Verbesserte Stressbewältigung mithilfe des Salutogenese Modelles von Aaron Antonovsky

(C) Fokussiert

Die demographische Entwicklung in der Bevölkerung, die wachsende Anzahl älterer Menschen und die daraus resultierende Zunahme an multimorbiden und demenzkranken Menschen stellt besondere Anforderungen und einen Mehrbedarf an professionell Pflegenden dar.  Diese Faktoren führen zu einer zunehmenden Leistungsverdichtung, einer Steigerung der physischen und psychischen Arbeitsbelastung der Gesundheits- und KrankenpflegerInnen (GuKP) sowie wachsende quantitative und qualitative Anforderung an die pflegerische Versorgung.

Diese zukünftigen großen Herausforderungen in der Gesellschaft sind leichter mit gesunden und leistungsfähigen Pflegepersonen zu bewältigen. Unter diesem Aspekt rückt die Bedeutung der Gesundheitsförderung, die Stärkung der eigenen Gesundheit und Selbstfürsorge der Pflegepersonen, in den Fokus.

Aus großem persönlichem Interesse, durch meine Berufstätigkeit als Gesundheits- und Krankenpflegerin und Pädagogin für Gesundheitsberufe entwickelte ich die Idee mich mit Gesundheitsförderung insbesondere „Selbstfürsorge“ zu beschäftigen. Ich arbeite als Gesundheits- und Krankenpflegerin auf einer nephrologischen Abteilung bin Mutter von zwei Söhnen und habe mich sehr oft selbst mit Stress bzw. Stressbewältigung aus einander gesetzt  Meine Intention für meine Arbeit ist die große Liebe zu meinem gewählten Beruf, die Freude mit Menschen zu arbeiten und einen für mich sinnvollen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Im Laufe meiner Berufstätigkeit habe ich jedoch oft sehr schwierige Situationen erlebt die mir die Grenzen meiner psychischen sowie körperlichen Belastbarkeit aufzeigten.

Insbesondere im Pflegeberuf nehme ich persönlich folgende Punkte als belastend wahr:

  • Das Verhalten der PatientInnen und deren Angehörige
  • Der Umgang mit schweren Erkrankungen und Schicksalsschlägen der PatientInnen
  • Umgang mit Sterben und Tod.
  • Teils zu starre Kommunikationsmuster im Krankenhaus, hierarchische Organisation im Krankenhaus

Im Folgenden möchte ich zunächst generell auf Stress und das Salutogenese Modell und in weiterer Folge auf die speziellen Stressoren im Pflegeberuf eingehen und darüber hinaus hilfreiche Lösungsvorschläge im Umgang mit Stress vermitteln.

Wie entsteht Stress?

Bei der Entstehung von Stress können drei Ebenen unterschieden werden:

  1. Äußere Faktoren die auf die Person einwirken (Stressoren)
  2. Die körperlichen und psychischen Reaktionen die das Individuum als Antwort auf Stressoren zeigt (Stressreaktion)
  3. Persönliche Stressverstärker, dazu zählen vor allem individuelle Einstellungen und Motive von Personen, die die Reaktion der Personen auf die Stresssituation beeinflussen und mitentscheidend dafür sind, ob intensive Stressreaktionen auftreten (vgl. Kaluza 2015: 16). Die häufigsten persönlichen Stressverstärker sind die folgenden:

Sei perfekt!

Hinter diesem Stressverstärker steht der Wunsch nach Selbstbestätigung und nach Anerkennung durch leistungsorientiertes Denken. Wer leistungsmotiviert ist, will etwas gut oder noch besser machen. Wird dieser Beweggrund übermächtig, kommt es zu einer besonders starken Stressanfälligkeit in Situationen in denen Ablehnung durch eigene Fehler denkbar ist. Hier wird unter allen Umständen versucht durch eine perfektionierte Verhaltensweise, Fehlern auszuweichen. Problematisch wird es, wenn dieser Perfektionismus in alle Lebensbereiche eingreift, beruflich sowie privat. Dies führt unweigerlich in die Selbstüberforderung und schließlich zu Erschöpfung (vgl. Kaluza 2015: 233).

