„Unmittelbare Verletzlichkeit und Gebrechlichkeit“

Ton
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Kennen Sie dies auch? Sie spazieren an der Peripherie einer größeren Stadt, nähern sich dem Stadtrand. Unausweichlich hören Sie immer mehr den Lärm der Straßen, die in die Stadt hinein und aus der Stadt hinausführen. Je näher sie kommen, umso wahrnehmbarer, umso lauter wird es. Drehen Sie sich dann auf Ihren Hacken um? Oder stellen Sie sich den Tönen der Stadt? Hinlänglich kann von dem Grundrauschen einer Umgebung gesprochen werden, mit dem sich die Menschen arrangieren müssen, die sich in der Umgebung bewegen (müssen).

Es sind nicht nur die Städte, die ein Grundrauschen haben. Jegliche Umgebung bietet ganz eigene Töne. Zum Teil sind diese Klangwelten nicht beeinflussbar, weil die Gegebenheiten um einen Menschen herum bestimmen, was und in welcher Fülle es zu hören sein wird. Manchmal können die Umgebungen sehr individuell geprägt werden. Je übersichtlicher die Umgebung ist, umso mehr Einflussmöglichkeiten scheint es zu geben.

Die häusliche Umgebung kann jede und jeder prägen. Oft wissen Gäste, was sie erwartet. So freuen sich manche Gäste bei einem Besuch bei Freundinnen und Freunden, weil sie Anregungen zum Kauf neuer Musik-CDs bekommen. Oder sie bekommen Verspannungen, weil sie einige Stunden in einem sommerlichen Garten sitzen, in dem die laute Autobahn in der Nähe unüberhörbar ist.

Klänge haben einen unglaublichen Einfluss auf die Atmosphäre einer Umgebung und vor allem auf das Wohlgefühl von Menschen. In der Philosophie sind es die neuen Phänomenologen, die von räumlichen Trägern von Stimmungen sprechen. Die Atmosphären, die entstehen, sind die gemeinsame Wirklichkeit des Wahrnehmenden und des Wahrgenommenen. Atmosphären lösen Stimmungen aus und bilden sich quasi auch leiblich ab.

Wenn ich als Pflegender darum weiß, dann muss ich mein alltägliches Handeln auch danach ausrichten. Menschen sind aufgrund einer aktuellen Verletzlichkeit und Gebrechlichkeit in einem Krankenhaus oder in einem Pflegeheim. Diese unmittelbare Verletzlichkeit und Gebrechlichkeit sollten Warnzeichen dafür sein, dass die Menschen in einem besonderen Maße sensibel, wenn nicht gar hypersensibel sind.

Verletzliche und gebrechliche Menschen haben häufig keine Möglichkeit, aus einzelnen Situationen heraus zu flüchten. Sie sind der Ruhe und der Unruhe ihrer Umgebungen ausgesetzt. Folglich können sie sich auch nicht gegen die leiblichen Reaktionen wehren, mit denen sie konfrontiert werden. Die Krankenschwester, die in den frühen Morgenstunden „bollerig“ in das Zimmer kommt, löst unangenehme Gefühle aus. Die Tabletts, die unachtsam in den Essenwagen geschoben werden und letztendlich mit dem zerbrochenen Porzellan auf dem Stationsflur landen, steigern nicht das Gefühl, sich in einer Umgebung wohlzufühlen.

Die ausgelösten Stimmungen und Gefühle haben auch Folgen für alltägliche Verhaltensweisen von verletzlichen und gebrechlichen Menschen, die oft unbewusst entstehen. Sie werden gereizter, vielleicht sogar aggressiver. Dies hängt davon ab, inwieweit sie das Ganze kognitiv steuern können und wollen.

Es ist sicher eine individuelle Herausforderung, die Sensibilität für die Klänge und die Atmosphären in der Flüchtigkeit des Alltags wachzuhalten. Es braucht eine Achtsamkeit und Sorge für sich selbst, um entscheiden zu können und zu wollen, wann Stimmungen und Atmosphären Menschen guttun. Versuchen Sie einfach wachsam zu bleiben, dass Ihr Gegenüber diese Potentiale nicht mehr hat.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at