Virtual 3 D Classroom/Akademie ein Zukunftsmodell

Erfahrungsbericht

Einleitung

In jeder Krise liegt auch eine Chance. RECOM führt zu den Themenbereichen der pflegerischen Diagnostik mit und ohne Pflegeklassifikationssystemen ENP und NANDA-I zu datenbasierter Pflegebudgetsteuerung, Pflegepersonaluntergrenzen, pflegerische Erlösoptimierung im aG-DRG-System, Pflegeprozessdokumentation sowie berufspädagogische Seminare für Praxisanleiter durch. Mit dem Lockdown mussten alles Seminar und Vorlesungen in Präsenzform gestoppt werden. Auf der Suche nach Alternativen sind wir auf die virtuellen Seminar- und Akademieräumlichkeiten von TriCAT-Spaces gestoßen.  Als Dozent und Teilnehmer tritt man in Form eines Avatars in den virtuellen Raum ein und kann seine Vorlesungen und Seminare in großzügig modernen Konferenz- und Tagungsräumen gestalten. Bei dem nachfolgenden Beitrag handelt es sich um einen Erfahrungsbericht über dieses Werkzeug und einen Ausblick über die künftigen Nutzungspotenziale der virtuellen Seminargestaltung.

Erste Erfahrungen als Dozentin in der virtuellen Welt

Als Dozentin habe ich nun ca. 20 Seminare, Konferenzen, Workshops und Vorlesungen in unterschiedlichen Settings in dieser virtuellen Lernwelt von TriCAT-spaces hinter mich gebracht.  Besonders beeindruckt hat mich dabei die leichte Erlernbarkeit, den virtuellen Klassenraum zu nutzen. Ebenso ist die einfache Verfügbarkeit der erforderlichen Technik hilfreich. Die Nutzungsvoraussetzungen, sowohl für den Dozenten als auch die Teilnehmer sind ein PC oder Laptop entsprechend dem üblichen Standard, ein Headset und eine Internetverbindung. Je größer der Bildschirm ist und je besser die Grafikkarte, desto mehr Spaß macht es, in den virtuellen Raum einzutreten. Generell ist damit der Zugang fast jedem möglich. Als Dozentin und Trainerin haben mich im Besonderen beeindruckt, dass die Teilnehmer sehr schnell in die virtuelle Welt eintauchen konnten und eine vertiefte kognitive und emotionale Auseinandersetzung mit den Seminarthemen und der Interaktion im Klassenraum möglich ist. Die Teilnehmer berichten, dass durch die Avatar Präsenz das Gefühl der körperlichen Anwesenheit entsteht. Studien belegen, dass gerade durch die „Egoperspektive“ der Avatare und der realitätsnahen virtuellen Welten eine Körpertransfer-Illusion entsteht, die im Lernprozess auch körperliche Reaktionen und Emotionen hervorruft. (Slater et al., 2010; Wieteck, 2020). Aus der Forschung wissen wir, dass erfolgreiches Lernen umso effektiver ist, je realitätsnaher wir eine Handlung und ein Prozess üben und erleben können. In der Wissenschaft wird das „Embodied Cognision“ genannt (Wilson, 2020). Die Avatare sind dabei eine Schlüsselkomponente für das hohe Präsenzerleben in den individuellen Lernsituationen. Mein persönlicher Eindruck über die bedeutende Funktion der Avatare und der „Egoperspektive“ bestätigen sich in der Forschung zu diesem Thema (Schuemie et al., 2001).

