Ursula Frohner: „Gelegenheit“

Gelegenheit
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Das Jahr 2022 ist jung – die Problemfelder der Pflegeberufe sind jedoch alt. Die wachsenden Anforderungen und Erwartungen an das Pflegepersonal in der Versorgungspraxis in allen Settings, bei ständig wachsender Personalknappheit sind nur ein Beispiel von vielen Themen, die dringend zu bearbeiten sind. Zwar hat die aktuelle Bundesregierung, wieder einmal, eine Pflegereform in das Regierungsprogramm geschrieben und in Aussicht gestellt, angesichts der Themen rund um die Corona-Pandemie ist aber zu befürchten, dass diese – auch wieder einmal – auf die Warteliste gesetzt wird.

Allerdings lassen Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und Pfleger durch ihr mangelndes berufspolitisches Interesse diese Haltung von Entscheidungsträgern, wie kein anderer Gesundheitsberuf, auch zu. Doch warum ist das so? Zugegeben, die Belastungen in der Pflegepraxis, aktuell verschärft durch die Pandemie, lässt wenig Raum für den gesundheitspolitischen Diskurs und das Engagement in Interessensvertretungen. Im Vergleich zu anderen Gesundheitsberufen nimmt die Anzahl der Gesundheits- und Krankenpflegepersonen bei weitem den Spitzenplatz ein. Jedoch ist „die Pflege“ wie kein anderer Gesundheitsberuf nach wie vor bereit, sämtliche Mängel des Gesundheits- und Sozialwesens zu kompensieren. Kein anderer Gesundheitsberuf ist dazu in diesem Umfang und vor allem in dieser Konsequenz bereit.

Fakt ist auch, das die Vertretung von Interessen der Pflegeberufe fundierte Fachkenntnisse braucht und daher nicht allein an Funktionäre zu delegieren sind, die allgemeine Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmerinteressen vertreten. Denn wenn etwa Spitzenfunktionäre Pflegeberufe in einem Atemzug mit Reinigungskräften nennen und somit die Pflegefachkompetenz bagatellisieren, bleibt dies zumeist aus der Fachwelt unwidersprochen, zudem schadet es dem legitimen Ansehen des Pflegeberufes. Ebenso sind die längst notwendigen Reformen für Pflegeberufe nicht allein auf Gehaltsthemen zu reduzieren. Es geht um viel mehr!

Noch nie war der Allgemeinheit so klar, wie wichtig neben genügend Spitalsbetten und medizinischen Equipment gut ausgebildete, kompetente Pflegepersonen sind.

Berufspolitische Identität muss durch das Engagement und das Interesse in der Gruppe der Pflegepersonen, unabhängig von Hierarchien, Fachgebieten und Altersgruppen, selbst entstehen, sich weiterentwickeln und nachhaltig implementiert werden. Es ist ein ständiger Prozess, der nicht delegierbar ist und von anderen Gesundheitsberufen schon lange erfolgreich so gelebt wird.

Das Window of Opportunity war noch nie so weit geöffnet, die Gelegenheit für nachhaltige Pflegeberufspolitik noch nie so günstig!

Autor:in

  • ursula

    1977 bis 2007 Pflegepraxis und Projektarbeit im stationären Bereich wie etwa Unfall- und Allgemeine Chirurgie, Kardiologie und Nephrologie, sowie von 1993 bis 2007 Tätigkeitsbereich im Operationssaal. 2007 bis 2020 Präsidentin des ÖGKV sowie Vorsitzende der Österreichischen Pflegekonferenz. Aktuell Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Karl Landsteinerinstitutes für Human Factors & Resources im Gesundheitswesen, Lektorin der Weiterbildungsakademie für Pflegeberufe an der Sigmund Freud Universität Wien