Verstehen in der Psychiatrischen Pflege

Wer in der psychiatrischen Pflege arbeitet, der weiß um die Wichtigkeit des Begriffs Verstehen im Versorgungsalltag. Es geht darum, den Menschen, der einem Gegenüber sitzt, in all seiner Komplexität zu verstehen, sich ihr oder ihm empathisch anzunähern. Dies ermöglicht es, die Genese seiner Erkrankung nachvollziehen zu können. Dies ermöglicht es, sich der Lebenswelt des Betroffenen anzunähern. Letztendlich ist es eine herausfordernde Aufgabe, die psychiatrisch Pflegende in der Begegnung mit Menschen meistern müssen, die aus dem seelischen Gleichgewicht sind.

Nun haben sich Autor_innen um die Pflegewissenschaftler_innen Sabine Weißflog und Julia Lademann mit dem Verstehen beschäftigt. Es sind Beiträge, die auf den ersten Blick allzu theoretisch wirken. Doch in der intensiven Lektüre entfalten die Texte ihre eigentliche Kraft. Vor allem ermutigen sie, an den jeweiligen Themen weiterzudenken.

Ingo Tschinke, der langjährige Erfahrungen in der stationären und ambulanten psychiatrischen Versorgung hat, setzt sich mit dem Recovery-Konzept auseinander. Gerade seine Gedanken regen an, Überlegungen zu konkretisieren. Wenn er schreibt, dass persönliche Recovery beispielsweise bedeute, „dass die Klienten darüber entscheiden, inwieweit die psychiatrische Versorgung von ihnen in Anspruch genommen wird oder auch nicht“ (S. 73), dann zeigt sich die Notwendigkeit, darüber nachzudenken, ob Pflegende diese Selbstbestimmung eines, einer Betroffenen aushalten können. Ausdrücklich betont Tschinke, dass die Prozessverantwortung bei den Betroffenen liege. An anderer Stelle zeigt sich, wie wichtig die Begleitung der betroffenen Menschen durch psychiatrisch Pflegende und andere Akteur_innen ist. Betroffene müssten für sich das Verstehen ermöglichen, „um dadurch einen Sinn in der psychischen Erkrankung zu erfahren“ (S. 81). Der so erarbeitete Lebenssinn könne ein ausgeprägter Motivator sein.

„Von den Herausforderungen einer kritischen Selbsterfahrung in der psychiatrischen Pflege“ schreibt Michael Theune. Julia Lademann beschreibt die „Beziehungsgestaltung in der psychiatrischen Pflege“. Sonja Freyer fokussiert sich auf das Advanced Practice Nursing“ und sucht nach einer „Profilentwicklung einer APN Suizidprävention und Suizidpostvention“.

Eine hohe Relevanz für die Praxis hat Maren Fries mit ihrer „ethischen Diskussion der Möglichkeiten und Grenzen des Konzepts der offenen Tür“. Dabei schlussfolgert sie: „Das Konzept der offenen Tür stellt sich hierzu als eine moderne, innovative und humanere Alternative dar, die die bisherige Behandlungspraxis hinter verschlossenen Türen erfolgreich ablösen könnte“ (S. 107). Sie plädiert deutlich für das Konzept der offenen Türe und formuliert deutliche Vorteile: „Respektierung der Autonomie, durch die Verhinderung von Schaden, durch die Ausübung von nicht übergriffiger Fürsorge und durch die Bestrebung von Gerechtigkeit den Prinzipien der Ethik in hohem Maße entspricht“ (S. 107).

Das Buch „Verstehen in der Psychiatrischen Pflege“ spricht sich letztendlich für Gelegenheiten aus, das eigene Denken und Handeln, aber natürlich das Miteinander mit den seelisch erkrankten Menschen zu reflektieren. Dazu bieten die theoretischen Grundlegungen des Buchs Wegweisungen, die es aufzugreifen lohnt. Sabine Weißflog fasst es eindrücklich zusammen: „Korrigieren wir vor diesem Hintergrund das unerreichbare Ideal quantitativer Verfahren objektivistischer Ansätze zugunsten verstehender Methoden“ (S. 35). Die betroffenen Menschen haben es verdient.

 

Sabine Weißflog & Julia Lademann (Hrsg.): Verstehen in der Psychiatrischen Pflege – Beiträge für erweiterte pflegewissenschaftliche Perspektiven, Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-17-039688-3, 155 Seiten, 39 Euro.

Über Christoph Mueller 333 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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