Volkshilfe zum Welt-Alzheimertag: Betroffenen eine Stimme geben!

Foto (C): Christopher Glanzl

Alle 12 Sekunden erkrankt in Europa ein Mensch an Demenz, weltweit sogar alle drei Sekunden (World Alzheimer Report 2015). Von den rund 46,8 Millionen Menschen, die 2015 weltweit von Demenz betroffen waren, lebten rund 10,5 Millionen in Europa. Für die kommenden Jahrzehnte wird weltweit ein starker Anstieg der an Demenz Erkrankten prognostiziert.  So gehen die Wissenschaftler davon aus, dass sich die Anzahl der Demenz Erkrankten bis 2050 weltweit mehr als verdreifachen wird.

In Österreich lebten 2015 rund 130.000 Menschen mit einer Demenzerkrankung. Diese Zahl wird sich bis 2050 etwas mehr als verdoppeln, die Zahl der jährlichen Neuerkrankungen wird in diesem Jahr auf 65.000 geschätzt. Dies ist gegenüber dem Jahr 2000 mit 23.600 jährlichen Neuerkrankungen ein 2,8 facher Anstieg. (Demenzbericht 2014).

Gleichzeitig nimmt die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter ab. 2050 werden es in Österreich nur noch 4,5 Millionen Menschen sein. Das bedeutet, dass auf einen Demenzerkrankten nur noch 17 Erwerbstätige kommen. 2000 waren es noch 60 Erwerbstätige auf einen Demenzerkrankten. (Demenzbericht 2014)

Wir stehen durch diese Begebenheit vor einer weiteren großen Herausforderung, die nicht nur unser Gesundheitssystem vor eine Probe stellen wird.

Aus diesem Grund gab es am Montag, den 19.9.2016 eine Pressekonferenz im Cafe Landtmann, zu der die Volkshilfe mit Herrn Direktor Mag. (FH) Erich Fenninger, DAS einlud.

„Wir können uns nur auf die Zukunft vorbereiten indem wir in der Gegenwart entsprechende Schritte setzen. Der Begriff „Demenz“ hat in unserer Leistungsgesellschaft eine negative Semantik. Menschen mit dieser Diagnose werden meistens nur noch nach ihrer Krankheit bewertet und nicht mehr als Mensch. Sie sind aber noch immer die Menschen, die sie vor der Krankheit waren. Dadurch leiden sie doppelt. Durch das Verhalten der Umgebung und den Rollenverlust, der durch die Krankheit entsteht, verlieren die Leute ihre Selbstbestimmtheit. Dabei sollte man diesen Menschen nicht gleich jeden Löffel aus der Hand nehmen, weil sie die Diagnose bekommen haben. Wichtig wäre auch, dass die Betroffenen nicht sofort aus ihrem Arbeitsleben gerissen werden. Damit nimmt man ihnen eine weitere wichtige Rolle. “ so Erich Fenninger.

Zum Thema „Pflegende Angehörige“ meint der Direktor der Volkshilfe: „Pflegende Angehörige sind mehrfach belastet. Sie benötigen wirklich viel Zeit mit den Betroffenen und sind extremen körperlichen und psychischen Belastungen ausgesetzt. Leider kommt noch hinzu, dass sich meistens einer in der Familie entscheidet, sich um den Demenzerkrankten zu kümmern und dann von der restlichen Familie mit dieser Aufgabe alleine gelassen wird, bis es dann nicht mehr geht. Dabei kann so ein großer Rucksack unmöglich von einer Person getragen werden. Diese Menschen bräuchten vom Staat und den Institutionen eine besondere Begleitung und damit meine ich nicht nur bei den pflegerischen Aufgaben. Erschwerend kommt noch hinzu, dass der Rollenverlust der Demenzerkrankten auch ein Rollenverlust bei den Angehörigen ist. Die Mutter, der Vater, der Bruder etc. auf einmal haben diese Menschen nicht mehr ihre Rolle im Familiensystem und die Umgebung hat sich auf diese Rolle bisher stets verlassen können. Dies ist eine Hilflosigkeit für alle. “

All dies war Motivation eine Umfrage zum Thema Demenz zu starten. Die Ergebnisse liegen klar auf der Hand:

  • 63% aller Befragten fühlen sich über Demenz nicht ausreichend informiert.
  • 84% der TeilnehmerInnen wünschen einen Ausbau von Angeboten der Beratung und Wissensvermittlung.
  • 82% sprachen sich für eine flächendeckende Einführung Diagnoseinstrumenten für den Gesundheits- und Sozialbereich zur Früherkennung von Demenz aus.
  • Sieben von zehn Befragten wären für eine Anerkennung der Demenz als Behinderung

Die Forderungen der Volkshilfe sind dadurch klar

  • Es bedarf einer Stärkung von Wissen und Kompetenz von An- und Zugehörigen.
  • Man muss die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und Selbstbestimmung sicherstellen.
  • Vollständige Anerkennung von Demenz als Behinderung, um rechtliche Rahmenbedingungen zum Schutz vor Diskriminierung zu schaffen. Hierbei gibt es die ganz klare Forderung auf einen Anspruch auf einen Behindertenausweis ab einem bestimmten Schweregrad der Demenz. Damit einhergehend wäre die Vertretung von Menschen mit Demenz durch die Behindertenanwaltschaft.
  • Eine Flächendeckende Einführung von Diagnoseinstrumenten zur Früherkennung für den Gesundheits- und Sozialbereich

Das Demenzangebot der Volkshilfe ist bereits vielfältig: Multiprofessionelle Demenzteams (Burgenland), Demenzdiagnostik und Demenzberatung (Steyr), eine Demenzstation (Wels), mobile Demenzbeauftragte (Steiermark, Tirol), Stammtisch für pflegende Angehörige, Betreuungsgruppen für an Demenz erkrankte Menschen, ein Informationsportal der Demenzhilfe der Volkshilfe Österreich und ein eigener Fonds für die Demenzhilfe Österreichs.

Markus Golla
Über Markus Golla 4934 Artikel
Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Studiengangsleitung (FH) und Vortragender im Bereich Gesundheits- und Krankenpflege, Kommunikation & Projektmanagement, Pflegewissenschaft BScN (Absolvent UMIT/Wien), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Masterstudent Pflegewissenschaft (UMIT/Hall)

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