„Vom Warten“

(C) Ralph Maats

Derzeit lernen wir zu warten. Zumindest glaubt man dies, wenn man gegenwärtig an die Corona-Impfungen denkt. Gleichzeitig ist es nötig, sich gegenüber erhofften Lockerungen des Lockdowns geduldig zu zeigen. Es gibt so vieles, worauf wir ganz alltäglich warten müssen: öffentliche Verkehrsmittel, das Eintreffen netter Menschen zu einer Verabredung, einen wichtigen Brief, auf eine Entscheidung, die Einfluss auf das eigene Leben nimmt.

Auch in den Krankenhäusern haben wir auf den ersten Blick das Warten verlernt. Wir werden ungeduldig, wenn eine Untersuchung auf sich warten lässt. Es fällt uns schwer zu akzeptieren, wenn der Facharzt nicht unmittelbar die Erkenntnisse einer speziellen Diagnostik mitteilen kann. Und wehe, die Zahnräder einer Klinik haben nicht ineinandergegriffen, wie wir es gewohnt sind. Das Mittagessen lässt auf sich warten.

Besonders in Zeiten der Pandemie werden wir auf uns zurückgeworfen. Dies liegt vor allem daran, dass wir warten müssen. Aus meiner Sicht ist dies ein Moment, in dem wir uns quasi eine farbige Nase aufsetzen müssen. Irgendwie sind wir aufgefordert, das Warten wieder als eine Fähigkeit einzuüben.

Das Warten nimmt dem Alltag seine Flüchtigkeit. Beim Warten gibt es kein eiliges Vorübergehen. Es ist verbunden mit dem Innehalten und dem Zur-Ruhe-Kommen. Beim Warten haben wir die Gelegenheit, über das Eine oder Andere nachzudenken. Wir können in dieser Zeit auch vieles planen: Urlaub, den Umbau des Hauses, das nächste private oder berufliche Projekt. Statt an der Flüchtigkeit können wir uns daran erfreuen, dass wir Gedanken und Ideen durchdringen. Da kommt ein Aphorismus auf, der dem römischen Epiker Ovid nachgesagt wird: „Warten gibt Stärke. Warten bringt die jungen Trauben zur Reife und wandelt, was nur sprossender Keim war, zu kraftvoller Saat“.

Es mag kaum jemand glauben. Doch es ist eigentlich ein hervorragender Moment, eine neue Perspektive auf das Warten einzunehmen. Statt das Warten mit einem Grummeln oder gar mit einem Schimpfen zu quittieren, lohnt es nun, Momente des Wartens mit offenen Armen und einem freundlichen Lächeln zu begrüßen. Alles hat seine Zeit – so stand es bereits im Alten Testament.

Ich entwickele inzwischen eine Freude daran, mit einer anderen Brille auf das Warten zu schauen. Auch in den zahlreichen Handlungsfeldern professionell Pflegender muss nicht alles ad hoc erledigt werden. Es sei denn, es geht um Leben und Tod. Wenn operierte Frauen und Männer auf die freundliche Krankenschwester oder den sympathischen Krankenpfleger warten, dann kommt es vielleicht zu einem netten Gespräch während des Verbandwechsels. Wenn Menschen vielleicht auch das Warten aufhören, dann erhalten sie möglicherweise auch die eigenen Ressourcen – um einmal die Pflegesprache in den Fokus zu rücken.

Warten bietet die Chance, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen. Zum Warten gehört Gelassenheit. Aus dieser Gelassenheit erwächst eine Distanz zu den Fragen und Themen, die für den Alltag nach Klärungen rufen. Dem einzelnen Menschen tut dies gut, sicher besser, als sich der Hektik und der Flüchtigkeit hinzugeben.

So ist zu wünschen, dass sie auf dem Bahnsteig vielleicht einmal auf den nächsten Zug warten als den zu nehmen, der bereits im Gleis auf die Abfahrt wartet. Und gönnen Sie sich und den Patient_innen Momente, in denen beim Warten Begegnung stattfindet. Ich glaube, Sie werden Spaß daran haben.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 274 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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