Vita Contemplativa – Oder von der Untätigkeit

25. Juli 2022 | Rezensionen

„Ohne Ruhe eine neue Barbarei“

In der zeitgenössischen Gesellschaft scheint es nicht en vogue zu sein, die Untätigkeit zu loben. Der Philosoph Byung-Chul Han schert sich nicht darum, was zeitgemäß erscheint. Mit seinem Buch „Vita Contemplativa“ setzt er ein Zeichen, unterstreicht, wie wichtig die Untätigkeit ist, um in der zeitgenössischen Gesellschaft überleben zu können. Es befremdet natürlich, wenn er beschreibt, dass Untätigkeit das Humanum bilde. Doch prägen sich seine Begründungen ein. Beispielsweise schreibt Han: „Ohne Moment des Zögerns oder des Innehaltens sinkt das Handeln zur blinden Aktion und Reaktion herab. Ohne Ruhe entsteht eine neue Barbarei“ (S. 10).

Han gräbt sich tief in die Philosophie-Geschichte ein, um viele Argumente für die Notwendigkeit eines kontemplativen Lebens zu finden. Es hat die aufgeweckten Geister der unterschiedlichen Zeiten immer wieder bewegt. So sucht Han nach einem zeitgemäßen Verständnis. Wenn er die Untätigkeit ein „geistiges Fasten“ (S. 17) nennt, so stellt er den Begriff des kontemplativen Lebens auf bislang unbekannte Füße. Schließlich scheint es in der Gegenwart nicht so zu sein, dass das Fasten als Tugend eingeübt wird. Vielmehr wird das Fasten als Schritt zur Gesundheit angesehen. Die Leser_innen werden angeregt, sich in die Stille und Beschaulichkeit einer Region zu hocken und über das eigene geistige Fasten nachzusinnieren.

Ein kontemplatives Leben verlangt nach Han „eine lange Weile, ein intensives, kontemplatives Verweilen“ (S. 19). In einer „Epoche der Eile“ (S.19) sei dies rar, „in der alles so kurzfristig, kurzatmig und kurzsichtig geworden ist“ (S. 19). Eine konsumistische Lebensform setze sich durch, man habe keine Geduld zum Warten mehr, „in dem etwas langsam reifen könnte“ (S. 19). Langeweile vertrage man immer weniger, dadurch verkümmere die Fähigkeit der Erfahrung.

Wenn sich Han positioniert, dann sind seine Meinungen mehr als deutlich. Bewusst setzt er Kanten, Han will anecken. Dies macht die Lektüre zu einem fruchtbaren Geschehen. Wenn er sich mit der Philosophin Hannah Arendt beschäftigt, wird diese Fähigkeit besonders deutlich. Die Ideen Arendts seziert Han wie ein erfahrener Chirurg. Er lässt an Arendts Überlegungen wenig Gutes. Vor allem setzt er einen Punkt, wo Arendt das Kollektive und Politische stark betont. Han betont das Individuelle, es scheint ihm vor allem darum zu gehen, die Zeitgenoss_innen zu befähigen, in unruhigen Zeiten zu bestehen.

Mit einem Rückgriff auf Martin Heidegger betont er die Ethik der Untätigkeit, die sich aus einer Ethik der Scheu entwickele. Scheu schärfe beispielsweise das Zuhören, in der Scheu erwache eine besondere Aufmerksamkeit. Solche Gedanken befremden, wenn es zeitpassend erscheint, sich darzustellen und sich zu inszenieren. Hans Buch ist im Grunde auf jeder Seite eine lebhafte Anregung. Es ist eine Ermutigung, sich nicht den Zeitläufen anzupassen, sondern Tugenden einzuüben, die unmodern wirken.

Han betont, dass sich Heideggers Besinnung der totalen Verfügbarmachung widersetze, „die alles erreichbar, berechenbar, kontrollierbar, steuerbar, beherrschbar und konsumierbar macht“ (S. 49). Es stellt sich die Frage, ob die Zeitgenoss_innen diese kritischen Bemerkungen lesen wollen, ob sie sich zum Nachdenken und eventuell auch zur Anpassung des alltäglichen Lebens ermuntern lassen wollen.

Angenehm ist, dass Han mit dem Buch „Vita Contemplativa“ keinen Missionsauftrag erfüllen will. Er will den Diskurs lebendiger machen, die Menschen sollen ihre Wege selbst finden. Nichtsdestotrotz bleiben seine kantigen Haltungen im Diskursraum.

 

Byung-Chul Han: Vita Contemplativa – Oder von der Untätigkeit, Ullstein-Verlag, Berlin 2022, ISBN 978-3-550-20213-1, 127 Seiten, 22 Euro.

Autor:in

  • Christoph Mueller

    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at