Verantwortliche Gelassenheit – Freiheit in Zeiten der Krise

Blick nach vorn

Die Corona-Pandemie bietet die Möglichkeit, sich und sein Leben zu entschleunigen. Wenn diese Verlangsamung des Alltags genutzt wird, um sich der eigenen Ideen und Wertvorstellungen zum Leben bewusst zu werden, dann macht es auf jeden Fall einen Sinn. Mit dem Buch „Verantwortliche Gelassenheit“ hat der Psychologe und Theologe Thomas Holtbernd einen Weckruf geschrieben, der die individuelle und gesellschaftliche Erfahrung der Pandemie zum Startpunkt einer philosophischen Spurensuche genutzt hat.

Stürzen sich die Leser_innen allzu schnell auf die Beschreibung Holtbernds, der die pandemische Krise unter anderem als Inszenierung beschreibt, so werden sie den Überlegungen des Denkers Holtbernd nicht gerecht. Vielmehr ruft er dazu auf, sich in Krisen einzuüben und „ein Freiheitsverständnis zu entwickeln, das dazu befähigt, mit Ambivalenzen, unstrukturierten Anforderungen sowie einer großen Ungewissheit umgehen zu können“.

Es ist der Blick nach vorne, der das Buch Holtbernds auszeichnet. So ist es für ihn eine Voraussetzung zur Freiheit, Haltung zu bewahren. Haltung ist für Holtbernd „ein Ringen um die Identität“. Der Mensch bewähre sich im dialektischen Prozess als Subjekt. So seien die Zeitgenoss_innen „Beispiele für die Notwendigkeit der Subjektwerdung“. Ehrlich gesagt klingt dies wie starker Tobak. Doch Holtbernd stellt sich als nachdenklicher und überzeugender Wegbegleiter vor.

Holtbernd stellt fest, dass Holtbernd die Gesellschaft in ihrer Verwundbarkeit treffe. Die moderne Gesellschaft sei durch die Pandemie mit der Tatsache konfrontiert, „dass die Zukunft nicht sicher geplant werden kann“. Auch wenn dies auf den ersten Blick sehr allgemein klingt, so ist Holtbernd zu bescheinigen, sich als umsichtiger Zeitanalytiker zu zeigen. Im ersten Teil des Buchs schaut er auf signifikante Phänomene der Gegenwart, die im Kontext mit Corona auftauchen.

Es tauchen ganz unterschiedliche Stichworte auf: Orientierungslosigkeit, Machtvakuum, Entscheidungen und die Tatsache der Endlichkeit. Holtbernd sieht die Krise auch „als wahrgenommenes Zeichen der Illusionslosigkeit“. Ausgehend von einer Idee des Sozialpsychologen Harald Welzer ruft er dazu auf, „Utopien zu entwerfen“. Als Orte der Utopien und Illusionen versteht er Kultureinrichtungen. So zeigt er am Beispiel von Museen und Theatern auf, wie sich in der Zukunft das Denken verändern muss.

Im zweiten Teil des Buchs will Holtbernd die Menschen der Gegenwart rüsten, um Erfahrungen einer Pandemie gelingender bewältigen zu können. Die Politiker_innen sieht er in der Not, Entscheidungen treffen zu müssen, die allzu oft einem Stolpern gleichgekommen sind. Er wünscht den Menschen unserer Zeit eine „Lust am Stolpern“. Dies erleichtert in seinen Augen auch den Umgang mit den Restriktionen, mit denen Menschen konfrontiert sind. Konkret: „Schafft es eine Gesellschaft, dieses Stolpern durch das Bild eines stolpernden Clowns aufzufangen, bekommt das Einhalten der Regeln eine gewisse Leichtigkeit, und es kann eine Kultur des Aufstehens etabliert werden“.

Mit dem Buch „Verantwortliche Gelassenheit“ nimmt Holtbernd der Corona-Pandemie den Schrecken. Vielmehr gibt er dem Umgang damit eine Heiterkeit und Gelassenheit, die es auch über längere Zeiträume ermöglicht, Einschränkungen und Regulierungen zu bewältigen. Letztendlich lohnt es sich, mit Holtbernd die Entschleunigung zu wagen.

 

Thomas Holtbernd: Verantwortliche Gelassenheit – Freiheit in Zeiten der Krise, Echter Verlag, Würzburg 2021, ISBN 978-3-429-05604-9, 152 Seiten, 12.90 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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