Vom Glück des Wanderns – Eine philosophische Wegbegleitung

Begeisterung für philosophische Wegbegleitung

Haben Sie eine Idee davon, was Wandern und Denken gemeinsam haben? Wenn Sie das Buch „Vom Glück des Wanderns“ in die Hand nehmen, dann bekommen Sie einen Eindruck von den Schnittmengen. Der Autor und Philosoph Albert Kitzler erschließt die „stille und wohltuende Kraft, die beidem innewohnt“ (Einband).

Dem philosophischen Nachdenken und dem Wandern wird sicher eine gewisse Weltflucht unterstellt. Kitzler setzt dem Verständnis dieser Tätigkeiten abseits des Alltags eine Auseinandersetzung mit der Welt und den Menschen entgegen. Er schreibt: „Wandern und Denken haben etwas Meditatives. Beides sind Formen des Unterwegs-Seins, Ausdruck und Abbild unseres Lebens …“ (S. 13). Mit jedem Schritt verlasse man einen Ort und betrete einen neuen, schreite fort ins Unbekannte.

Die Gegenwart ist geprägt von Hektik und Flüchtigkeit. Um dieser Situation begegnen zu können, leitet Kitzler die interessierten Leser_innen an, mit dem Alltag zurechtzukommen. Eine Philosophie des Lebens erschöpfe sich nicht in der Weltanschauung, sondern betreffe die Entwicklung, Pflege und Formung der Persönlichkeit und des Charakters.

Ihm ist sicher recht zu geben, das Wandern und das philosophische Denken bieten die Möglichkeit, sich seiner bewusst zu werden. Das Erleichternde ist, dass das Buch „Vom Glück des Wanderns“ beste Voraussetzungen bietet, die Suche nach sich zu starten, den Alltag hinter sich zu lassen und über Perspektiven nachzudenken.

Es sind weite Bögen, die Kitzler schlägt. Es sind Wanderwege, Lebenswege und Denkwege, wie er ein Kapitel überschreibt. Dabei will er die Leser_innen begeistern, mit ihm die Wanderschuhe zu schnüren, vor allem aber die Philosoph_innen der Vergangenheit und Gegenwart zu erfahren. Inhaltlich geht es ihm darum, das richtige Maß zu finden, die Natur zu spüren und sich an ihr zu erfreuen, gelassen und duldsam zu leben.

Tritt man in seinen Spuren, so eröffnen sich unterschiedliche Perspektiven. Er ist zuversichtlich, geht davon aus, dass erfahrene Wanderer in der Regel ihr eigenes Maß kennen „und wissen, wie wichtig es ist, sich weder zu über-noch zu unterfordern“ (S.92). Wenn diese Erfahrung des eigenen Potenzials und der eigenen Grenzen auch im Alltag beachtet würden, hätte jeder einen großen Schritt zur Meisterung des Lebens getan.

Das philosophische Denken und das Wandern sieht Kitzler wohl als ganz persönliche Aufgabe. „Wie jeder Wanderer Geschwindigkeit, Rhythmus und Länge der Tour gemäß seiner körperlichen Konstitution und Verfassung selbst einschätzen und verantworten muss, so sind wir in allen Lebensfragen immer auf uns selbst verwiesen“, bemerkt Kitzler. Es ist ein großes Vergnügen, bei der Lektüre des Buchs nachzuspüren, wo die ureigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten beim Wandern und beim Denken zu finden sind.

Das Buch kommt in einer Zeit, in der eine Orientierung zur Natur und zu naturgemäßer Lebensweise allzu oft angemahnt wird, als freundliche und ansprechende Einladung daher, um im eigenen Alltag nicht erprobte Wege zu gehen. Sie sind als Gegengewicht zum Alltag zu verstehen: „Die innere Ruhe und Ausgeglichenheit … weckt die Freude am Leben und kräftigt Körper und Seele“ (S. 133). Genau deshalb zeigt sich eine große Begeisterung für die philosophische Wegbegleitung.

Albert Kitzler: Vom Glück des Wanderns – Eine philosophische Wegbegleitung, Verlag Droemer Knaur, München 2019, ISBN 978-3-426-27760-7, 268 Seiten, 16.99 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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