„Vom gemeinsamen Rudern“

(C) dmitrydesigner

Die Situation kennen Sie sicher. Eine Frau, ein Mann mit einem körperlichen Gebrechen oder einem seelischen Leiden steht mit einem vollgepackten Koffer auf dem Stationsflur. Verunsichert wirkt die Person, unsicher, was in den nächsten Stunden und Tagen auf sie oder ihn zukommt. An der Seite stehen Lebenspartner(innen), Kinder, Eltern oder wer auch immer. Schritte in die Ungewissheit werden von Menschen begleitet, die Vertrauen schenken.

Eine solche Szene macht deutlich, dass das Leitwort der diesjährigen „Woche der seelischen Gesundheit“ Sinn macht. „Gemeinsam über den Berg“ gehen die Menschen, die in den Krankenhäusern, in den Pflegeheimen, in den Tageseinrichtungen oder auch bei ambulanten Diensten Unterstützung suchen. „Gemeinsam über den Berg“ gehen vor allem die Menschen, die von körperlichen oder seelischen Leiden betroffen sind, und die Menschen in ihrem persönlichen Umfeld.

Dies ist gut so. Schließlich fällt es schwer, so manchen Weg im Leben alleine zu gehen. Es ist nötig, dass jemand an der Seite steht. Es geht sicher darum, dass sich der Eine auf den Anderen verlassen kann. Dabei muss nicht alles eitel Sonnenschein sein, sondern die Gewissheit herrschen, dass bestimmte Wege nicht allein gegangen werden müssen.

„Gemeinsam über den Berg“ – mich macht dieses Motto sehr nachdenklich. Denn die Angehörigen und das übrige soziale Umfeld von erkrankten Menschen haben mit uns Pflegenden eine Menge gemeinsam. Sie sind nicht diejenigen, die ihre Weggefährt(inn)en bei uns abgeben, damit sie repariert werden. Sie sind aus meiner Sicht diejenigen, die wir zu den Kompliz(inn)en unseres beruflichen Handelns machen müssen.

Denn aus meiner Sicht sitzen wir gemeinsam in einem Boot. Als Gefährten derjenigen, die von körperlichen und seelischen Leiden betroffen sind, haben Angehörige wie professionell Pflegende vor allem mit den Auswirkungen von Erkrankungen zu tun. Wir müssen mit den Betroffenen Wege finden, damit sie ein zufriedenes Leben führen können.

Dass es dabei auch zu der einen oder anderen individuellen Reibungswärme kommt, dies ist eine grundlegende Erfahrung des Lebens. Betroffene wollen manchmal mehr im Leben, als es ihnen noch möglich ist. Da machen kritische Worte manchmal Sinn. Unverzichtbar ist es, dass Menschen ein Gegenüber brauchen, das Lasten mitträgt. Im Zusammenhang mit seelischen Erkrankungen kommt es immer wieder zu Diskussionen um die Einnahme von Psychopharmaka. Diejenigen, die sie einnehmen sollen, tun sich damit schwer, weil sie nicht bereit sind, Wirkungen und Nebenwirkungen zu ertragen. Menschen im sozialen Umfeld wollen trotzdem zur Einnahme ermutigen.

Bleiben wir einmal bei dem Bild des Bootes. Den leidenden Menschen ist es nicht immer möglich, mit beiden Rudern das Boot in einem unruhigen Gewässer zu führen. Dann brauchen sie jemanden, der mit ihnen versucht, denselben Paddelrhythmus zu finden. Dies gelingt natürlich nur, indem sämtliche Beteiligten versuchen, aufeinander zuzugehen. Gelingt dies nicht, so bekommt das Boot eine falsche Richtung, so fühlt sich die eine oder andere Seite missverstanden.

Im Gesundheitswesen wird inzwischen eine ganze Menge über die Selbstbestimmung des Einzelnen und die partizipative Entscheidungsfindung diskutiert (um nur zwei Beispiele zu finden). Dabei diskutieren viele sogenannte Experten. Bewusst sein muss allerdings, dass solche großen Projekte ganz individuell beginnen. So ist es mit dem Trialog zwischen Betroffenen, Angehörigen und professionell Tätigen auch. Es beginnt mit einer Haltung, wie man seinem Mitmenschen begegnet. Es beginnt damit, dass es einem wichtig ist, einem leidenden Menschen Perspektiven zu eröffnen. Auch wenn diese Perspektiven manchmal begrenzt sind. „Gemeinsam über den Berg“ – es muss nicht unbedingt ein Hochgebirge sein.

Woche der Seelischen Gesundheit – Aktionsbündnis Seelische Gesundheit

Über Christoph Mueller 341 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen