„Ungewissheit bleibt“

(C) Annette Ahaus

Christoph Müller im Gespräch mit Thomas Hax-Schoppenhorst

Thomas Hax-Schoppenhorst ist ein erfahrener Herausgeber von Aufsatzbänden, die sich wenig ergründeten Phänomenen nähern. Mit der Angst, der Depression, der Einsamkeit und dem Vertrauen hat er sich in den vergangenen Jahren tiefgründiger beschäftigt. In dem soeben erschienenen Herausgeberwerk, das er mit Jürgen Georg ediert, hat er mit vielen Menschen über die Ungewissheit nachgedacht. Christoph Müller hat Thomas Hax-Schoppenhorst getroffen und einen Coffee-to-go bei einem Spaziergang getrunken.

Christoph Müller Mit dem Begriff der Ungewissheit beschäftigen sich Jürgen Georg und Sie, die zahlreichen Autorinnen und Autoren. Mit den kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine und der Corona-Pandemie hat die Ungewissheit eine ungeahnte Aktualität. Was bedeutet für Sie persönlich Ungewissheit?

Thomas Hax-Schoppenhorst Dazu muss ich voranschicken, dass ich im Grunde lange jedwede Art von Ungewissheit zu verdrängen versuchte, indem ich bemüht war, stets auf aus meiner Sicht sicheren Wegen zu gehen. Das erklärt auch u. a., warum jeder Versicherungsagent leuchtende Augen bekam, wenn er spürte, dass man mir fast problemlos die ein oder andere Police schmackhaft machen konnte.

Mit den Jahren wurde diese Strategie nach und nach vom Leben korrigiert. Dabei gab es auch lehrreiche Unsicherheitserfahrungen größerer Dimension. Ein Kreislaufkollaps im brasilianischen Hinterland, also von Arztpraxen und Krankenhäusern weit entfernt, eine Notlandung während eines Fluges nach Kuba, eine schwerere, zum Glück überwundene Erkrankung in der Familie gehörten u. a. dazu. Hinzu kamen und kommen die regelmäßigen Ungewissheiten, die uns allen abverlangt werden: Ängste, dass zum Beispiel die fällige Koloskopie böse Überraschungen ergibt; das Zittern mit den erwachsenen Kindern vor bedeutenden Klausuren; die Sorge vor unerwarteten finanziellen Belastungen.

Zu Beginn der Pandemie ging ich bis auf 14 Tage Home-Office als Mitarbeiter einer Klinik unverändert meiner Arbeit nach. In den Lock-down-Phasen war es, ganz besonders in der Zeit vor den ersten Impfungen, schon gespenstisch, sich im öffentlichen Raum zu bewegen und dabei nicht zu wissen, ob und wo man sich infiziert haben könnte. In der Nacht der Hochwasserkatastrophe im Sommer 2021 in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz war ich mit meiner Frau auf der Insel Norderney; stündlich informierte uns unsere Nachbarin, ob auch unser Wohngebiet überschwemmt wurde. Das war eine bizarre Situation.  Zum Glück gab es nur kleinere Schäden.

Und schließlich stehen wir alle seit Ausbruch des Krieges in der Ukraine täglich ohnmächtig und zugleich wütend vor der Frage, wie sich die Lage in Europa und der Welt entwickeln wird.

Unsere Klinik in Düren stellt Wohnraum für geflüchtete Personen aus der Ukraine zur Verfügung. Als Integrationsbeauftragter ist es meine Aufgabe, die Vergabe gemeinsam mit der Stadt abzusprechen und die Menschen zu begleiten. Seit März 2022 haben fünf Personen bei uns einen sicheren Ort gefunden. Wenn ich mich mit ihnen austausche (die Kommunikation ist hier eine weitere ‚Hürde‘ der Ungewissheit), relativieren sich meine kleinen und großen Nöte schlagartig. In einem Keller über Tage und Wochen auszuharren zu müssen und nicht zu wissen, welche Folgen der nächste Bombenangriff haben wird… Man schweigt dann nur noch und schämt sich auch.

Christoph Müller Es gibt Termini, die im Alltag häufig zu sehr daher gesagt werden. Die Ungewissheit scheint dazuzugehören. Die Beiträge im Ungewissheit-Buch zeigen, wie oft subjektiv Ungewissheit empfunden wird. Sind Sie nach der langen Arbeit an dem Buch nicht selbst überrascht?