Es ist besonders wichtig, im Arbeitsumfeld auch Fehler machen zu dürfen und sich nur um Perfektion zu bemühen, wo es sich lohnt. Besonders im Krankenhausalltag ist dies oftmals eine große Herausforderung über „Fehler oder Beinahe-Fehler“ sprechen zu dürfen und erfordert ein sehr gutes Arbeitsklima im Interdisziplinären Team.

Sei beliebt!

Der Wunsch nach „Dabei sein“ und auch angenommen sein, steht hinter diesem Stressverstärker. Wird dieser Beweggrund übermächtig, kommt es zu einer besonders großen Stressanfälligkeit in Situationen, in denen Abweisung denkbar ist. Hier ist es besonders wichtig die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. Durch das Zurückstellen eigener Bedürfnisse und Interessen kann dies auf längere Sicht zur Selbstüberforderung und Burnout führen.

Behalte die Kontrolle!

Hinter diesem Stressverstärker steht der Wunsch nach Sicherheit und alles kontrollieren zu können. Wird dieser Beweggrund übermächtig, kommt es zu einer besonders hohen Stressanfälligkeit in Situationen, in denen Fehlentscheidungen und Risiken drohen. Es fällt diesen Menschen schwer, Tätigkeiten abzugeben oder anderen aufzutragen. Dies löst längerfristig eine Überforderung aus.

Sei unabhängig!

Hinter diesem Stressverstärker steht der Wunsch nach Selbstbestimmung und persönlicher Unabhängigkeit. Es tritt eine besonders hohe Stressanfälligkeit in Situationen der eigenen Hilfsbedürftigkeit und in Notsituationen auf. Diese Menschen erledigen Aufgaben am liebsten allein. Es fällt ihnen schwer Andere um Unterstützung und Hilfe zu bitten und sich anzuvertrauen. Dieses übertriebene Verhalten, nicht das gesunde Streben nach Unabhängigkeit, führt längerfristig ebenfalls zu Überforderung und Erschöpfung.

Halte durch!

Durchhalten gilt als oberste Maxime bei der Verfolgung von Zielen. Dies kann dazu führen, dass Signale der Erholungsbedürftigkeit ignoriert werden und dass man an unrealistischen Zielen oder unlösbaren Aufgaben zu lange festhält. Hier ist die Übertreibung problematisch, sinnvoller wäre es, sich unangenehmen Dingen zu entziehen und sich zu erlauben einmal auszuruhen (vgl. Kaluza 2015: 233f).

Stressverstärker betreffen uns alle. Pflegepersonen leisten fantastische Arbeit – mit PatientInnen – Tag für Tag. All diese Personen zeichnen sich durch besondere Fähigkeiten aus. Sie unterstützen und helfen andere im Alltag, haben immer ein offenes Ohr für ihre PatientInnen, Angehörige und KollegInnen im multiprofessionellen Team. Pflegepersonen geben viel. Beruflich sowie privat ist der Blick oft auf die Familie gerichtet.

Nur der Blick für sich selbst ist für Pflegepersonen oftmals verloren gegangen! 

Stress entsteht im menschlichen Gehirn. Es ist ein komplexes Zusammenspiel zwischen Hormonsystem und zentralen und vegetativen Nervensystem, die eine umfassende körperliche Stressreaktion ermöglicht. Der Umgang mit Stressoren, Stressreaktionen sowie persönliche Stressverstärker beeinflusst unser Gesundheitsverhalten. Zudem können Veränderungen in der Arbeitswelt u.a. erhöhte qualitative und quantitative Herausforderungen, vermehrter Leistungsdruck und Zeitdruck zu berufsbedingten Gesundheitsproblemen führen.

