Verletzungen von Menschenrechten vermeiden – Prävention am Beispiel von Pflegeheimen und psychiatrischen Abteilungen

Konkreter Alltag

Die Arbeit in Pflegeheimen und psychiatrischen Kliniken birgt stets die Gefahr, Menschenrechte zu verletzen. Für die Juristin Petra Niederhametner ist es Anstoß gewesen, sich präventiv mit der Vermeidung von Menschenrechtsverletzungen in totalen Institutionen auseinanderzusetzen. Leserinnen und Leser werden sich fragen, was Juristinnen und Juristen zum pflegerischen Alltag zusagen hat. Die fehlende berufliche Praxis hat allerdings nicht dafür gesorgt, dass das Buch eine Aneinanderreihung von Worthülsen zeigt. Niederhametner hat sich in pflegerische Begrifflichkeiten hineingearbeitet und stets den Bogen zu juristischen Fragestellungen geschlagen.

Schon früh betont Niederhametner, dass Prävention eine soziale Dimension hat (S. 79). Sie funktioniere nicht ohne Betroffene und Beteiligte (S. 79). Sie erfordere eine bestimmte Beziehung zwischen jenen, die präventive Maßnahmen treffen und solchen, die davon betroffen sind und jenen, die davon profitieren sollen (S. 79). Diese Prämisse muss Orientierungslinie für Menschen sein, die in der Begleitung und Versorgung alter, pflegebedürftiger und  psychisch erkrankter Menschen tätig sein.

Niederhametner hat sich wohl in einschlägige Studien eingearbeitet sowie „dokumentierte Wahrnehmungen nationaler und internationaler Kontrollinstanzen“ gelesen, um Brennpunkte der Versorgung in totalen Institutionen herauszuarbeiten. In ihrer Studie legt sie den Fokus auf die Ernährung und Stürze, auf Schmerzen und Dekubitus, auf freiheitsentziehende Maßnahmen und Arzneimitteltherapiesicherheit, Gewalt und Suizidalität.

Realitätsbezug zeigt Niederhametner beispielsweise bei der Auseinandersetzung mit der Suizidalität. Als wirksame Therapie beschreibt sie eine gute therapeutische Beziehung, die der suizidale Patient als sichere Basis erlebt und auch längerfristig als Verankerung nutzen könne (S. 320). In der Praxis sei Prävention von Suizidalität immer eine Krisenintervention, „die nur in einer entsprechenden Beziehung realisiert werden kann“ (S. 321).

Wie kann Prävention grundsätzlich gelingen? Niederhametner plädiert dafür, dass mit einem Perspektivenwechsel und der Konzentration auf Schutzfaktoren für einen Wandel in den Einrichtungen sorgen kann. So solle man Schutzfaktoren bevorzugen, „die eine Konstellation, ein Set von Faktoren abschwächen oder wirkungslos machen, die das Auftreten eines bestimmten unerwünschten Ereignisses oder Zustandes (wie etwa häufige Anwendung von Zwangsmaßnahmen, unzureichende Schmerzbehandlung) erfahrungsgemäß auslösen“ (S. 339). Sie konkretisiert, dass mangelnde Therapietreue ein Risikofaktor sei, die Einbindung des Patienten könne dieses Risiko abschwächen (S. 341).

Natürlich fallen Termini wie Shared Decision Making und Informed Consent. Niederhametner bleibt jedoch immer beim konkreten Alltag. So unterstreicht sie, dass Maßnahmen, „die letztlich auf eine Stärkung der Autonomie und Selbständigkeit der Bewohner und Patienten abzielen“, ein breites Wirkungsspektrum entfalten könnten, „zum Beispiel zunehmender Pflegeabhängigkeit entgegenwirkenAggressionsstaus oder -ausbrüche verhindern“ (S. 343).

Das Buch „Verletzungen von Menschenrechten vermeiden“ hat eine hohe Brisanz. Die Tatsache, dass die in ihm behandelten Themen unmittelbare Auswirkungen auf die zu pflegenden und zu versorgenden Menschen haben, sollte Aufforderung genug sein, sich mit ihm zu beschäftigen. Niederhametner hat ihr Mögliches getan, um die Wege für die Praktiker zu bereiten.

Petra Niederhametner: Verletzungen von Menschenrechten vermeiden – Prävention am Beispiel von Pflegeheimen und psychiatrischen Abteilungen, Facultas Verlag, Wien 2016, ISBN 978-3-7089-1472-5, 400 Seiten, 28.20 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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