Herausforderndes Verhalten in stationären Einrichtungen

4. Dezember 2022 | Rezensionen

„Verheddert sich in der Theorie“

Was soll denn passieren, wenn herausforderndes Verhalten auftritt? Was gilt es zu beachten? Das von Stefania Calabrese und Sven Huber herausgegebene Buch „Herausforderndes Verhalten in stationären Einrichtungen“ erweckt den Eindruck, dass es Handwerkszeug bietet. Doch der tiefgründige Zugang zu dem Buch zeigt, dass die Grundhaltung, mit der die Autor*innen dem Phänomen des herausfordernden Verhaltens begegnen, Fragen aufkommen lässt.

Der Schwerpunkt der Betrachtungen zu herausforderndem Verhalten liegt in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Da wundert es nicht, dass ein Begriff wie die Erziehung von Menschen aufkommt. Dies führt leider dazu, dass die Autor*innen mit Deutlichkeit auf die Notwendigkeit der Veränderung von befremdenden Verhalten hinweisen. Sie erörtern jedoch nicht, ob Erziehung wirklich eine sinnvolle Intervention sein kann. Gleichzeitig lassen sie eine Haltung vermissen, dass herausforderndes Verhalten erst einmal als Phänomen gesehen wird, das als Signal zur Interaktion angenommen wird.

Es irritiert, wenn Eva Büschi „Aktenstudium und Aktenanalyse als ein Zugang zu herausfordernden Verhaltensweisen in institutionellen Settings“ gesehen wird. Dieser distanzierte Zugang mag Verhaltensmuster erkennen lassen, der menschlichen Not, die Hintergrund herausfordernden Verhaltens ist, begegnet man sicher nicht angemessen durch das Sitzen am Schreibtisch. Auch „Intensivbetreuung im Kontext der Behindertenhilfe“ in den Blick zu nehmen, um herausforderndem Verhalten zu antworten, lässt Zweifel an der Haltung aufkommen.

Die Herausgeber*innen und Autor*innen des Buchs lassen zu sehr die interaktionellen Aspekte vermissen, die herausforderndes Verhalten auffangen. Dass es Bedürfnisdefizite bei den betroffenen Menschen gibt, wird sicher zu wenig beachtet. Dass es eine Notwendigkeit gibt, die Umgebungsfaktoren gründlich zu betrachten, scheint nicht zum Konzept zu gehören.

Reinhard Fatke thematisiert den psychoanalytisch-pädagogischen Zugang zu herausforderndem Verhalten. Er unterstreicht: „Das Wissen um unbewusste Zugänge und deren Macht und Wirkung – auf beiden Seiten des Erziehungsgeschehens – lässt auch den herausfordernden Charakter von Verhaltensweisen und Situationen besser, d.h. umfassender verstehen. Aus diesem Verstehen erwächst eine andere Einstellung gegenüber den Kindern und Jugendlichen sowie gegenüber den eigenen Reaktionen angesichts herausfordernder Verhaltensweisen und Situationen“ (S. 43). Einleuchtend erscheinen seine Überlegungen, jedoch suchen die Leser*innen vergeblich nach der eigenen Reflexion der professionell Verantwortlichen. Die eigenen Anteile, die möglicherweise im Miteinander mit unterstützungsbedürftigen Menschen zu herausfordernden Verhaltensweisen führen, bleiben vernachlässigt.

Sven Hubers Beitrag „Nähe und Distanz – (Irr-)Wege und (Un-)Möglichkeiten“ wirkt nicht nur im Titel zu starr. Huber ist zu wenig konkret, füllt die Begriffe, die er in den Diskurs einbringt, nicht mit Leben. Wörtlich: „Darüber hinaus müssen die Strukturen den Professionellen Raum geben für autonome, fachlich reflektierte Such-und Aushandlungsprozesse hinsichtlich einer angemessenen Vermittlung von Nähe und Distanz“ (S. 122). Huber gelingt es nicht, einen solchen konkreten Prozess anschaulich zu machen.

Kurzum: Das Buch „Herausforderndes Verhalten in stationären Einrichtungen“ verheddert sich in der Theorie, gibt für die Praxis zu wenig Hilfe.

 

Sven Huber & Stefania Calabrese (Hrsg.): Herausforderndes Verhalten in stationären Einrichtungen – Konzeptionelle, methodische, organisationale und rechtliche Zugänge, Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-17-039532-9, 243 Seiten, 36 Euro.