„Von der „Behandlung“ zur „Begleitung“

Stefan Weinmann über aufsuchende psychiatrische Hilfen

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Die aufsuchende Behandlung seelisch erkrankter Menschen liegt dem Psychiater Stefan Weinmann am Herzen. Das Buch „Psychiatrische Krisenbehandlung zuhause“ zeigt, wie vielfältig die Begleitung psychisch erkrankter Menschen in der eigenen Häuslichkeit sein kann. Weinmann hat sich den Fragen von Christoph Müller gestellt.

Christoph Müller Derzeit wird die Krisenbehandlungen in der eigenen Häuslichkeit lebhaft diskutiert. Was ist der Vorteil der Begleitung daheim?

Stefan Weinmann Sie sprechen es an – das Aufsuchen der Betroffenen im sozialen Raum (zuhause, aber nicht nur zuhause, es kann auch im Park oder im Café sein …) entspricht einem kleinen Paradigmenwechsel: von der „Behandlung“ zur „Begleitung“. Es geht nicht darum, das, was wir in der Klinik machen, in die Wohnungen zu tragen. Es geht darum, Menschen, die eine Zeit lang eine intensive Begleitung durch ihre Krise benötigen, dies zu ermöglichen, ohne in eine Klinik aufgenommen zu werden. Denn bisher waren die Ressourcen für intensive Behandlung an eine Klinikaufnahme gebunden. Der Betroffene musste seine Wohnung verlassen, auf eine mehr oder wenig unruhige Station aufgenommen werden, sich der Klinikroutine und –hierarchie unterwerfen, wurde zu einer unter vielen „Patienten“. Viele versuchten dies zu vermeiden, da sie negative oder gar traumatisierende Erfahrungen gemacht haben – und kamen erst, wenn es nicht mehr anders ging. StäB löst letztendlich ein Versprechen der Psychiatrie-Enquete ein. Damals waren zwar Langzeitbereiche geschlossen, Kliniken verkleinert und Aufenthalte verkürzt worden. Aber die Etablierung von Home Treatment, wie wir es in vielen Englisch-sprechenden Ländern als evidenzbasiertes Versorgungsmodell kennen, war nicht in Angriff genommen worden. Die S3-Leitlinie „Psychosoziale Therapien“ der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) hatte dies aber schon seit zehn Jahren gefordert.

Christoph Müller Es liegt nahe, dass die Suche nach Genesungswegen im sozialen Nahraum eher gelingen kann als in der Käseglocke der psychiatrischen Klinik. Was sind aus Ihrer Sicht konkrete Vorteile der Daheim-Behandlung?

Stefan Weinmann Menschen haben Krisen in einem sozialen Kontext. Symptome treten nicht isoliert auf. Die Auslöser sind zuhause und am Arbeitsplatz in ihren sozialen Beziehungen. Wenn wir nach Hause fahren, sehen wir den ganzen Menschen – und wie er sich in seinem Sozialraum eingerichtet hat. Wir können Angehörige viel besser einbinden und Netzwerkgespräche führen. Wir können Ressourcen besser (re-)aktivieren, Expositionstraining betreiben. Damit wird die Begleitung individualisierter.

Christoph Müller Die psychiatrische Krisenbehandlung in den eigenen vier Wänden zeichnet sich dadurch aus, dass das multiprofessionelle Team bei der Unterstützung gefragt ist. Welche Kompetenzen müssen die psychiatrisch Tätigen mitbringen, um der Aufgabe gerecht zu werden?

Stefan Weinmann Sie müssen Bereitschaft zeigen, sich auf die Betroffenen einzulassen und in der Lage sein, ohne klassische Rollenaufteilungen und die damit einhergehenden Sicherheiten zu arbeiten. Sie müssen Unsicherheitstoleranz zeigen. Sie müssen in der Lage sein, entsprechend ihrer Kompetenzen und Erfahrung recht autonom zu arbeiten, aber dabei eine ganz besondere Teamfähigkeit aufweisen. Die Teams sind meist kleiner als die Stationsteams. Jeder muss sich auf den anderen verlassen können. Kommunikation ist das A und O. Anrufe der Klienten gehen vor. Wir müssen „erreichbar“ sein, nicht nur telefonisch, sondern auch im übertragenen Sinn – als Professionelle, aber auch als Menschen.