Zudem eröffnen sich mir als Dozentin in dem Standardmodul von TriCAT-spaces zahlreiche Möglichkeiten den Unterricht, die Vorlesung oder das Seminar attraktiv zu gestalten. Moderationswände und Karten stehen unbegrenzt zu Verfügung und können von jedem Teilnehmer gelesen und bedient werden. Videofilme und Präsentation können einfach gestreamt werden. Auch Teilnehmer oder Auszubildende können ein eigenes Dokument oder Arbeitsergebnis streamen und mit allen Gruppenteilnehmern diskutieren. Zusammengefasst hatte ich deutlich mehr Möglichkeiten als Lehrende, als sie mir in realen Unterrichtssituationen zu Verfügung stehen. Die Kommunikation ist im virtuellen Klassenraum und/oder in den Akademieräumlichkeiten uneingeschränkt möglich, die soziale Interaktion mit dem sich bewegen, handeln und Emotionen zeigen ist in einer präsenzähnlichen Qualität möglich. Gleichzeitig konnte ich die Erfahrung machen, dass die virtuellen Möglichkeiten der Seminar- und Unterrichtsgestaltung durch die in der virtuellen 3D-Umgebung und den verfügbaren Medien sogar besser unterstützt wird als in einer Präsenzveranstaltung. Lernende interagieren direkt mit der täuschend realistischen virtuellen Umwelt. Durch das Eintauchen in die virtuelle Welt entsteht ein Gefühl echter Präsenz und die Aufmerksamkeit der Teilnehmer scheint auch durch die Möglichkeiten der Selbststeuerung im Lernprozess höher zu sein. So berichteten zu mindestens Teilnehmer über ihr Erleben.  Die Interaktion im Klassenraum findet in Echtzeit statt, ebenso können die Reaktionen auf diese direkt erlebt werden. Nachfolgend ein paar Eindrücke aus einer Vorlesung an der IMC FH Krems University of Applied Sciences im Masterstudiengang zu internationalen Pflegeklassifikationssystemen und einem berufspädagogischen Seminar für Praxisanleiter.

Der virtual Seminarraum/Classroom ermöglicht eine passgenaue Lernlösung und kann standortübergreifend Seminarteilnehmer mit weiten Distanzen als Lerngruppe zusammenfassen (Rickert). Lange Reisezeiten, Anfahrten sowie Übernachtungen entfallen komplett. Ohne große Organisation wie Raumbuchungen usw. kann der Lernbedarf einer Gruppe erfüllt werden.

Ich persönlich bin als Dozentin und Trainerin von den neuen Möglichkeiten überzeugt. Eine weitere Bereicherung wird es sein, wenn es in Kürze auch die Möglichkeit gibt, Patienten im virtuellen 3D-Raum vorzustellen, welche die jeweiligen Symptome einer Erkrankung zeigen. Aktuell kann dieses im Moment mit entsprechender VR-Brille und Serios Games genutzt werden. Weiter Informationen über z.B. Training für Notfallsanitäter finden sie unter https://epicsave.de/ . Wie in dem nachfolgenden Bild gezeigt, kann ein Notfallsanitäter-Training mit direkter Reaktion des Patienten auf die durchgeführten Handlungen geübt werden.

Ausblick bezüglich der Nutzenpotenziale

Es ist denkbar, die virtuellen Welten auch z.B. für Patienten im Rahmen eines Phobie Trainings und oder Trainings von sozialen Kompetenzen bei Verhaltensstörungen zu nutzen. Auch Analysen von Verhaltensstörungen oder zur Anamnese über Verhaltensauffälligkeiten oder Aufmerksamkeitsprozesse z.B. bei Aufmerksamkeitsdefiziten in definierten Szenarien könnte für die Pflegeausbildung interessant sein. (Rizzo et al., 2014)

Ein gezieltes social Skill Training ist in den unterschiedlichen Settings und Aufgabenfeldern auch für die Pflegeausbildung und Personalentwicklung in der Pflege denkbar. Auch für die pflegepädagogische Ausbildung erschließen sich in einer virtuellen 3D Welt mit in einem Klassenzimmer und typischerweise vorkommenden Unterrichtssituationen neue Möglichkeiten um die Kompetenzen der Pflegepädagogen zu schulen. So könnten simuliert kritische Situationen im Klassenzimmer simuliert werden und Reaktionen des trainierenden Lehrers auf die Teilnehmer reflektiert und im Rahmen eines Trainings optimiert werden (Lugrin et al., 2016). Zahlreiche Anwendungsbereiche eines virtuellen Coaching und/oder virtual reallity classroom sind bereits beschrieben (Garland, Vasquez, & Pearl, 2012; Herkersdorf). Mittlerweile liegt mit TriCAt eine kostengünstige und sehr realitätsnahe Möglichkeit vor, um Skill-Trainings in den unterschiedlichen Settings durchzuführen. Durch die Möglichkeit, Aufnahmen des Trainings zu erstellen und dieses im Anschluss zu analysieren oder dem Trainierenden die Möglichkeit, die eigenen Handlungen und Äußerungen aus den Augen seines Gegenübers ansehen zu können, sind hervorragende Möglichkeiten, z.B. um in Kontext der Pflegeausbildung Beratungsgespräche, Fallbesprechungen oder ähnliches zu üben, zu reflektieren und die Interaktion zu verfeinern. Spannend werden auch Szenarien in der Pflege und im Medizin Kontext sein, bei denen Avatare über KI-Mechanismen gesteuert werden, um z.B. eine Krankenhausevakuierung bei einem Brand-Fall zu üben.

