Karin Grössing
Über Karin Grössing 6 Artikel
seit 1980 Diplomierte Gesundheits-und Krankenpflegerin mit zahlreichen Zusatzqualifikationen und weitgestreuten Tätigkeitsbereichen: Krankenhaus; Home Care; Entlassungsmanagement; Incontinence Research & Development; EPU Wechseljahreberatung; Referentin & Trainerin; Autorin. Aktuell in leitender Funktion bei der Hilfswerk Personaldienstleistungs-GmbH.

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