Thomas Hax-Schoppenhorst Die Arbeit über mehr als zwei Jahre an dem Buch war in der Tat eine große Lektion. Ich muss voranschicken, dass die Entscheidung für dieses Projekt im Herbst 2019 fiel – vor der Pandemie, vor dem Hochwasser, vor dem Krieg. Es begann mit den kleinen Ungewissheiten, die sich immer einstellen, wenn noch nichts auf dem Papier steht. Werden wir genügend Autoren und Autoren für das Projekt gewinnen können? Wird sich dann im Verlauf alles in dem gesteckten zeitlichen Rahmen bewegen? Und ganz aktuell mussten sich die Verlage fragen, ob die Papierpreise noch weiter durch die Decke schießen.

Der Begriff der Ungewissheit wird nicht aus Gedankenlosigkeit oder fehlendem Respekt, wie Sie es formulieren, ‚daher gesagt‘, vielmehr ist dies bereits Kern des Problems: Gefühle von Ungewissheit finden ihren Ausdruck weniger in, um mal ein Bild zu gebrauchen, lauten Posaunenklängen, vielmehr sind sie vergleichbar mit einer sehr leisen, mitunter düsteren Hintergrundmusik im ‚Film des Lebens‘, in dem bei schneller Bildfolge der Lärm des Alltags diese zwar übertönt, aber dennoch Spuren hinterlässt. Ungewissheit ist das tragende Merkmal unseres Daseins. Sicherheit ist eine Illusion. Sich dies permanent bewusst zu machen, würde uns lähmen. Ebenso fatal wäre ein grundsätzliches Leugnen. Folglich müssen wir lernen, mit Ungewissheit angemessen umzugehen, wobei der jeweilige Grad der Ungewissheitstoleranz eines Menschen ganz entscheidend ist. Nils Spitzer, Psychologe in Berlin, zeigt in seinem Beitrag in dem Buch beeindruckend auf, welche seelischen Erkrankungen die Folge von fehlender Ungewissheitstoleranz sein können – zum Beispiel Angststörungen oder Depressionen.

Die schnell eingehenden Zusagen von Kolleginnen und Kollegen aller Disziplinen aus der praktischen Arbeit, aber auch aus Forschung und Lehre machten dann deutlich, dass wir mit dem Projekt gewissermaßen einen ‚Nerv der Zeit‘ getroffen hatten. Zugleich blickten wir in ein großes ‚Fass ohne Boden‘, denn bei tiefergehender Beschäftigung blitzte das Thema mit immer neuen Vorzeichen auf. Als dann 2020 die Pandemie und 2022 der Ukraine-Krieg der gesamten Welt ein Ungewissheits-Trauma zufügten, gab es kein Halten mehr. Ein Leben unter permanenter Betäubung des Bewusstseins über drohende Gefahren scheint nun kaum noch möglich. Damit einher geht die Verantwortung aller für die Gestaltung eines Lebens, das bislang zur Wahrung von Fortschritt und Wohlstand zumindest von einem großen Teil der Menschheit sorglos und damit nicht zukunftsfähig geführt wurde.

Überrascht und zugleich alarmiert waren wir auch über Erkenntnisse, die uns bislang nicht bewusst waren. So beschreiben Barbara Schellhammer und Ernst-Dieter Lantermann in ihren Beiträgen die tiefgreifenden Auswirkungen auf das Weltbild bzw. das Verhalten von Personen, die sich anhaltend massiven Unsicherheits- und Ungewissheitserfahrungen (z. B. ökonomisch bzw. sozial an den Rand Gedrängte) ausgesetzt sehen und keine Lösung finden. In Reaktion auf diese Misere neigen viele von ihnen zu radikalen Reaktionen, die u. U. auch in der Unterstützung demokratiefeindlicher Gruppierungen ihren Ausdruck finden.

So bot uns die Arbeit an dem Buch ständig neue Erkenntnisse. In der Schlussphase war damit auch ein gewisses Erstaunen darüber verbunden, dass dieses so zentrale Thema bislang verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit erfahren hat. Dank der sehr lebendigen und intensiven Zusammenarbeit mit unseren Mitautorinnen und Mitautoren sind wir nun in der glücklichen Lage, ein facettenreiches und praxisnahes Werk anzubieten, das die Arbeit im Gesundheitswesen, aber auch die persönliche Auseinandersetzung bereichert.

Christoph Müller Besonders fragile Situationen zeigen beispielsweise in den helfenden Berufen, wie ungewiss das Leben einzelner Menschen ist. Welche Chancen bietet die Ungewissheit aus Ihrer Sicht?