Im folgenden Abschnitt dient als theoretisches Konzept das Gesundheitsmodell der Salutogenese. Ein Denkmodell von Aaron Antonovsky. Das Gesundheits-Modell wurde in den 1960er und 70er Jahren vom Medizinsoziologen Aaron Antonovsky entwickelt. Der 1923 in Brooklyn geborene Wissenschaftler emigrierte 1960 nach Israel und arbeitete dort in der Stressforschung. Er war der Begründer der Salutogenese. In Health, Stress and Coping veröffentlichte er 1979 das salutogenetische Modell erstmals (vgl. Antonovsky 1997: 15). Weitere Werke, wie auch sein Hauptwerk Salutogenese – zur Entmystifizierung der Gesundheit (1997, Orig. 1987) folgte.

Gesundheitstheorie von Aaron Antonovsky- Salutogenese 

Antonovsky untersuchte in Israel die psychische Verarbeitung der Menopause. Viele der befragten Frauen mussten die Schrecken der Konzentrationslager miterleben, dennoch besaß fast ein Drittel der Untersuchten eine gute psychische Gesundheit. Das führte Antonovsky dazu, sich mit den Bedingungen für Gesundheit auseinanderzusetzen. Daraus resultierte sein Modell der Salutogenese, welches er in Health, Stress and Coping 1979 zum ersten Mal veröffentlichte.

Das Wort Salutogenese setzt sich aus zwei griechischen Wörtern zusammen und bedeutet „das Entstehen von Gesundheit“ und von „Heil sein“. Die salutogenetische Fragestellung: Wodurch bleibt der Mensch gesund? lenkt die Forschung in eine ganz andere Richtung als die Frage der Pathogenese, und zwar: Was macht den Menschen krank?

Die Flussmetapher

Antonovsky vergleicht menschliche Gesundheit mit einem Fluss, in welchem durch Strömungen, Strudel und Stromschnellen das gesundheitliche Gleichgewicht des Menschen bedroht ist. Die pathogenetisch ausgerichtete Medizin versucht nun durch Ärzte und Therapeuten, also sozusagen Rettungsschwimmern, bereits Ertrinkende aus den Fluten zu befreien. Der Ansatz der Salutogenese ist, im Gegensatz dazu, den Menschen beizubringen, besser zu schwimmen.

„…meine fundamentale philosophische Annahme ist, daß der Fluß der Strom des Lebens ist. Niemand geht sicher am Ufer entlang. Darüber hinaus ist für mich klar, daß ein Großteil des Flußes sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn verschmutzt ist. Es gibt Gabelungen im Fluß, die zu leichten Strömungen oder in gefährliche Stromschnellen und Strudel führen. Meine Arbeit ist der Auseinandersetzung mit folgender Frage gewidmet: „Wie wird man, wo immer man sich in dem Fluß befindet, dessen Natur von historischen, soziokulturellen und physikalischen Umweltbedingungen bestimmt wird, ein guter Schwimmer?“ (Antonovsky, zit. in BZgA 2001: 25)

Im Wesentlichen wird im Konzept der Salutogenese die Wichtigkeit des Kohärenzgefühls und die Kraft der generalisierten Widerstandsressourcen auf die Gesundheit von Personen beschrieben und demzufolge auch die Wichtigkeit der Förderung ebendieser (vgl. Schulz/ Wiesmann 2007: o. S).

Das Konzept des Kohärenzgefühls

Das Konzept des Kohärenzgefühls ist ein zentraler Punkt von Antonovskys Theorie. Kohärenzgefühl ist eine Grundhaltung, ein umfassendes dauerhaftes Gefühl des Vertrauens darauf, dass ausreichend Ressourcen vorhanden sind, um verschiedene Aufgaben im Leben bewältigen zu können, quasi die Selbstsicherheit einer Person (vgl. Antonovsky 1997: 34f.).

