Was Kreuzfahrtschiffe mit Demenz-Pflege zu tun haben

DNQP veröffentlicht Expertenstandard zur Beziehungsgestaltung

(C) Aaron-Amat

Im emsländischen Papenburg werden seit vielen Jahren beeindruckende Kreuzfahrtschiffe gebaut. Die Tatsache, dass Papenburg nicht unmittelbar an der Nordseeküste liegt, hat zur Folge, dass die Ozeandampfer unvollendet durch die nicht allzu tiefe Ems ins niederländische Eemshaven gezogen werden, um dort endgültig den Schiffsreedern übergeben zu werden. Nach der Schiffstaufe kann das Kreuzfahrtschiff dann seine vollständige Kraft und Lebendigkeit entfalten.

Mit dem Expertenstandard „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“, den das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) im März 2018 veröffentlicht hat, scheint es vergleichbar zu sein. Die Pflege-Expertinnen und Pflege-Experten des DNQP haben einen Expertenstandard auf den Weg gebracht, der seine eigentliche Fülle noch entfalten kann. Er kann schon zum jetzigen Zeitpunkt als richtungsweisend und überzeugend beschrieben werden.

Denn die Autorinnen und Autoren des DNQP-Standards „Beziehungsgestaltung“ konkretisiert einen sehr weiten und tiefgehenden Beziehungsbegriff. Dies wird bereits deutlich, wenn die Pflegewissenschaftlerin Martina Roes beispielsweise schreibt, „dass Pflege von Menschen mit Demenz sich in Grenzbereichen zwischen Körper und Leib sowie Gefühl und Emotion bewegt“ (S. 19). Roes geht unter anderem davon aus, „dass eben nicht nur die Fähigkeit zu denken, zu reflektieren oder verbal zu kommunizieren uns als Person konstituiert, sondern sich das Subjekt auch durch das Körpergedächtnis (z. B. Gestik und Mimik) in jeder Situation ausdrückt“ (S. 19).

Revolutionäres

Für die pflegerischen Praktiker hat diese Sichtweise etwas Revolutionäres. Denn das DNQP macht auf diese Weise deutlich, dass die Reduzierung auf die kognitiven Fähigkeiten eines dementiell veränderten Menschen zu kurz greift. Apropos Reduzierung auf einzelne Begriffe: Was liefert der Expertenstandard „Beziehungsgestaltung“ wirklich Neues?

Der Expertenstandard bringt die Verstehenshypothese in die Diskussion ein. Statt die Defizite eines dementiell veränderten Menschen in den Vordergrund zu rücken, favorisiert der Expertenstandard das Verstehen einer individuellen Lebensgeschichte „unter Einbeziehung des Menschen mit Demenz und seiner Angehörigen“. Wer diesen Ansatz ernst nimmt, der kann nicht mehr mit kollektiven Unterstützungsmaßnahmen in einem stationären Setting antworten. Das Verstehen des individuellen Lebensweges wird als Prozesskriterium innerhalb des Expertenstandards wahrgenommen. Dies zeigt einen ernsthaften Willen, sich immer wieder mit dem Menschen, der begleitet wird, auseinanderzusetzen.

Bei den Prozesskriterien des Expertenstandards findet sich auch die Frage nach der Wirksamkeit beziehungsfördernder und beziehungsgestaltender Maßnahmen, die zum Wohle der betroffenen Menschen gestaltet werden. Dies setzt nicht nur voraus, dass pflegerische Praktiker personen-zentrierte, beziehungsfördernde und beziehungsgestaltende Interventionen kennen. Es verlangt gleichzeitig eine Offenheit, das eigene Handeln evidenzbasiert reflektieren zu wollen und zu können.

Der Überprüfbarkeit stellen

Öffnet dies etwa der Akademisierung pflegerischer Praxis die Tore? Diese Frage zu verneinen wäre mit einer fatalistischen Grundhaltung pflegerischer Praktiker gleichzusetzen. Die pflegerischen Interventionen brauchen eine inhaltliche Strukturierung und müssen sich in der Gegenwart immer mehr der Überprüfbarkeit stellen. Es ist den Autorinnen und Autoren des Expertenstandards gelungen, der Akademisierung der Pflege die Türen zu öffnen. Indem pflegerische Interventionen qualitativ wie quantitativ nachweisbar werden, wird das Benchmarking der unterschiedlichen Professionen, die dementiell veränderte Menschen begleiten, offensichtlich.

Bei den Ergebniskriterien des Expertenstandards lässt aufhorchen, dass der Erfolg pflegerischen Arbeitens nicht an kognitiven Fertigkeiten gemessen wird. So heißt es dort: „Der Mensch mit Demenz zeigt Anzeichen für den Erhalt und die Förderung seines Gefühls, gehört, verstanden und angenommen zu werden sowie mit anderen Menschen verbunden zu sein“ (S. 31). Der pflegerische Praktiker mag fragen: Was will ich mehr? Doch auch dort geht es bei aller Subjektivität um objektivierende Parameter. Über den Expertenstandard „Beziehungsgestaltung“ gibt es dort sicher noch manche Hausaufgabe zu machen.

In der Kommentierung des Expertenstandards thematisieren die Verantwortlichen die personenzentrierte Haltung. Sie unterstreichen, das Pflegende in der Regel im Kontext der Einrichtung handeln. Ihr Handeln sei zumeist ein Spiegel der Institution. Anders könnte man auch sagen, dass es nicht reichen kann, Lippenbekenntnisse auszusprechen, sondern die eigene Glaubwürdigkeit durch Handeln greifbar zu machen.

Hohe Hürden

Verbale und nonverbale Interaktions-und Kommunikationsvarianten sollen nach den Vorstellungen des Expertenstandards den Pflegenden bewusst sein. Die Hürden liegen hoch für die professionell Pflegenden. Denn weder in unterschiedlichen Ausbildungscurricula, noch in Fort-und Weiterbildungsprogrammen werden die Fertigkeiten in der Deutung körpersprachlicher Interaktion geschärft.

Dies erscheint mindestens so spannend wie die Erläuterungen der Kommentierung zur Verstehenshypothese. Sie verlangen, in die Schuhe der dementiell veränderten Menschen zu schlüpfen: „Im Mittelpunkt steht das Verhalten, das Erscheinen und die Befindlichkeiten aus der Position der Person selbst als sinnvoll und problemlösend soweit als möglich nachzuvollziehen. Möglichst nachzuvollziehen deshalb, da Verstehenshypothesen immer intersubjektive Konstrukte darstellen, die sich auch als falsch oder unpassend erweisen können“ (S. 43).

Von den Pflegenden verlangt es Geduld und Ausdauer im Umgang mit Menschen, die von einer Demenz betroffen sind. Es braucht die Bereitschaft und Fähigkeit, Menschen beobachten zu können und aus dem Wahrgenommenen Schlüsse ziehen zu wollen und zu können. Die Beobachtung von Menschen schafft eine Vertrautheit mit gewohnten Verhaltensweisen seines Gegenübers, schärft jedoch gleichzeitig die Sensibilität für Verhalten, das ungewohnt zu sein scheint. In der Begegnung mit dementiell veränderten Menschen kann dies als eine Schlüsselqualifikation beschrieben werden.

„Je weiter die Demenz voranschreitet, desto mehr ist die Aufrechterhaltung der Konversation selbst das Ziel aller Konversation. Die Inhalte treten zurück. Rhythmische Dialoge, Wiederholungen und Stereotypen, u.a. durchsetzt mit stimmungsgeprägten Äußerungen und das Verlieren des roten Fadens kennzeichnen die Kommunikation. Zunächst fallen inhaltliche, dann formale und zuletzt lautliche Einbrüche der Äußerungen auf. Die normativen Skripte konventioneller Kontakte brechen zusammen.“ (S. 56)

Wenn der Expertenstandard so eindrücklich kommentiert wird, wird offensichtlich, wie anspruchsvoll pflegerisches Arbeiten mit dementiell veränderten Menschen sein kann. Mit traditionellen Interventionsmustern professionell Pflegender kann dies sicher nicht beantwortet werden. Bemühte Pflegende brauchen Zeit und Kraft, um herausforderndes Verhalten dementiell veränderter Menschen zu vermeiden.

Zeitgemäß

Der Expertenstandard verlangt von dem professionell Pflegenden, aber auch den versorgenden Institutionen eine Menge. Es lässt sich einfach schreiben, dass es notwendig ist, „situationsbezogen auf subjektive Realitäten zu reagieren“ (S. 58). Die Frage, die sich beim Durcharbeiten des Expertenstandards, der Kommentierung und der Literaturstudie stellt, ist diejenige nach dem Danach. Von einem Paradigmenwechsel zu sprechen ist sicher nicht falsch. Bei diesem Paradigmenwechsel mitschwingen zu können, muss eine Anpassung der Rahmenbedingung der Versorgung dementiell veränderter Menschen zur Konsequenz haben.

Zeitgemäß kann der Expertenstandard „Beziehungsgestaltung“ sicher genannt werden. Auf der einen Seite sind es Beziehung und Interaktion, die er ausführlich thematisiert. Beeindruckend ist die Schwerpunktsetzung mit dem Blick auf Stimmung und Affekt. Stimmung und Affekt sind nicht nur bestimmende Themen in der Psychotherapie-Forschung. Mit der weniger werdenden Fähigkeit infolge dementieller Entwicklungen, Stimmung und Affekt beeinflussen zu können, wird dies auch ein Gradmesser für das Wohlbefinden eines kognitiv schwächer werdenden Menschen.

Die Zeitgemäßheit wird aber auch an der ausführlichen und praxisorientierten Literaturstudie deutlich. Die Autorinnen und Autoren nehmen unterschiedliche Bindungstheorien unter die Lupe. Sie deuten an, wie wichtig die Auseinandersetzung mit der Lebensqualität dementiell veränderter Menschen ist. So ist es auch nicht verwunderlich, dass der Einsatz von Puppen in der Begleitung von Menschen mit Demenz einen breiten Raum einnimmt. Sie werden als ein „mögliches Kommunikations-und Interaktionsangebots“ verstanden (S. 125).

Puppen könnten von Pflegenden „als mögliches Vehikel genutzt werden, um mit Menschen mit Demenz in Kommunikation zu treten und so eine Beziehung aufzubauen“ (S. 125). Die Artikulationsfähigkeit der Betroffenen werde verbessert (S. 126), Bedürfnisse nach Bindung würden erfüllt (S. 126).

Verhalten des Personals als Katalysator

Umwelt-Umgebung-Person-Interaktionen sind ein vernachlässigtes Thema im Zusammenhang mit dementiell veränderten Menschen. Dies macht der Expertenstandard sicher auch deutlich und deutet an, wie in der Praxis das Eine oder das Andere mehr Aufmerksamkeit braucht. Sowohl die soziale Umwelt als auch die unmittelbare Umgebung seien von hoher Bedeutung für Menschen mit Demenz und würden als wichtige Komponenten mit Einfluss auf die Lebensqualität betrachtet (S. 156). Mit Neugier liest man die Andeutung von Studien, die beobachteten, „dass ein Kernelement des sozialen Prozesses sich durch das Prinzip der An-und Abwesenheit des Personals auszeichnete“ (S. 159). Das Verhalten des Personals sei Katalysator für das Verhalten der zu pflegenden Menschen (S. 159).

Um auf die Kreuzfahrtschiffe zurückzukommen – wenn die Schiffe in Eemshaven auf Hochglanz gebracht werden, dann hat dies unbedingt mit dem Entwicklungspotential des Expertenstandards „Beziehungsgestaltung“ gleichgesetzt werden. Für die innere Ausstattung des Expertenstandards, für das Beleben der Hülle sind professionell Pflegende in gleichem Maße wie die Pflegeeinrichtungen verantwortlich. Die Innengestaltung kann nicht die Werft leisten. Sie kann das Gerüst liefern. Nichts anderes hat das DNQP gemacht. Was sie darüber hinaus geleistet hat: der Expertenstandard stellt auch viele Fragen an die Begleitung psychisch veränderter Menschen bzw. leidender Menschen an den Grenzen des Lebens.

Bibliographische Angaben

Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (Hrsg.): Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz, Eigenverlag, Osnabrück 2018, ISBN 978-3-00-057470-2, 224 Seiten, 20 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 9 Artikel
psychiatrisch Pflegender, Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag), Fachautor

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