Von der Kraft der Berührung

Als wiederkehrende geistige Übung in die Hand nehmen

20522Mit seiner „Philosophie der Lebenskunst“ hat der Philosoph Wilhelm Schmid vor mehr als 20 Jahren einen längeren Weg begonnen. Sein aktuelles Buch „Von der Kraft der Berührung“ ist eine weitere Etappe auf dem Weg der Selbstvergewisserung und Selbstreflexion. Es ist eine Etappenleistung, die sich sehen lassen kann. Schmid beschäftigt sich mit dem Phänomen der Berührung. Kultur-und geistesgeschichtlich sind die Berührungen in den letzten Jahren vernachlässigt worden. Neurowissenschaftlich und medizinisch stehen sie im Licht der Öffentlichkeit.

So kann das Schmid-Buch nicht nur als sinnvolle Ergänzung zu den Studien von Werner Bartens, Martin Grunwald und Elisabeth von Thadden gelesen werden. Es kann helfen, die eigenen Pfade zum Phänomen der Berührung zu finden. Schmid schreibt sehr grundsätzlich über Berührungen. Für ihn ist die Kraft der Berührung federleicht und „zugleich äußerst wirksam, denn sie verleiht Lebensmut“ (S. 9). Mit erwünschten Berührungen würden Energien frei, die sich so produktiv auswirkten, dass sie unverzichtbar für ein erfülltes Leben seien (S. 10).

Schmid gelingt es, die Tiefendimensionen der Berührungen nachdenklich zu thematisieren. Es sei eine Kunst, Berührung herbeizuführen, „eine weitere aber, sie geschehen zu lassen“ (S. 20). Über die Möglichkeiten einer körperlichen und seelischen Berührung schreibt Schmid über die geistige Berührung. Er tastet sich dann an den Raum des Transzendenten heran, rührt folglich Sehnsüchte des Menschen an, die nicht unbedingt offenbar sind.

Schmids Sinnieren über die Berührungen sind nicht mit einmaligem Lesen abgetan. Bei ihm ist man es gewohnt, seine Bücher als Breviere zu verstehen oder sie als wiederkehrende geistige Übung in die Hand zu nehmen. Die mehr als 100 Seiten atmen den Geist des Alltags, suchen die praktische Anwendung. An einer Stelle schreibt Schmid, dass eine körperliche Übung eine Erholung für das Selbst sei (S. 29). Die geistige Übung mit seinem kleinen Buch ist eine Erholung für die Seele.

Als Schmid über die alltägliche Selbstberührung schreibt, kommt die morgendliche Hygiene des Menschen zur Sprache. Sich mit Selbstberührung körperliche Lust zu verschaffen, dies gelinge ganz unspektakulär, „wenn das Selbst sich alle Zeit der Welt nimmt, um den Körper zu pflegen und ihm beim Waschen wohlzutun“ (S. 38/39). In diesem Zusammenhang macht Schmid deutlich, dass Mode ein Versuch sei, „in immer neuen Modifikationen Zweithäute für die Selbstberührungen von Menschen bereitzustellen“ (S. 41).

Schmid verzichtet nicht darauf, die Liebe philosophisch zu betrachten, wenn er über Berührungen schreibt. Dies sind jedoch nicht die Gedanken, die wirklich neu erscheinen. Ganz anders ist es, als er über das Lachen und Lächeln schreibt. Das Lächeln sei eine „Alternative zum lauthalsen Lachen“, „das kontrollierter und aus diesem Grund nuancierter eingesetzt werden kann“ (S. 68). In seiner Zartheit berühre es Menschen kraftvoller als das deftige Lachen (S. 68). Ähnlich wach wird der Leser, wenn Schmid die Perspektiven erläutert, die das Schweigen in sich birgt. Schweigen gebe der Weite Raum. Und in diesem Raum geschehe Berührung.

Das Brevier des katholischen Priesters oder Ordensmenschen nimmt der zeitgenössische Mensch alleine schon deshalb nicht gerne in die Hand, weil Hunderte Seiten einen abschreckenden Effekt haben. Schmids Buch „Von der Kraft der Berührung“ hat Platz in jeder Hosentasche. Wahrhaftig eine Alternative zu einem Smartphone: Ruhe und Nachdenklichkeit statt Flüchtigkeit des Moments. Lassen Sie sich ansprechen.

Wilhelm Schmid: Von der Kraft der Berührung, Insel Verlag, Berlin 2019, ISBN 978-3-458-20522-7, 102 Seiten, 8 Euro.

Autor:in

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    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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