Das Kohärenzgefühl setzt sich aus drei Faktoren zusammen:

  1. Gefühl von Verstehbarkeit

Antonovsky meint mit Verstehbarkeit ein kognitives Verarbeitungsmuster. Die Umwelt des Menschen wird als verstehbar wahrgenommen, seien es Ereignisse, Menschen oder Entwicklungen. Der Mensch empfindet alles als von ihm selbst erklärbar und vorhersehbar.

Wenn Pflegepersonen ernst genommen werden und verstehen warum bestimmte Entscheidungen (z.B. Behandlungsmaßnahmen für PatientInnen) getroffen werden, schafft dies die Basis für das Gefühl von Verstehbarkeit.

2. Gefühl von Handhabbarkeit bzw. Bewältigbarkeit

Antonovsky beschreibt das Gefühl von Handhabbarkeit als ein emotionales und kognitives Verarbeitungsmuster. Diese Komponente wächst durch Erfahrung und die Gewissheit innere und äußere Herausforderungen und Probleme durch Hilfsquellen und eigene Ressourcen bewältigen zu können.

Wenn Pflegepersonen das Gefühl haben, die gestellte oder veränderte Aufgabe auch bewältigen zu können und sie hierbei aktiv im interdisziplinären Team und bei den Vorgesetzten Unterstützung finden, fördert dies das Gefühl der Bewältigbarkeit.

3. Gefühl von Bedeutsamkeit

Das Gefühl der Sinnhaftigkeit beschreibt wie sinnvoll und bedeutsam man das Leben empfindet. Deshalb lohnt es sich für den Menschen, gewisse Aufgaben zu bewältigen und seine Energie in Einsatz und Bemühungen zu investieren (vgl. BZgA 2001: 28f.).

Wenn Pflegepersonen die Sinnhaftigkeit einer Maßnahme oder einer Veränderung erkennen, fördert dies die Zufriedenheit und somit ihre Resilienz und das Gefühl der Bedeutsamkeit.

Spannung, Spannungszustand und Stress

Im Salutogenese Modell werden die Begriffe Spannung, Spannungszustand und Stress voneinander abgegrenzt. Der Spannungszustand wird als Reaktion auf einen Stressor betrachtet, die zentrale Aufgabe des Organismus ist nun die Bewältigung von Spannungszuständen. Gelingt es den Spannungszustand zu bewältigen, hat dies eine gesundheitsfördernde bzw. gesunderhaltende Wirkung (vgl. Rice 2005: 2013).

Ist der Organismus mit seinen Ressourcen nicht in der Lage diesen Spannungszustand zu bewältigen, entsteht Stress. Antonovsky bezeichnet alle Reize oder Stimuli, die Stress erzeugen, als Stressoren. Die entstandene Belastung bzw. Stressreaktion muss nicht immer krankmachende Folgen haben, sondern kann auch eine neutrale bzw. gesundheitsfördernde Wirkung zeigen. Dies ist meist kurzfristiger Stress, der bei Belastungssituationen hilfreich ist, sogenannter Eustress. Schädlicher Stress ist meist chronischer Stress, wodurch der Körper sich in einem ständigen Belastungszustand befindet, sogenannter Distress.

Generalisierte Widerstandsressourcen (GWR)

Antonovsky beschrieb zunächst die generalisierten Widerstandsressourcen, welche ausschlaggebend für die Gesundheit und eine Grundhaltung des Menschen ist. Neben einem gut ausgeprägten Kohärenzgefühl sind persönliche Widerstandsressourcen bei der Verarbeitung von Stressreaktionen oder Stressoren von großem Nutzen (vgl. Rice 2005: 212f.).

Als GWRs werden verstanden:

materielle Ressourcen sozialer Rückhalt, zwischenmenschliche Bindungen, genetische und konstitutionelle GWRs
Wissen, Intelligenz

Verantwortungsgefühl

vorausschauende Bewältigungsstrategien  Kulturelle Wurzeln
Ich-Identität Religion/Philosophie Gesundheitszustand

Menschen verfügen über mehr oder weniger Ressourcen und unterschiedliche Strategien zur Stressbewältigung (Coping Strategien). Jeder Mensch hat die Möglichkeit neue Coping Strategien zu erlernen und zu trainieren. Gesundheits- und KrankenpflegerInnen, die aktiv an Problemlösungen arbeiten und Herausforderungen als Chance sehen, fühlen sich als Gestalter ihres Lebens und fallen nicht in eine passive Rolle. Eine positive, lösungsorientierte Haltung wirkt gesundheitsfördernd.

