Wenn Medien stigmatisieren – Kritik an einem Standardartikel

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Am 6.September bringt Gerald John einen Artikel über Demenz und Pflegemangel heraus. Der Artikel drängt Menschen mit Vergesslichkeit in ein Eck, verbindet dies mit dem Pflegemangel und polarisiert in eine Richtung, die wir als Pflegekräfte nicht stehen lassen können. Wir haben der Redaktion zum besagten Artikel (https://www.derstandard.at/story/2000129188514/die-brutale-seite-des-pflegenotstands) einen Leserbrief geschickt. 


Sehr geehrtes Standard-Redaktionsteam!

Qualitativ habe ich bisher immer den Standard als „hochwertig“ wahrgenommen. Als Institutsleiter für Pflege, Pflegefachkraft, Herausgeber von Pflegefachmagazinen und Journalist dreht es mir bei Ihrem Artikel der Magen um. Die einseitige nichtreflektierte Art beim Artikel https://www.derstandard.at/story/2000129188514/die-brutale-seite-des-pflegenotstands verwunderlich.

„DEMENTE“: Noch mehr kann man Menschen nicht mehr stigmatisieren. Dieses Wording ist schon seit Jahren nicht mehr zulässig, da es Menschen auf ihre Krankheit reduziert. Sie schreiben auch nicht von Behinderten oder Krüppel, wenn es um Menschen im Rollstuhl geht.

„Die will keiner haben, nicht einmal im Pflegeheim“: Damit generieren Sie einseitig Angst, „Die wollen selbst die Alten im Altenheim nicht“. Das einzige was Sie hiermit erreichen ist eine Erhöhung der Selbstmordrate. Menschen haben schon eine Hürde in eine pflegerische Einrichtung zu gehen, viele wollen niemanden zur Last fallen. Mit diesem Artikel treiben Sie Menschen genau in diese Richtung.

Pflegende Angehörige: Noch mehr kann man Pflegende Angehörige nicht mehr frustrieren, mit Ängste füttern und ihnen einen Berg Hoffnungslosigkeit mitgeben. „Die werden im Heim dann ins Abseits geschoben“, usw.

Pflege: Noch einseitiger kann man Pflege nicht präsentieren. „Pflege die mit Löffeln und Spritzen mit Fruchtmus hantieren“. Die Liste ist noch lang, wie hier dieser „Journalist“ es darstellt. Wo sind die Best Practice Beispiele? Wo sind die Berichte von den Vorzeigeprojekten? Nur in eine Richtung zu präsentieren ist nicht Niveau des Standard.

Einseitigkeit des Artikels: Das ist so, also ob ich einen Artikel über eine rechtsradikalen Partei schreibe und darauf auf alle Österreicher schließe.

„Viele im Haus leiden unter frontotemporaler Demenz“: Das ist aber nicht die Norm. Menschen, die an einer frontotemporaler Demenz leiden, sind eher die Seltenheit. Warum wurde (angeblich) ein Haus für einen Artikel gewählt, welches anscheinend ein Sonderfall ist? Und nicht jede/r Betroffene wird automatisch aggressiv oder sexuell übergriffig. Auch dies wird in diesem Artikel sehr stark vermittelt.

Wo sind die tollen Projekte, die wir in Österreich am Start haben? Was ist mit der Partizipation, die wir mittlerweile in Projekten wie „Promenz„, „Demenzfreundliches Wien„, „Demenzfreundliche Polizei“ und und und haben? Warum machen so viele Pflegefachkräfte einen Validationskurs? Warum wird hier nur einseitig negativ präsentiert?

Nur um Leserstimmen zu bekommen? (Auf Kosten von MENSCHEN mit einer Erkrankung, auf Kosten der Pflege?

Ich bin wirklich von Ihrem Artikel enttäuscht. Das ist Fellnerniveau aber nicht DER STANDARD.

MfG
Markus Golla

Über Markus Golla 10105 Artikel
Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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