Und wer rettet uns?

Vor kurzem gab es ein cooles Bild von Pflegepersonen, die auf einer Demonstration aufmerksam machten. „Wer wird uns retten?“ Hatte eine junge Dame in der Hand. Ich fand es generell super, wenn sich junge Pflegekräfte entsprechend einsetzten, aber der Spruch auf dem Schild, mit dem konnte ich so rein gar nicht mit, denn in Wirklichkeit zeigt es die Haltung von vielen in unserem Beruf: Bös gesagt: Wer übernimmt die Verantwortung für unsere Berufsgruppe?
Da soll eine Gewerkschaft alles hinbiegen und die Gehälter jedesmal vorantreiben. Schaffen die Damen und Herren dann nicht mindestens X Prozent, ist man erbost und schimpft über die Gewerkschaft. Ruft aber die Gewerkschaft zu gemeinsamen Aktionen auf, dann kommen nur wenige, denn man hat ja keine Zeit (für die Forderungen des eigenen Berufes), muss sich um andere Sachen kümmern oder es hat ja sowieso keinen Sinn.
Dann gäbe es da noch den Berufsverband, der im Vergleich zu anderen Berufsverbänden um ein vielfaches leiser ist, als man es international von anderen Pflegeberufsverbänden gewohnt ist. Dennoch tut man hier ehrenamtlich seinen Job (Bis auf einzelne) und versucht das Beste daraus zu machen. Den Berufsverband mit einer Mitgliedschaft stärken und selber aktiv daran zu arbeiten, diesen zu verbessern, ist natürlich wieder mit den selben Ausreden quittiert: man habe keine Zeit, muss sich um andere Sachen kümmern oder es hat ja sowieso keinen Sinn.
Dann wäre dann noch die Politik: Warum tun das die PolitikerInnen nicht für uns? Warum hört uns keiner zu? Die denken nicht an uns? Hier noch einmal: PolitikerInnen gehen bei Entscheidungen meist nach: Der Gesellschaft und ihren Wünschen, den stärksten Lobbies des Marktes und was kann man in einer Legislaturperiode populär umsetzen, damit man eventuell wieder gewählt wird. Haben wir eine starke Lobby ? NEIN Versuchen wir die Gesellschaft in unser Boot zu holen ? NEIN Kann man das Problem des Gesundheitswesens in einer Legislaturperiode ändern? NEIN
Die Schweizer haben und mit der Pflegeinitiative vorgemacht wie so etwas funktioniert. Alle Kantone, die Basis, Führungskräfte, (sogar die Ärztekammer) und die Pflegewissenschaft in einem Boot und mit einer Message für die Pflege. Das Ganze hat „nur“ fast 2 Jahre gedauert und es haben alle mitgeholfen und viele viele Stunden privat „geopfert“, für eine gemeinsame Sache.
Die Alternative wäre, wenn wir genügend Pflegepersonen in die Politik bekommen würden. Am besten in jeder Partei mehrere Personen, die sich dann untereinander abstimmen, um ein Berufsziel zu haben. Auch hier wieder: man habe keine Zeit, muss sich um andere Sachen kümmern oder es hat ja sowieso keinen Sinn.
Wir können weiterhin warten, bis der Prinz oder die Prinzessin am weißes Schimmel aus dem Sonnenaufgang reitet, um uns zu retten.
Oder wir nehmen uns das Zitat von Agnes Karl zu Herzen: „Wer soll uns denn unseren Beruf aufbauen, wenn wir es nicht selbst tun! Wir haben gar kein Recht zu verlangen, dass andere das tun.“
Ich habe, gemeinsam mit der Gewerkschaft und dem ÖGKV, 2019 die Pflegesommergespräche quer durch die Bundesländer vollzogen, um ein „gemeinsames Boot“ zu „predigen. Hunderte waren damals anwesend und waren begeistert. Als wir dann im Winter die TeilnehmerInnen zu einem „Workshop fürs Weitermachen“ aufgerufen haben, haben sich genau 3 Personen gemeldet. Ich habe, gemeinsam mit dem Business Circle nun zur Pflegeutopie aufgerufen, 300 Personen (primär Führungskräfte) waren anwesend und ich bin gespannt, wer sich in der „Workshoprunde“ dann melden wird. Wir werden auch sehen, wer am 12. Mai bei den großen Demonstrationen ist.
Tun wir uns selbst einen Gefallen: Überlassen wir bitte nicht anderen, wer uns „rettet“, sondern nehmen wir es selbst in die Hand. Nicht weil wir ein wenig mehr Geld wollen, nicht weil wir früher in Pension gehen wollen,… nehmen wir es in die Hand, weil wir den geilsten Job aller Zeiten haben und es auch um den Patienten/die Patientin geht. Letzteres wird die Bevölkerung ganz sicher verstehen, wenn wir nur den breitflächigen Diskurs suchen.
Versuchen wir erst UNS zu einer Stimme zu formen: Basis, Führung, Wissenschaft mit einem Wording und dann gehen wir zur Bevölkerung und zur (oder in die) Politik.

Autor:in

  • markus

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)