Unglück auf Rezept – Die Antidepressiva-Lüge und ihre Folgen

Perspektivwechsel

Ansari UnglueckAufRezeptGesellschaftlich hat man manchmal den Eindruck, dass die Einnahme von Antidepressiva zum guten Ton gehören. Allzu leichtfertig werden sie in Arztpraxen verschrieben, allzu unreflektiert nehmen Menschen die Medikamente in einem möglicherweise falschen Glauben an die Wirkkraft der Chemie ein. Diese Position nehmen Sabine und Peter Ansari ein, die mit dem Buch „Unglück auf Rezept“ manchen Irrglauben offenlegen.

Entscheidend ist ihre Ermunterung, auch depressive Erkrankungen mit einer anderen Brille anzuschauen. Sie halten die Möglichkeiten der psychopharmakologischen Intervention für gering. Eher plädieren sie für Alternativbehandlungen. Wörtlich: „Im persönlichen Horrorfilm eines depressiven Menschen können Medikamente das Bild abschwächen oder gar ausschalten. Sie können die Lautstärke herunter-oder heraufregulieren, aber sobald die Wirkung nachlässt, läuft wieder derselbe alte Horrorfilm“ (S. 234). Mit den richtigen Methoden könnten Menschen lernen, diesen Horrorfilm als das zu betrachten, was er sei: nämlich ein Film, der irgendwann zu Ende sei. Die guten Resultate von Alternativbehandlungen seien im Propagandarausch des Effizienzmärchens von Antidepressiva untergegangen (S. 234).

Der Ton des Buchs ist an vielen Stellen deutlich, um nicht zu sagen scharf. Die Ansaris widersprechen dem Glauben an die Biologie. Da ist es nachvollziehbar, dass sie sich in der institutionalisierten Psychiatrie einige Feinde gemacht haben. Die Psychotherapie nennen sie ein „Mittel der Wahl“ (S. 256). Positive Wirkungen von Bewegungsprogrammen auf das seelische Wohlbefinden seien gut dokumentiert (S. 257). Mit dem Biofeedback werde der Erfolg einer Methode unmittelbar auf dem Monitor sichtbar (S. 258).

Der Perspektivwechsel, den die Ansaris einfordern, wirkt auf den ersten Blick mit einem kleinen Windstoß vergleichbar. Allerdings muss nach der gründlichen Recherche der Ansaris durchaus konstatiert werden, dass Antidepressiva sicher nicht einem Sturme gleich die Niedergeschlagenheit und Traurigkeit hinwegpusten. Depressive Episoden müssen sicher erst einmal als dasjenige erkannt werden, was sie wirklich sind: tiefe Erschütterungen eines individuellen Lebens.

Gerade auch mit dieser Haltung sollten wohl helfende Menschen auf Antidepressiva reagieren. Dies würde sicher zur Folge haben müssen, dass die psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgungsangebote angepasst werden müssten. Dabei muss jedoch im Hinterkopf sein, was Sabine und Peter Ansari als Mahnung formulieren: „Die Illusion einer individuellen medikamentösen Behandlung führt auf das Terrain der Polypharmazie, das bedeutet die Verschreibung von Medikamenten zur gleichen Zeit. Oft wird dem Patienten suggeriert, es müsse nur die individuelle Mischung und Dosierung gefunden werden, um ihn von seinen Beschwerden zu befreien. Er erhält eine Komposition von mehreren Antidepressiva, Neuroleptika oder Lithium und bekommt das Gefühl, die persönliche Zusammenstellung sei eine individuelle Therapie“ (S. 244).

Das Buch „Unglück auf Rezept“ stimmt nachdenklich. Es veranschaulicht einmal mehr, wie biologisiert die zeitgenössische Medizin, insbesondere die Psychiatrie, geworden zu sein scheint. Betroffene Menschen haben sicher mehr verdient als ein Eingreifen in die neurobiologischen Prozesse ihres Körpers. Es ist gut, dass die Ansaris daran erinnern.

Peter & Sabine Ansari: Unglück auf Rezept – Die Antidepressiva-Lüge und ihre Folgen, Verlag Klett-Cotta, ISBN 978-3-608-98060-8, 300 Seiten, 16.95 Euro.

Autor:in

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    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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