Was Pausenzeiten mit dem Rauchen zu tun haben

„Ein Missstand, über den gerne hinweg geschaut wird“

Stundenzettel - PPR
(C) marcus_hofmann

Eine polarisierende Meldung ging vor wenigen Tagen über die Nachrichten-Ticker. Der Geschäftsführer eines Landgasthofes in Rheinland-Pfalz genehmigt nicht rauchenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen ungeahnten Bonus. Sie können fünf Tage mehr Urlaub im Jahr nehmen. Die ersten, quasi reflexhaften Erwiderungen bleiben natürlich nicht aus. Kritische Stimmen sind zu hören, dass dies rechtlich unzulässig sei.

Die rechtliche Konformität mögen Arbeitsgerichte klären, wenn es gewünscht ist. Mit dieser unternehmerischen Haltung wird klar, dass Mitarbeiter_innen-Freundlichkeit immer mit der persönlichen Haltung einer Führungsperson zusammen hängt. Der Geschäftsführer des Landgasthofes bringt einen Missstand auf den Punkt, über den gerne hinweg geschaut wird. Geht man davon aus, dass das Rauchen einer Zigarette ungefähr sieben Minuten dauert, dann ergattern sich Raucherinnen und Raucher mindestens 21 Minuten zusätzliche Pausenzeit (bei drei Zigaretten pro Acht-Stunden-Schicht). Wegeminuten sind dabei nicht auf der Rechnung.

Ein Blick in das Gesundheitswesen offenbart dabei eine besondere Pikanterie. Raucherinnen und Raucher nehmen sich über den Nikotingenuss die Pausenzeit, die ihnen zwischen den Mühlrädern des pflegerischen Alltags meist nicht zugestanden werden. Da wundert es nicht, dass sich nicht-rauchende Kolleginnen und Kollegen ungerecht behandelt fühlen.

Eine ganz alltägliche Rechnung zeigt, was das Ignorieren von Pausenzeiten de facto bedeutet. Wenn eine Arbeitnehmerin oder ein Arbeitnehmer bei einer Vollzeitstelle die halbstündige Pause während eines Arbeitstages nicht wahrnimmt, so leistet er oder sie zweieinhalb unbezahlte Arbeitsstunden in der Woche. Bei vierzig Arbeitswochen im Jahr (Urlaubszeiten, Bildungszeiten und Krankheitsausfälle einmal rausgerechnet) kommt eine Summe von 100 unbezahlten Arbeitsstunden zusammen. Dies sind mehr als zweieinhalb Wochen im Jahr pro (nicht-rauchendem) Mitarbeiter, von denen Kliniken und Pflegeheime unentgeltlich profitieren können. Wenn eine Station 15 Vollzeitstellen hat, von denen Mitarbeiter_innen auf 10 Vollzeitstellen nicht rauchen, so kommen wir bei 1000 unbezahlten Arbeitsstunden aus. Dies macht einen Gewinn von knapp 26 Arbeitswochen aus. Oder mehr als eine halbe Vollzeitstelle.

Wenn wir von der Idee ausgehen, dass Arbeitgeber_innen an der Gesundheit der Mitarbeiter_innen interessiert sein müssen bzw. als Gesundheits-oder Wohlfahrtseinrichtung sogar einen Vorbildcharakter haben müssten, so irritieren schon einfache Milchmädchenrechnungen. Die Kritik, die dem Geschäftsführer des Landgasthofes in Rheinland-Pfalz entgegenzubringen ist, kann sich höchstens darauf konzentrieren, dass er bei dem Mehrurlaub zu tief gestapelt hat. In meinem Sinne ist dies nicht. Ihm ist es gelungen, auf ganz banale Weise eine Ungerechtigkeit thematisiert zu haben, die in Betrieben für viel Unmut sorgt. Pflegende nehmen diese strukturellen Diskriminierungen meist stillschweigend, selten grummelnd hin. Dann wird halt für die rauchende Kollegin und den rauchenden Kollegen mitgearbeitet.

Die Corona-Pandemie kann als Lackmus-Test verstanden werden, wenn es um Arbeitszeit-Regelungen von Pflegenden geht. Das ständige Tragen von Mund-Nasen-Masken hat pulmonale Folgen bei vielen Beschäftigten. Bislang habe ich noch nicht von einem Einrichtungsträger gehört, der Mitarbeiter_innen zu regelmäßigen, vielleicht zehnminütigen Atempausen ermuntert. Und eine andere Frage bleibt offen. Werden die corona-bedingten Anpassungen des Arbeitszeitgesetzes in Deutschland, die eigentlich nur bis zum 31. Dezember 2020 gelten sollen, stiilschweigend verlängert? Gesundheitsförderung ist ein Thema für Beschäftigte, Arbeitgeber_innen und Gesetzgeber. Schade, dass es bislang funktioniert, Beschäftigte im Regen stehen zu lassen.

Mehr unter:

https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/statt-zigarettenpausen-chef-gibt-nichtrauchern-mehr-urlaub-16965535.html

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 225 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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