Thomas Hax-Schoppenhorst Hier muss man zunächst unterscheiden zwischen allgemeinen Ungewissheiten des täglichen Lebens und jenen, die in einem Zusammenhang mit (schweren) körperlichen oder psychischen Erkrankungen stehen. Bei Unsicherheiten, die sich auf Alternativen in der Lebensplanung oder Entscheidungsprozesse im Beruf beziehen, zum Beispiel ein Stellenwechsel oder Veränderungen der Teamstrukturen in einem Krankenhaus, ist die klare Analyse Voraussetzung dafür, sich umfassend darüber klar zu werden, was man mit welchem Ziel aufgibt, welche Unwägbarkeiten bleiben und aus welchen Gründen man sie dann schließlich doch in Kauf nimmt. Entscheidungen kann man natürlich auch aus einem ‚Bauchgefühl‘ treffen; wem das nicht verlässlich genug ist, der sollte möglichst mit kühlem Kopf beide Seiten der Medaille betrachten. Hilfreich ist es, alle Gedanken schriftlich festzuhalten. Der Beitrag zum „Uncertainty Mapping“ von Frank Habermann ist dafür eine sehr gute Hilfestellung.

Bei Ungewissheiten im Privatleben beobachtet man häufig, dass Menschen in eine Art Schockstarre verfallen, weil sie Vertrautes nicht loslassen wollen. Aber darin liegt bereits ein Denkfehler: Den Sprung ins kalte Wasser ausfallen zu lassen, bedeutet bei weitem nicht, dass der Ort, an dem man verweilt, anhaltend eine ‚Oase der Sicherheit‘ bleibt. Wenn ich mich, zu Beginn auch gern mit etwas wackeligen Beinen, auf den Weg mache, sollte ich nicht kategorisch ausschließen, dass sich das, was an Neuem auf mich zukommt, irgendwann als „beste Entscheidung meines Lebens“ herausstellt.

Nils Spitzers Text in dem Buch nimmt Zweifler und Zögerer diesbezüglich herrlich unaufgeregt an die Hand.

Allzu sehr zögerlichen Persönlichkeiten mag dabei auch der (Galgen-)Humor helfen. „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“ – das wussten schon die Bremer Stadtmusikanten. Oder: „Gestern standen wir noch vor dem Abgrund, heute schon haben wir einen beträchtlichen Schritt nach vorne geschafft!“

Christoph Müller Im Buch kommen Psychotherapeut_innen und Pflegende zu Worte. Wie kann im Alltag, wie kann in individuellen Krisen Ungewissheit bewältigt werden? Inwiefern werden Perspektiven im Buch offensichtlich?

Thomas Hax-Schoppenhorst Zunächst zur Psychotherapie, wobei ich Gefahr laufe, dass mir einige Vertreter*nnen der Disziplin jetzt die Ohren langziehen: Es bedarf sicherlich zumindest einer Umorientierung! Das fragile Ich sucht Sicherheit, Halt – und auch konkret therapeutische Hilfe. Schon 1979 kommentierte der Kulturhistoriker Christopher Lasch kritisch, dass sich die nachfreudianischen Therapien zur vordringlichen Aufgabe gemacht haben, die Menschen von überholten Vorstellungen wie Liebe und Pflicht zu befreien. Psychische Gesundheit sei für sie gleichbedeutend mit dem Überbordwerfen von Hemmungen.

Unterordnung des eigenen Willens, Rücksichtnahme auf andere, Loyalität gegenüber einer höheren Instanz – wo Religion Nächstenliebe einforderte, Verzicht und Unterordnung verlangte, dominiert in einem therapeutischen Zeitalter die Konzentration auf das eigene Ich und seine momentane, unmittelbare Bedürfnisbefriedigung, ohne aber nach den tieferen Wurzeln der allerorts konstatierten, Ungewissheit verstärkenden Probleme zu fahnden. In diesem Sinne äußerte sich die österreichische Autorin Friederike Gösweiner, die mit ihrem kürzlich erschienenen Buch „Regenbogenweiß“ wahrscheinlich den derzeit besten, treffendsten Roman zum ‚Jahrhundert der Ungewissheit‘ geschrieben hat und mit einem wirklich furiosen Ende dieser bewegenden Geschichte einer Familie das Phänomen der Ungewissheit erfasst, dabei Leserinnen und Leser regelrecht brüskiert, zugleich aber in wohltuender Weise befreit.