Ich sehe in diesen Möglichkeiten künftig auch die Realisierung einer kostengünstigen, innerbetrieblichen Fortbildung und Personalentwicklung in den Kliniken, die es künftig ermöglicht, mit guten Experten weltweit in den Lernaustausch zu kommen. Die Anreisen und Übernachtungen von Experten entfällt, die Seminar- und Unterrichtsgestaltung kann an die Zeiten und Lernbedarfe der Gruppe deutlich flexibler und individueller ausgerichtet werden.

Garland, K. V., Vasquez, E., & Pearl, C. (2012). Efficacy of Individualized Clinical Coaching in a Virtual Reality Classroom for Increasing Teachers‘ Fidelity of Implementation of Discrete Trial Teaching. Education and Training in Autism and Developmental Disabilities, 47(4), pp. 502-515.

Herkersdorf, M. Warum Virtual Reality nur die Spitze des Eisbergs ist?! Retrieved from https://www.elearning-journal.com/2018/12/13/spitze-des-eisbergs/ (Accessed: 11.06.2020).

Lugrin, J.-L. et al. (2016). Breaking Bad Behaviors: A New Tool for Learning Classroom Management Using Virtual Reality. Frontiers in ICT, 3(26). doi: 10.3389/fict.2016.00026

Rickert, A. Virtual Classroom – eine Antwort auf aktuelle Herausforderungen in der Personalentwicklung. Retrieved from https://www.elearning-journal.com/2018/12/19/virtual-classroom-eine-antwort-auf-aktuelle-herausforderungen-in-der-personalentwicklung/ (Accessed: 11.06.2020).

Rizzo, A. A. et al. (2014). A Virtual Reality Scenario for All Seasons: The Virtual Classroom. CNS Spectrums, 11(1), pp. 35-44. doi: 10.1017/S1092852900024196

Schuemie, M. J. et al. (2001). Research on presence in virtual reality: a survey. Cyberpsychol Behav, 4(2), pp. 183-201. doi: 10.1089/109493101300117884

Slater, M. et al. (2010). First person experience of body transfer in virtual reality. PLoS One, 5(5), pp. e10564. doi: 10.1371/journal.pone.0010564

Wieteck, P. (2020). „Ich habe mich wie in die virtuelle Welte eingesaugt gefühlt und war mit meinen Mitkommilitonen im Seminarraum“. Retrieved from https://www.linkedin.com/pulse/ich-habe-mich-wie-die-virtuelle-welte-eingesaugt-und-pia/?trackingId=Mh3JjXOBQWupWwSPJsd9%2BQ%3D%3D (Accessed: 11.06.2020).

Wilson, M. (2020). Six views of embodied cognition. Psychonomic bulleting & review, 9(4), pp. 625-636.

Pia Wieteck
Über Pia Wieteck 1 Artikel
Dr. Pia Wieteck: Pflegewissenschaftlerin, Lehrperson, Gründerin und Entwicklerin von ENP (European Nursing care Pathways), Autorin zahlreicher Fachbücher in der Pflege und aktuell tätig als Leitung der Abteilung Forschung und Entwicklung bei der Firma RECOM GmbH. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind in diesem Bereich die Weiterentwicklung von Pflegeklassifikationssystemen sowie die ontologische Vernetzung dieser und die Sichtbarkeitsmachung der pflegerischen Leistungen in einem Vergütungssystem. Zu dieser Tätigkeit kommen Vorlesungen an Universitäten und Fachhochschulen sowie Vorstandstätigkeit in der Fachgesellschaft Profession Pflege e.V. Pia.Wieteck@t-online.de

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