„Von der Typologie des Ganges über den Stationsflur“

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Haben Sie sich schon einmal als Sozialforscher_in probiert? Die teilnehmende Beobachtung will unter anderem Erkenntnisse über das Handeln, das Verhalten oder die Auswirkungen des Verhaltens einzelner Personen oder einer Gruppe gewinnen. Bestimmend bei dieser Methode ist die persönliche Teilnahme des Forschers an den Interaktionen der Personen, die das Forschungsobjekt sind. Inmitten eines Geschehens sitzen die Beobachtenden mit gespitztem Bleistift und einem Schreibblock.

Beispielsweise können Sozialforscher_innen schauen, wie sich Pflegende im Alltag eigentlich auf der Station bewegen. Sie können beschreiben, wie gebückt oder selbstbewusst der Gang über den Stationsflur ist. Schließlich verrät der Gang vieles über die Persönlichkeit der Menschen. Dabei zählen die Sozialforscher_innen bei einem alltäglichen Geschehen (nicht bei einer spezifischen Pflegehandlung), wie häufig sich Pflegende zu den hilfebedürftigen Menschen herunterbücken.

Ganz spannend ist es, zu beobachten, wie Pflegende über den Stationsflur gehen. Es ist sicherlich mehr als einen Spaß wert, eine Typologie des Ganges über den Stationsflur zu entwickeln. Da gibt es Kolleg_innen, die von der aufwendigen Versorgung komplex erkrankter Patient_innen kommend konzentriert und in sich gekehrt wieder zu sich finden wollen. Da sieht man heitere Kolleg_innen, die gerade Geschehenes hinter sich lassen und mit ihrer optimistischen Ausstrahlung nach dem nächsten menschlichen Austausch Ausschau halten. Auch gefrustete und enttäuschte Persönlichkeiten kehren in dem einen Moment dem pflegebedürftigen Menschen den Rücken und schaffen es kaum, Kolleg_innen, Besucher_innen oder Patient_innen die Tageszeit zu sagen.

Der geneigte Psychoanalytiker hätte eine Menge Freude, aus scheinbaren Einzelwahrnehmungen Typologien zu entwickeln. Wer auf dem Flur einer Klinikstation oder eines Wohnbereichs im Pflegeheim als teilnehmender Beobachter sitzt, der / die lernt eine Menge über die Menschen im Umfeld.

So sagt der Gang von Pflegenden über den Flur sicher auch eine ganze Menge über das Selbstverständnis und das Selbstbewusstsein der Pflegenden. Der selbstbewusste Pflegende geht wahrhaftig aufrecht und wachen Blicks über die Station. Er gibt sich überzeugt von seinen Interventionen, kann begründen, was er macht. Dies bedeutet auch, dass er sich im multiprofessionellen Miteinander keine Butter vom Brot nehmen lässt, sich auch nicht als Erfüllungsgehilfe gebrauchen lässt. Anders ist es mit der Kollegin, die oft leicht gebückt geht, dabei auf den Boden schaut und geradezu darauf wartet, unbedingt wieder gebraucht zu werden. Aus dem Erscheinungsbild heraus wird schon klar, dass jemand ihr Helfer-Syndrom ausleben will.

Natrülich klingt dies banalisiert. Allerdings zeigt es, wie wichtig die eigene Präsentation für das berufliche Handeln ist. Wer selbstbewusst auftritt, der vermittelt (ohne es zu wollen) eine gewisse Erfahrung und Sicherheit. In dessen Gegenwart fühlen sich Patient_innen so, dass bei aller Verunsicherung durch eine somatische oder psychiatrische Krise ein Gefühl von Angenommen-Sein erfahren wird.

Durch die Unmittelbarkeit hat eine teilnehmende Beobachtung einen großen Reiz. Sie macht auch klar, dass qualitative Sozialforschung von vielen Menschen machbar ist. Was unbedingt machbar ist, ist die Selbstbeobachtung. Sie produziert viel Erkenntnisse, die für das eigene Auftreten und die Interaktionen im Arbeitsbereich ein Gewinn sein können. Und die Beobachtung des eigenen Gangverhaltens birgt die Chance, sich nicht bloß anders im Alltag darzustellen, sondern über diesen Umweg vielleicht auch ein anderes Denken, Fühlen und Handeln im beruflichen Kontext zu entwickeln. Sozialforschung leicht gemacht.

Über Christoph Mueller 323 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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