Strategien zur Stärkung und Erhaltung der Gesundheit

Instrumentelles Stressmanagement

Das Ziel ist die Stressoren zu reduzieren oder ganz auszuschalten. Instrumentelles Stressmanagement kann reaktiv auf aktuelle und konkrete Belastungssituationen erfolgen und auch proaktiv auf die Verringerung zukünftiger Belastungen und auf eine möglichst stressfreie Gestaltung eigener Lebens- und Arbeitsbedingungen ausgerichtet sein.

Dazu gehören folgende Beispiele

  • Arbeitsaufgaben delegieren
  • Persönliche Zeitplanung verändern
  • „Nein“ sagen
  • Nach Unterstützung suchen
  • Berufliche/ persönliche Prioritäten setzen
  • Informationen suchen
  • Fortbildungsveranstaltungen besuchen

Mentales Stressmanagement

Der Ansatzpunkt liegt hier bei stressverschärfenden persönlichen Einstellungen, Motiven, Denkmustern und bei den persönlichen Stressverstärkern. Das Ziel ist Situationen zuerst wahrzunehmen und ohne Bewertung anzunehmen, kritisch zu reflektieren und schließlich in förderliche und stressvermindernde Einstellungen und Denkmuster zu transformieren. Dabei geht es um die Änderung der persönlichen Bewertung (vgl. Kaluza 2015: 63f).

Beispiele für Mentales Stressmanagement

  • Schwierigkeiten als Herausforderung sehen (nicht als Bedrohung!)
  • Innere Distanz zu wahren
  • Kritische Überprüfung von perfektionistischen Leistungsansprüchen und Grenzen akzeptieren
  • Blick auf das Wesentliche bewahren.
  • Ärger, unangenehme Gefühle oder Verletzungen loslassen und Vergebung lernen
  • Sich des Gelungenen, Erfreulichen und Positiven bewusst sein und Dankbarkeit empfinden
  • Die Erwartungen an andere reduzieren
  • Sich selbst weniger wichtig nehmen, „Demut“ lernen (ebd.: 64f)

Regeneratives Stressmanagement

Hier steht die Regulierung und Kontrolle der psychischen und physiologischen Stressreaktion im Vordergrund. Es beinhaltet alle Versuche Stressreaktionen wie Neid, Kränkung, Schuld, Angst und den einhergehenden Spannungszustand positiv im Sinne einer Intensitätsverringerung zu beeinflussen. Emotionsregulierende Bewältigung ist nicht nur auf negative Gefühle begrenzt, sondern kann auch positive Gefühlsqualitäten, wie zum Beispiel Freude, Begeisterung, oder Stolz anstreben. Es wird hier zwischen Bewältigungsversuchen, die auf eine kurzfristige Entspannung und Erleichterung einer akuten Stressreaktion abzielen (Palliation) oder eher längerfristigen Bemühungen, die der Entspannung und Erholung dienen (Regeneration), unterschieden.

Beispiele für kurzfristige palliative Stressbewältigung:

• Einnahme von Psychopharmaka
• Ablenkung
• Entlastende Gespräche führen, Ermutigung suchen
• Sich belohnen und selbst etwas Gutes tun
• Bewusst Ausatmen und kurz entspannen
• Abreagieren durch körperliche Tätigkeit

Beispiele für regenerative, langfristige Stressbewältigung:
• Soziales Netzwerk und Freundschaften pflegen
• Hobbys nachgehen
• Sport betreiben, Entspannungsübungen durchführen (vgl. Kaluza: 2015:64f.).

Folgende Punkte helfen Pflegepersonen mit Belastungen und Frustration umzugehen:

Ganzheitliche Pflege für Pflegende: Auf gesunde Ernährung, viel Bewegung und Entspannungsübungen sowie auf die Pflege des Geistes achten. Mit Gefühlen und Gedanken sorgsam umgehen. Belastungen, Sorgen und Ärger anders bewerten. Mit der Fähigkeit zu einer Neuinterpretation einer Pflegesituation kann die Pflegeperson neue Kraft zur Bewältigung finden.

Eine Form „rationaler Auseinandersetzung“ mit der Betreuungssituation von „schwierigen“ PatientInnen zur Bewältigung der eigenen Emotion: Die Situation der Pflegebedürftigen vor Augen führen und deren Verhalten als Ausdruck von Unsicherheit, Frustrationen und Ängsten werten und lernen sich weniger zu ärgern.

Unterstützung durch das private Umfeld (Familie, Freunde)

Supervisions- und Gesprächsgruppen, (Angebote von den Institutionen) regelmäßige Teambesprechungen

Gute Führungsausbildung, verstehendes Gesprächsverhalten von Leitungspersonen, Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen

Erreichbare und realistische Ziele sollten Pflege und Betreuung von Schwerstkranken bestimmen.

Arbeit an der eigenen Persönlichkeit: Eine Auseinandersetzung mit Belastungen ist die Möglichkeit einer „zurückhaltenden Hilfe“ d. h. die Eigenverantwortung der Pflegebedürftigen zu fördern.

Fazit

Ich wünsche uns Gesundheits- und KrankenpflegerInnen die Wertschätzung in der Gesellschaft, die wir verdienen! Ich bin stolz dieser großartigen Berufsgruppe anzugehören.

Heute weiß ich, dass meine eigene Begeisterung, meine Lebensfreude und die Qualität der inneren Haltung auf mich stärkend und auf meine Umgebung ansteckend wirken kann. Ausstrahlen kann ich nur, was in mir brennt.

Es ist höchste Zeit darüber nachzudenken, wie wir uns selbst sehen, unsere Stärken, unseren Mut und unser Selbstbewusstsein, welches Bild wir von uns haben, wie wir über uns denken und sprechen.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!

Ihre Ilse Zraunig

Genaueres können Sie in meinem bald veröffentlichten Buch nachlesen:  Mutig, stark und kompetent in die Gesundheitspflege (erscheint im März 2020), Autorinnen: Andrea Gundolf, Heidi Jandl, Ilse Elisabeth Zraunig

 

 

Abschließen möchte ich mit einer Geschichte, mit der ich auf die beruflichen Herausforderungen der Gesundheits- und KrankenpflegerInnen aufmerksam machen will. Ich möchte aufzeigen, wie dringend Pflegepersonen Gesundheitsförderungsprogramme benötigen.

In dieser für mich sehr beeindruckend erzählten Geschichte wird von meiner Kollegin und Freundin Frau D. Winkler ein ganz „gewöhnlicher Arbeitstag“ auf einer chirurgischen Abteilung beschrieben.

  1. Anhang: Ein Arbeitstag auf einer chirurgischen Abteilung

Montagmorgen, begleiten sie mich an einem Arbeitstag, ich lade sie ein.

5.00 Uhr der Wecker läutet schrill, ich brauche diesen Ton, um die Erinnerung an die Zeit ernst zu nehmen.

Schnell ins Bad, ein Schluck Wasser und ab ins Auto. Die Dienstübergabe beginnt um 06.45 Uhr, vorher noch Zeit für eine Tasse Kaffee.

Viele neue Patienten, Info`s die weitergeleitet werden müssen, offene Fragen an die Ärzte, Wünsche, Beschwerden etc. nur nichts vergessen! Visite, schnell soll es gehen, der Arzt muss gleich in den OP, vorbei mit kurzem Gruß und Gespräch über das Wesentliche, vorbei an Menschen mit offenen Fragen und Mund, die Schwester verspricht der alten Dame anschließend ins Zimmer zu kommen und gewisse Dinge noch einmal genau zu erklären.

Visite ausarbeiten, Medikamente und Frühstück austeilen, alles Routine.

Anschließend Betten machen, zur Körperpflege anleiten, unterstützen, bzw. übernehmen, vorher noch die Pflegediagnosen im Computer ansehen, erledigte Tätigkeiten zeitgerecht verbuchen, gegebenenfalls Diagnose oder Maßnahmen evaluieren, um alles so zu erledigen, wie es die Planung verlangt, wenn nur das Telefon nicht die ganze Zeit läuten würde….

Es läutet, Frau K muss dringend auf die Toilette, zu spät, zu anstrengend war die Vorbereitung mit den abführenden Maßnahmen für die Darmuntersuchung. Arme alte Dame, Scham und Trauer in ihrem Blick, die Kontrolle verloren zu haben. Die Pat wird beruhigt, ins Bad gebracht und geduscht. Das Bett gereinigt und frisch bezogen, den Boden übernimmt die Reinigungskraft.

Weiter ins nächste Zimmer. Herrn B geht es heute gar nicht gut, seine Angehörigen wurden vom Arzt verständigt, die Situation ist sehr ernst. …In seinem Blick ist Angst und Leere zu erkennen, nach dem er es verneint hat, die Körperpflege gemeinsam durchzuführen, sieht er mich kurz an und murmelt, “später“…. Auf die Frage ob er Schmerzen hat, dreht er langsam den Kopf zur Seite, eine Träne rinnt über die Wange als er abermals verneint. …. Seine Kinder sind doch noch schulpflichtig…..kurzes stilles Verweilen am Bett, wir kommen später wieder.

Neue PatientInnen sitzen schon am Tisch vor dem Schwersternstützpunkt, einige von ihnen nüchtern, da heute noch die OP geplant ist.

Frau R. musste in der Nacht eine Magensonde zur Entlastung erhalten, sie läutet. Ihr ist trotzdem übel und sie möchte sich aufsetzen. Ich unterstütze sie dabei, als sie schwallartig neben der Sonde erbricht, meine Dienstkleidung bekommt einen erheblichen Anteil des Magensekretes ab…. Sie fühlt sich erleichtert, Gott sei Dank, Wäschewechsel und Hygienemaßnahmen meinerseits, weiter geht’s. Herr U. bekommt einen neuen Verband, an den lateralen Nahtstellen der OSCH Stumpfes beidseits entleert sich übelriechendes eitriges Sekret, ein Arzt wird hinzugezogen, Antibiose umgestellt, Verbandwechsel gleich weiter ist die Anordnung, „wait and see“….. Hilflosigkeit von Seiten des Pat. nicht wegen der Wundheilungsstörung, …..er hat ein Bein verloren……

Der Vormittag vergeht wie im Flug. Nach der erledigten Morgenarbeit schnell zum Computer, verbuchen wenn möglich zeitgerecht, dokumentieren, Wunden im Wundprotokoll beschreiben, Fotodokumentation ist morgen zu erledigen. Schnell ein Glas Wasser. Anamnese bei den Neuzugängen machen, VZ messen, Informationen geben, möglichst schnell, der Pat. sollte bereits in den OP gebracht werden.

Später bleibt Zeit für unser Frühstück, dann kommt schon das Mittagessen, das ausgeteilt wird.

Die Angehörigen von Frau K. wollen einen Arzt sprechen. Sie kommt soeben von der Untersuchung zurück, sie schläft noch tief. VZ im Normbereich, Seitengitter zum Selbstschutz noch belassen.

Der Familie geht es nicht um das Untersuchungsergebnis. Tatsache der Unterhaltung ist, dass keiner der vier Kinder bereit oder in der Lage ist für die weitere Versorgung der Mutter zuständig zu sein.