Ralf T. Vogel denkt mit seinem Ansatz zur Psychotherapie in Krisenzeiten vieles neu, eine Art Weckruf.

Der zweite Teil unseres Buches widmet sich sehr umfangreich der Situation von Menschen, die krankheitsbedingt durch das Tal der Ungewissheit ziehen müssen. Unser Gesundheitswesen spart in weiten Teilen diese mitunter quälende Gefühlslage aus. Ich werde nie den Oberarzt in dem Münsteraner Krankenhaus vergessen, in dem ich meinen Zivildienst im OP absolvierte. Auf die Frage einer sehr besorgten älteren Patientin, bei der ein Eingriff mit unklarem Ausgang auf dem Plan stand, was denn nun werde, antwortete er zackig: „Das ist jetzt nebensächlich. Das Ding muss raus. Kaffee trinken und Quätschen halten können wir später!“ Am Skalpell ein Könner, im Gespräch und in der Wahrnehmung von hoher Not des Gegenübers eher, sorry, eine Flasche.

Und nun zur Pflege… Welcher Stellenwert ihr im Kontext Ungewissheit zukommt, welche Wege sie gehen kann, welche Wirkung ihre professionelle Intervention hat – die Texte von Jürgen Georg und Regina Sauer werden Lesenden die Augen öffnen. Da erschließt sich im wahrsten Sinn des Wortes heilbringendes Potential.

Christoph Müller Viele Menschen sind von chronischen Erkrankungen betroffen. Somatisch und seelisch sind sie über lange Zeiträume, manchmal gar lebenslang erschüttert. Welche Bedeutung hat für diese Menschen die Ungewissheit?

Thomas Hax-Schoppenhorst Zum Beispiel Patientinnen und Patienten mit einem Schlaganfall, einer chronischen Darmentzündung oder solche, die auf eine intensivmedizinische Behandlung angewiesen sind, brauchen zwingend neben der rein medizinischen Sicht auch die Begleitung auf der emotionalen Ebene, wobei konkrete Hilfestellungen im Umgang mit der Ungewissheit wesentlich sind, denn diese treibt, gestatten Sie das Bild, ‚subkutan ihr Unwesen‘ – sie lässt zweifeln, lähmt, raubt einen Großteil der Energie.

Wer einen Schlaganfall erleidet und wird ‚nur‘ medzinisch (not-)versorgt, ich bringe es jetzt mal auf die Spitze, wartet nach Entlassung und Reha im schlimmsten Fall auf den nächsten, sollte die ‚Wunde Ungewissheit‘ nicht versorgt worden sein. Dabei gibt es Konzepte; die Beiträge von Elke Steudter, Alexander Palant, Marvin Kaiser, Bruno Kissling, Armand Rapp und Peter Ryser machen Mut.

Christoph Müller Im Angesicht eines individuellen Leidens neigen Menschen dazu, der eigenen Ungewissheit ein Ende zu setzen. Wie wird dies in den Beiträgen nachvollziehbar?

Thomas Hax-Schoppenhorst Da müsste man zunächst klären, was mit „ein Ende zu setzen“ gemeint ist. Gehen wir Schritt für Schritt vor. Nehmen wir zunächst den grundsätzlich an der Welt leidenden Menschen, der insbesondere die allumfassende Ungewissheit als Qual erlebt. Die Gefahr zu erkranken ist groß. Er ‚flieht‘ unter Umständen in permanente Angst, in die Depression, oder er greift zur Flasche und wartet so im Vollrausch auf das Weltenende. Und…ja, wir können auch nicht ausschließen, dass jemand den Suizid wählt, da er das Leben nicht mehr aushält. Diese Versuche des Abschüttelns von Ungewissheit sind höchst tragisch…

Der körperlich (schwer) erkrankte Mensch kann sich sehr wohl, wie eben schon angedeutet, aus den Klauen der Ungewissheit befreien bzw. sich dabei begleiten und unterstützen lassen. Gute, problemorientierte Pflege und eine ebenso ausgerichtete Behandlung durch Ärztinnen und Ärzte, machen die Erkrankung nicht rückgängig, sicherlich aber helfen sie bei der Überwindung großer Hürden und befreien damit von erlebter Ohnmacht.

Christoph Müller Inwiefern ist das Phänomen der Ungewissheit eigentlich eine Herausforderung, eine Aufgabe für Institutionen des Gesundheits-und Wohlfahrtswesens?