Christoph Müller Die Krisenbehandlung daheim bedeutet einen Einbruch in die Privatsphäre der betroffenen Menschen. Wie erleben die Betroffenen und Angehörigen dieses einschneidende Ereignis?

Stefan Weinmann Wir sind im StäB Gäste, wir werden jedes Mal aufs Neue eingeladen in die Wohnung, zum Gespräch. Einige wenige Personen, die in einer Krise sind, lehnen dies von vorneherein ab. Aber die meisten fühlen sich geehrt, wir sind willkommen. Manchmal bekommen wir etwas zu essen oder trinken angeboten. Manche schämen sich ein wenig, wenn die Wohnung nicht sauber ist, aber eine freundliche und verständnisvolle Reaktion führt oft zur Entlastung. Ganz selten wurden wir rausgeworfen – wenn eine Manie stark wird und vielleicht ungewollt das falsche Thema angesprochen wurde. Auch Angehörige reagieren meist überaus positiv, sich mit ihren Angehörigen und uns in der Wohnung zu treffen. Das ist weniger stigmatisierend; ein Vertrautheitsgefühl belebt oft die Unterhaltung.

Christoph Müller In Ihrem Buch geht es auch schon um die Forschung und die Wirksamkeit der Daheim-Interventionen. Was kann zum jetzigen Zeitpunkt bereits stichhaltig festgestellt werden?

Stefan Weinmann StäB basiert auf dem Modell des Home Treatment. Dieses Modell ist in vielen hochwertigen Studien bezüglich der generellen Wirksamkeit gut untersucht. Wir wissen, dass Menschen, die durch Home Treatment-Teams betreut werden, im Durchschnitt eine geringere Wiederaufnahmerate in stationäre Behandlung haben als diejenigen in klassischer stationärer Krisenbehandlung. Sie sind zufriedener, ebenfalls die Angehörigen. Das steht fest. Allerdings ist StäB eine besondere Form des Home Treatment – die deutsche und weniger flexible Variante. Die täglichen Hausbesuche und die fehlende Möglichkeit des schrittweisen „Ausschleichens“ gibt es international kaum. Daher haben wir als Forschungs-Konsortium mit zehn Kliniken die sogenannte „AKtiV“-Studie auf den Weg gebracht, die in den nächsten drei Jahren die Wirksamkeit von StäB hinsichtlich Wiederaufnahme, Symptomen, sozialem Funktionsniveau, Lebensqualität und anderen Parametern im Vergleich zur stationären Behandlung untersucht. Sie wird vom Innovationsfonds der Krankenkassen finanziert. Das Design der Studie ist im Buch dargestellt.

Christoph Müller Psychiatrisch Pflegende spielen bei den täglichen Kontakten im Kontext der Daheim-Krisenbehandlung eine wichtige Rolle. Wie würden Sie die Rolle der Pflegenden in diesem spezifischen Handlungsfeld beschreiben?

Stefan Weinmann Im StäB verschwimmen die Rollen und Tätigkeitsbereich zwischen den Professionen stärker als auf der Station. Pflegende arbeiten erheblich selbständiger im StäB, führen Krisengespräche, machen Expositionstrainings, erarbeiten Coping- und Stressreduktionsstrategien, erproben Skills aus und sind wichtige Ansprechpartner und Motivatoren- neben den klassischen pflegerischen Tätigkeiten wie Vitalparameter erheben, Blutentnahmen oder Injektionen verabreichen und Medikamententrainings. Pflegende, Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter, Genesungsbegleiter arbeiten sehr eng im Team zusammen und bringen auch über die Professionen-Sicht hinausgehende Erfahrungen und Expertise ein.

Christoph Müller Ich danke Ihnen für die erkenntnisreichen Einblicke.

 

Das Buch, um das es geht

Stefan Weinmann, Andreas Bechdolf & Nils Greve (Hrsg.): Psychiatrische Krisenintervention zu Hause – Das Praxisbuch zu StäB & Co., Psychiatrie-Verlag, Köln 2021, ISBN 978-3-96605-050-0, 288 Seiten, 38 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 239 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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