Jetzt bleibt Zeit, um nach Herrn B. zu schauen, er möchte die Körperpflege noch immer nicht, wartet auf seine Familie. Er schweigt und deutet mir mich zu ihm zu setzen, ich richte mir einen Sessel zurecht und ergreife die mir entgegengestreckte Hand, gemeinsam schauen wir aus dem Fenster, das Richtung Hinterhof liegt, Garten, viele Bäume, kaum Umgebungsgeräusche, bestimmt unser schönstes Zimmer. „Schauen sie Herr B, wie viele Grüntöne die Natur zu bieten hat,“ er lächelt kurz und drückt meine Hand. …..“werde ich Schmerzen oder Luftnot haben?“…….flüstert er, ich  schlucke Unbehagen das die Frage in mir ausgelöst hat hinunter, still sage ich, dass wir jederzeit für ihn da sind. Die Familie kommt und ich verlasse den Raum.

Der Tag geht schnell zu Ende, Dienstübergabe, nur nichts vergessen, geschafft, ab nachhause, aber die Gefühle und Emotionen dieses Tages???Abschalttaste funktioniert nicht, Teile davon nimmt man mit.

Danke, dass sie mich begleitet haben, aber wissen sie trotz all den Mühen und Anstrengungen bleibt am Ende doch noch das Gefühl einen wertvollen Beitrag geleistet zu haben. Für manchen PatientInnen, für KollegInnen und vor allem für mich selbst. Wir arbeiten in einem schönen Beruf wo man durch Achtsamkeit und Einfühlung so manchen Stein aus dem Weg räumen kann, nur darf man nie auf sich selbst vergessen, geht es mir gut, fällt es mir leichter gutes für andere zu tun.

Mit freundlichen Grüße

D. Winkler

 

  1. Literaturverzeichnis

Antonovsky, Aaron (1997): Salutogenese. Entmystifizierung der Gesundheit. Deutsche Herausgabe von Alexa Franke. Tübingen: Dgvt.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (2001): Was erhält Menschen gesund? Antonovskys Modell der Salutogenese – Diskussionstand und Stellenwert. Eine Expertise von Jürgen Bengel, Regine Strittmatter und Hildegard Eillmann im Auftrag des BZgA. Köln: BZgA. Reihe Forschung und Praxis in der Gesundheitsförderung Band 6.

Burisch, Matthias (2010): Das Burnout- Syndrom. Theorie der inneren Erschöpfung. 4. Auflage. Berlin; Heidelberg: Springer.

Eller-Berndl, Doris/ Roth, Erich (2014): Good by (e) Stress. Hilfe durch Präventivmedizin und Body-Mind-Therapien. 1. Auflage. Wien: Verlagshaus der Ärzte GmBH

Kommerell, Tilmann (2011): Gesundheitsförderung und Prävention. In: Menche, Nicole et al (2011): Pflege heute. Lehrbuch für Pflegeberufe. 5., vollständig überarbeitete Auflage. München: Elsevier GmbH. 192 – 278.

Kaluza, Gert (2011): Stressbewältigung. Trainingsmanual zur psychologischen Gesundheitsförderung. 2. Auflage. Berlin, Heidelberg: Springer.

Rice, Virginia Hill (2005): Theorien über Stress und seine Beziehung zur Gesundheit. In Rice, Virginia Hill (Hrg.) (2005): Stress und Coping. Lehrbuch für Pflegepraxis und Pflegewissenschaft. Bern: Hans Huber 51-72.

Tameling, Rainer (2014): Stress und Stressbewältigung. Die Stresstheorien von Richard S. Lazarus und Aaron Antonovsky. Hamburg: disserta

Ilse Zraunig
Über Ilse Zraunig 1 Artikel
Ilse Zraunig, M.Ed.: Gesundheitspädagogin, diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin mit Spezialgebiet Pflege bei Nierenersatztherapie, Kongresstätigkeit, Vortragstätigkeit und Workshops zu Pflegefachthemen , Gesundheitsförderung, E-Mail: ilse.zraunig@gmx.at

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen