Wahnsinnig schön – Die verrückte neue Welt der Schönheitschirurgie

„Verschmitztes Lächeln und zwinkerndes Auge“

Von der Schönheitschirurgie mag man halten, was man will. Es ist eine Welt, die auf ganz eigene Weise Lebenshaltungen der Gegenwart offenbart. Dies zeigt auch das Buch „Wahnsinnig schön“, das der Schönheitschirurg Volker Rippmann geschrieben hat. Das verschmitzte Lächeln und das zwinkernde Auge im Gesicht des Autors sieht man, wenn man seinen Erzählungen und Eindrücken folgt. So sehr er seine Arbeit zu mögen scheint, so kritisch schaut er auf das eine oder andere Phänomen, das ihm in seinem Alltag begegnet. Und das Angenehme an seinem Buch ist vor allem, dass er den Glanz, den Glamour und die Verschwiegenheit seinem ärztlichen Wirken nimmt. Er berichtet mit einer Nüchternheit, aber auch einer großen Freude über das, was ihm zwischen Brustimplantaten, Fettabsaugungen und Botox widerfährt.

So fragt er: „Gehen Sie noch zum Friseur oder schon zum Chirurgen?“. Natürlich irritiert die Konkretheit dieser Frage. Sie zeigt aber ganz deutlich, dass es in der Gegenwart oft um den Körperkult geht. Rippmann antwortet nicht mit einer Selbstverliebtheit, die man erwartet hätte. Er wägt ab, sucht nach einem eigenen Urteil – anstatt zu verurteilen oder zu vorverurteilen. Wörtlich: „Die Arbeit am eigenen Körper wird von den einen als kreative Selbstermächtigung angesehen, von den anderen als Unterwerfung unter soziale Normen verteufelt. Egal ob man sie als negativ oder positiv bewertet, egal wie groß das Ausmaß der Veränderungen ist, all das kann man ganz individuell entscheiden.“ (S. 47).

Es sind viele kritische Worte, die Rippmann für seine Kundinnen und Kunden findet. Optimierungswünsche setzt er nicht automatisch mit Glück gleich. Er akzeptiert es als eine Form, das individuelle Wohlbefinden herzustellen. Etwas anderes zu erwarten wäre töricht, schließlich lebt der Schönheitschirurg Rippmann von den Hoffnungen der Menschen. Das Buch zeigt aber, dass er seine tägliche Arbeit mit der nötigen Distanz zu tun scheint. So rät er den Zeitgenossinnen und Zeitgenossen auch: „Die Entscheidung, wie radikal Sie sich verändern, sollte aber in jedem Fall niemand außer Ihnen allein treffen. Die Grenze bestimmen ausschließlich Sie selbst“ (S. 58).

Rippmann zeigt auf, wie ausgeprägt die Wechselwirkungen zwischen Individuum und Gesellschaft sind, wenn es um Schönheit und körperliche Ästhetik geht. Er schaut in die Wissenschaft und reportiert, dass Schönsein in der Gegenwart hilfreich zu sein scheint. So haben Soziologen unter anderem bei Wahlkämpfen herausgefunden, dass sich ein attraktives Äußeres sogar auf einen Wahlerfolg bei Politikern auswirkt.

Rippmanns Buch liest man flüssig. Die lebendige Schreibweise, der Abwechslungsreichtum seiner Themen und die Differenziertheit seiner Überlegungen lassen sein Buch überzeugen – auch wenn man mit einer nachvollziehbar kritischen Haltung an die Lektüre gegangen ist. Rippmanns Worte: „Zu glauben und zu sagen, es gehe nur um die inneren Werte, nur um einen funktionierenden und nicht auch um einen optisch ansprechenden Körper, ist eine aus meiner Sicht sehr gewagte Behauptung. Es liegt in der Natur des Menschen, sich nicht nur als geistiges, sondern auch als ästhetisches Wesen zu verstehen – ob wir das wahrhaben wollen oder nicht“ (S. 146).

Kurzum: Rippmanns Buch „Wahnsinnig schön“ ist ein Ausflug in eine Welt, die einem fremd erscheint oder gar ist. Es ist gleichzeitig ein Zeichen dafür, dass sich in dieser Zunft wohl auch Menschen finden, die fernab von Hochglanz leben.

Volker Rippmann: Wahnsinnig schön – Die verrückte neue Welt der Schönheitschirurgie, Edel Books, Hamburg 2020, ISBN 978-3-8419-0709-7, 251 Seiten, 17.95 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 217 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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