„Wahrnehmung im Vorübergehen“

(C) Lubero

Als junger Kerl hatte ich eine Gewohnheit, die ich mir in der Gegenwart häufiger wünsche. Wenn mir langweilig wurde, bin ich in meiner Heimatstadt zum Hauptbahnhof oder zum Flughafen gefahren. Dort habe ich mich einfach auf eine Bank gesetzt und habe Menschen beobachtet. Natürlich ist es so, dass Bahnhöfe und Flughäfen eine Menge Szenen bieten, die einem das Lächeln ins Gesicht zaubern. Heute glaube ich oft, dass ich mit dieser Übung das eine oder andere über Menschen gelernt habe.

Kommen Menschen allein auf den Bahnsteig, so ist unmittelbar zu erkennen, was sie vorhaben. Wenn sie einen Koffer mitbringen, dann steht eine Reise bevor. Kommt man mit ihnen ins Gespräch, so bekommt man selbst Fernweh. Oder freut sich mit den Menschen, weil sie Freunde oder Angehörige besuchen. Zuversicht ist in leuchtenden Augen und zufriedenen Gesichtszügen nicht selten zu erkennen. Andere haben eine Aktentasche unter dem Arm. Sie haben einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich, freuen sich auf den Feierabend. Oder sie eilen zu einem Termin an einem anderen Ort. Anspannung und Konzentration spiegeln sich im Gesicht. Begegnet man einem Liebespaar oder einem älteren Ehepaar, so versucht man auch, Phantasien zu entwickeln, was sie gemeinsam vorhaben oder hinter sich haben.

Szenen an Bahnhöfen und Flughäfen sagen viel über uns Menschen. Wir präsentieren uns an diesem scheinbar anonymen Ort wie ein offenes Buch. Wir werden unmittelbar erlebt – von Menschen, die uns unbekannt sind, und vielleicht auch von Menschen, die uns kennen. Wir fühlen uns an diesen flüchtigen Orten unbeobachtet, können uns geben, wie wir sind. Es gibt keine Notwendigkeit, die eigene Präsentation zu optimieren. Wir hocken uns dort auf die Bank, wie es uns gerade gefällt. Wir kleiden uns vielleicht sogar ganz anders.

Da wundert es nicht, dass sicher auch die Art und Weise, wie Menschen sich auf dem Bahnsteig oder im Flughafen-Terminal begrüßen oder voneinander verabschieden, viel über die Eigenheiten der Einzelnen und des Einzelnen sagen. Jeder für sich sendet ein Signal in die soziale Umgebung. Auch gemeinsam senden sie ein Zeichen in die Menschen um sich herum.

Irgendwann einmal habe ich die Gewohnheit des Schauens in die Alltäglichkeit auch in den beruflichen Alltag mitgenommen. Ich habe mir die Frage gestellt, was denn die Wahrnehmung in der Klinik mit dem Menschen an sich zu tun hat. Ich habe mit etwas mehr Aufmerksamkeit darauf geachtet, wie sich Menschen in der Klinik begrüßen oder voneinander verabschieden. Ich habe geguckt, ob jemand etwas mitgebracht bekommt. Ich habe nachgehorcht, ob die in der Klinik behandelten Menschen zu einem Stück Kuchen in die Caféteria mitgenommen oder sie in die nahegelegene Pizzeria begleitet werden.

Ja, es scheint belanglos, vielleicht auch gelegentlich überinterpretiert. Doch lasse ich es mir nicht nehmen, dass in diesen einzelnen Wahrnehmungen über Menschen ein kleines Stück Wahrheit steckt. Solche Erfahrungen lassen vielleicht einen kleinen Einblick in das Miteinander eines Paares im Alltag zu. So etwas bietet vielleicht einen alltäglichen Zugang zur Gefühlswelt eines Menschen. Und die Wahrnehmung im Vorübergehen zeigt bestimmt auch, welche Lebenskultur Menschen für sich und miteinander haben.

Begrüßungen und Verabschiedungen finden auf dem Stationsflur statt. Das Mitbringen einer CD oder eines kleinen Buchs geschieht im Verborgenen. Trotzdem bietet die Alltäglichkeit eine Bühne, um den Menschen an sich in den Blick zu bekommen. Nehmen Sie doch die Einladung an, sich auch einmal in diesem Beobachten zu probieren. Viel Spaß dabei!

Über Christoph Mueller 341 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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