Thomas Hax-Schoppenhorst Grundsätzlich täten alle Akteure gut daran, ihr Handeln unter Berücksichtigung der ‚Lebenszumutung Ungewissheit‘ zu überdenken. Es gehört offensichtlich zu den ungeschriebenen Gesetzen auf dem Gesundheitsmarkt, grandioses Können und damit völlige Sicherheit zu propagieren. Das weckt eine Scheinsicherheit, die durchaus enttäuscht werden kann. Manfred Borutta räumt mit seinem Beitrag zum Umgang mit Nichtwissen im Krankenhaus verstörend auf, indem er von „Messbarkeitsillusionen“ u. a. spricht. Ein erfrischend ‚erdender‘ Text.

Christoph Müller Seelische und körperliche Erschütterungen müssen in das eigene Leben integriert werden. Dies gelingt Menschen oft besser, wenn sie beispielsweise ein religiöses Sinnsystem für sich bestimmt haben. Würden Sie unterschreiben, dass die Ungewissheit auf dem Fundament individueller Sinnsysteme besser integriert werden kann?

Thomas Hax-Schoppenhorst Als wir Kinder waren, beteten wir: „Abends, wenn ich schlafen gehe, 14 Englein um mich stehen: zwei zu meinem Kopfe, zwei zu meinen Füßen, zwei zu meiner rechten Seite, zwei zu meiner linken Seite, zwei, die mich decken, zwei, die mich wecken, zwei, die mich führen ins himmlische Paradies. Amen!“ Das empfand ich als höchst beruhigend, es gab mir einen ruhigen Schlaf und Kraft für den Tag. Dabei die Perspektive, dass auch dann, wenn das letzte Stündlein schlägt, eine gute Begleitung gewährleistet ist… Was will man mehr?

Nun, irgendwann verabschiedet sich der Mensch von dieser kindlichen Sicht. Wenn auch die darin beinhalteten Botschaften in ‚erwachsener‘ Form bestehen bleiben. Ja, ich bin mir sicher, dass gläubige oder zumindest ausgeprägt spirituell veranlagte Personen sich zumindest leichter tun im Umgang mit den Unwägbarkeiten des Lebens. Kritiker nennen es Weltflucht. Das ist aus meiner Sicht zu hart. Die entscheidenden Fragen des Lebens oder zum Leben beantworten doch ohnehin, wenn überhaupt, Philosophie und Religion, oder?

Ich war jedenfalls ‚klüger‘ und regelrecht erleichtert, nachdem ich die theologischenTexte von Annette Haußmann und Werner Schüßler gelesen hatte.

Unser Gespräch möchte ich mit Sätzen von Mitautorin Anni Keil schließen. Sie schreibt an einer Stelle: „Die Ungewissheit aber bleibt, denn nichts im Leben bleibt, wie es war. Es ist und bleibt auch nach der Geburt bis zum Ende des Lebens ein offener Entwicklungsprozess, verletzlich, mit unbekanntem Verlauf und Ende zugleich. Wir brauchen eine Lebenskraft, die immer wieder zum Anfangen bereit ist, eine Art Anfängergeist, um uns Schritt für Schritt zu entwickeln, mit Zweifel und Unwägbarkeiten umzugehen und sie, wenn nötig, zu überwinden und auszuräumen, Veränderungen nicht zu fürchten und Kontinuität zuzulassen, unsere Freiheit nicht der falschen Sicherheit zu opfern, um immer wieder neu auf brüchigem Boden Land zu gewinnen. Die Illusion, das Leben immer fest im Griff zu haben, immer genau wissen zu wollen oder besser zu wissen, wohin der Hase läuft, auch wenn der gerade ängstlich in der Furche hockt, oder Schuldige zu finden, damit wir aus dem Schneider sind, verhindert die Möglichkeit, der Ungewissheit jene tragende, mutige und hoffnungsvolle Rolle zuzugestehen, von der hier die Rede ist.

Mögen Leserinnen und Leser entscheiden. Unser Buch ist ein gelungener Aufschlag! 

Christoph Müller Herzlichen Dank, Herr Hax-Schoppenhorst, für die nachdenklichen Worte.

 

Das Buch, um das es geht

Thomas Hax-Schoppenhorst & Jürgen Georg (Hrsg.): Ungewissheit und Unsicherheit durchleben. Wie mit Menschen in unvorhersehbaren Lebens- und Gesundheitssituationen umgehen?, Hogrefe-Verlag, Bern 2022, ISBN 978-3-456-86205-7, 352 Seiten, ca. 39,95 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at