Völlerei – Das große Fressen

15. April 2023 | Rezensionen

„Ernsthaftigkeit und Unterhaltung“

In der Regel gibt die Völlerei Anlass, skeptisch auf sich oder einen Menschen in der persönlichen Umgebung zu blicken. Mit dem Buch „Völlerei – Das große Fressen“ verändert der Gourmet-Kritiker Jürgen Dollase die Perspektive. Es ist nicht so, dass er die Völlerei gutheißt. Er plädiert eher für einen maßvollen Genuss. Mit der unterhaltsamen wie erkenntnisreichen Schrift setzt er den einen oder anderen Impuls, damit zeitgenössischen Menschen über sich und die Essgewohnheiten nachdenken.

„Mit einem Maximum an Sensibilität, dem klaren Erkennen großer Zusammenhänge und vor allem jener Offenheit, die uns befähigt, immer gleichzeitig unsere eigene Position zu relativieren sowie Neues und Gutes zu erkennen, würdigen wir das, was uns die Schöpfung bereitet“, schreibt Dollase zum Ende des Buchs (S. 107). Damit beschreibt er die Rahmenbedingungen, die er höchstselbst auf den mehr als 100 Seiten schafft. Den mahnenden Zeigefinger erhebt er nicht. Vielmehr nimmt er die Menschen auf seine Arbeitswege in Restaurants mit, lässt sie quasi auf den Esstisch im heimischen Haus schauen.

So fühlen sich die Leser_innen nicht nur dem Menschen Jürgen Dollase näher. Sie bekommen das Gefühl, dass der eine oder andere Mensch auf der gegenüberliegenden Straßenseite vergleichbare Sorgen und Themen hat, die sie oder ihn im Alltag bewegen. Zentral sind die individuellen Überlegungen zu den Essgewohnheiten. So zeigt sich Dollase überzeugt, dass derjenige ein Übermaß an Verzehr provoziere, der großen Wert auf Vorräte lege. Ein Begriff wie konditionierter Reiz scheint da unvermeidlich.

Irgendwie mit einem schelmischen Lächeln blickt Dollase auf das Komaessen. Bei der Nutzung des Terminus denkt Dollase an die gutbürgerlich genannte Gastronomie. „Man isst Mengen, die völlig jenseits des Bedarfs liegen“, formuliert Dollase (S. 44). Die Folgen solcher Angewohnheiten würden mit der Zeit sichtbar und machten sich gesundheitlich bemerkbar.

Die Lektüre verwandelt die Leser_innen nicht vom Saulus zum Paulus. Dies muss auch nicht geschehen. Es reicht, dass die Leser_innen ins Nachdenken kommen, die eigenen Lebenswege unter die Lupe nehmen und vielleicht an der einen oder anderen Stelle Anpassungen versuchen. Möglicherweise bemüht sich auch die eine oder der andere, in die Schuhe Dollases zu schlüpfen. Eine ausgeprägtere Essens-und Lebenskultur kommt sicher einem jeden entgegen. Das Buch gewährt Einblicke, wie Menschen arbeiten, die als Restaurant-Kritiker_innen gelten. Es zeigt gleichzeitig, dass solche Menschen auch ganz normale Esser_innen in den eigenen vier Wänden sind.

Einen breiten Raum nimmt bei den Überlegungen zur Völlerei die Beschäftigung mit der Todsünde ein. Dollase will den Blick weiten, blickt in die Theologie und Psychologie, versucht einfach auch die eine oder andere Begriffsklärung: „Bei der Frage nach den Gründen für eine regelmäßige Überernährung läuft es darauf hinaus, dass man von einer fehlenden Balance, von einem Mangel an Ausgewogenheit zwischen Appetit und Sättigung beim modernen Menschen reden kann“ (S. 66).

Die Lektüre verspricht eine Menge Unterhaltung. Die Lerneffekte und das Wecken von Neugier kommen dann von ganz alleine. Da weicht sogar die Skepsis.

Jürgen Dollase: Völlerei – Das große Fressen, Hirzel-Verlag, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-77762968-1, 109 Seiten, 15 Euro.

Autor

  • Christoph Mueller

    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at