Und die Pflegelehre kommt anscheinend doch….

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Jahrelang gab es ein Auf und Ab. Dutzende Expert*innen aus dem Pflegebereich, der Psychiatrie und anderen Gesundheitssektoren haben sich klar gegen die Pflegelehre ausgesprochen. Obwohl es diese Erklärungen/Gutachten/Stellungnahmen gab, hatte die Wirtschaft hierfür nichts übrig. Doch nicht nur die Wirtschaft versuchte in den letzten Jahren immer wieder die Pflegelehre an den Start zu bringen. Vertreter*innen der Senior*innen, egal welcher Partei, stimmten diesem Konzept immer wieder zu. Nach Podiumsdiskussionen hatte man immer das Gefühl, „Man wolle versorgt sein, egal wie. Koste es was es wolle…“ Doch die Gegenstimmen waren zu laut, also einigte man sich auf ein Schulkonzept, welches eine Durchgängigkeit zu den Folgeaufstiegsmöglichkeit gewährleistete. Die meisten waren mit der Lösung zufrieden…

 

Nun haben unsere Redaktionsquellen erneut mitgeteilt, dass sie angeblich wieder am Tisch liegt – die Pflegelehre. 2 Jahre Theorie in der Schule und im Anschluss in die Praxis.  Stellungnahmen und diverse Schreiben scheinen wieder bedeutungslos. Es ist anscheinend nur wichtig, dass IRGENDJEMAND da ist, um alte Menschen zu pflegen. Unabhängig wer es ist, egal mit welcher Pflegequalität: Masse statt Qualität und billig muss es sein.

 

Wir haben uns als Redaktion jahrelang bemüht in diesem Bereich zu diskutieren und aufzuklären, führten mit Expert*innen aus der Schweiz (Yvonne Ribi – Präsidentin des SBK, u.a.), Deutschland (z.B.: Prof. Christel Bienstein) und anderen Diskussionen, bei denen jeder teilnehmen konnte. Auch bei der Podiumsdiskussion am Business Circle 2020 gab es einen klaren Tenor der Anwesenden: Pflegelehre, nein danke.

 

Die jahrelangen Bemühen, die Gesundheits- und Krankenpflege weiterzuentwickeln und sich dem internationalen Standard anzupassen, scheinen wieder einmal ad absurdum geführt zu werden. Die Bestrebungen der Pionier*innen wie Dr. Elisabeth Seidl, Dr. Ilsemarie Walter, Prof. Christel Bienstein, Prof. Angelika Zegelin, Sr. Liliane Juchli und vielen anderen, sind nun wieder in Frage gestellt. Kann nun doch jeder pflegen? Ist das Eintrittsalter egal und haben die Psycholog*innen und Psychiater*innen unrecht. Die Zeit wird es zeigen und wir werden alle Beteiligten daran erinnern, wenn sich die ersten Skandale in den Medien wiederfinden und der Pflegemangel damit in keinster Weise aufgehoben ist.

 


Statistische Zahlen
Anhand der Statistik der WKO und von Statista sehen Sie, dass der Bedarf an zusätzlichen Lehrstellen in Österreich minimal ist. Im Jahre 2019 suchten 6830 Personen eine Lehrstelle. Dem gegenüber stehen 6247 Lehrstellen. Es fehlten also unter 600 Lehrstellen, um den kompletten Bedarf des Jahres abzudecken. Dies impliziert aber nicht, dass diese Personen1.) ein Interesse an einer Pflegelehre gehabt hätten.
2.) die Personen für den Pflegeberuf geeignet sind.Natürlich könnten sich auch andere Personen der 6247 Suchenden für einen Pflegelehrberuf interessieren. Dies würde aber nur eine andere Lücke aufreißen, da es nicht mehr Personen auf dem Arbeitsmarkt gibt. (Von der Eignung noch immer abgesehen).
Eignung von 15Jährigen
Hier gibt es mittlerweile zahlreiche Interviews und Einschätzungen von Psycholog*innen, dass ein Einsatz von 15Jährigen im Gesundheitswesen sich absolut kontraproduktiv auf die Entwicklung der Person auswirken würde. Dies geht bis Traumata, die erst Jahre später auffallen. Ich möchte hier auf das Interview mit der Kinderpsychologin Dr. Marihan Abensperg-Traun verweisen.

Studierende und PA/PFA AbsolventInnen erleben immer wieder extreme Situationen (Sterben, Schwerverletzte, Dramen), die sie trotz höheren Alters nur bedingt verarbeiten können. Dies wäre in jüngerem Alter noch tragischer.

Weitere Gegenstimmen als Beispiel:
Auch der ÖGKV spricht sich klar gegen das sogenannte Schweizer Modell aus:
BHS Modell
Das BHS Modell wird von vielen präferiert, da es die Option bietet, direkt auf schulischem Weg in die Pflege einzusteigen und zu einem späteren Zeitpunkt einen Karriereweg auf mehreren Ebenen zu ermöglichen. Die Absolvent*innen können nach der Schule direkt im Assistenzberuf arbeiten oder sich entsprechend um einen Studienplatz kümmern. Dies wäre eine Durchlässigkeit, von der auch Bundesminister Anschober im Interview bei Pflege Professionell gesprochen hat:
https://pflege-professionell.at/interview-mit-bundesminister-rudolf-anschober
PA/PFA
Im Jahre 2016 wurde durch die neue Novelle eine neue Hierarchie geschaffen und ein neuer Beruf implementiert. Dieser Richtung wurde noch nicht Rechnung getragen. PFA haben kaum bis keine Arbeitsstellen, der Beruf wird im Gesundheitswesen kaum angenommen. Dies macht die PFA am Arbeitsmarkt nicht wirklich attraktiv.
Kritik an zu schnellem Vorgehen
Jetzt schon wieder einen „Zugang“ auf dem Arbeitsmarkt aufzureißen, wird nicht das Pflegeproblem lösen. Es kommen deswegen nicht mehr Personen auf den Arbeitsmarkt, vor allem nicht die Zahlen, die wir für eine Abdeckung des Pflegeproblems benötigen.
Final kommentiert: Erlaube ich mir die Hypothese aufzustellen, dass es bei der Implementierung eines richtigen Lehrberufes eher um eine Nivellierung des Pflegeberufes geht und dies massive Schäden bei den jungen Menschen hervorrufen wird. Die gesamte Szenerie würde auch die Patient*innen gefährden und hier stellt sich die Frage, wer dann hierfür die Verantwortung übernimmt. 
Anstatt das bestehende Angebot auszubauen und zu fördern, wird mit der Implementierung eines reinen Lehrberufes nur eine weitere leere Blase generiert.
Markus Golla
Über Markus Golla 6505 Artikel
Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Studiengangsleitung (FH) und Vortragender im Bereich Gesundheits- und Krankenpflege, Kommunikation & Projektmanagement, Pflegewissenschaft BScN (Absolvent UMIT/Wien), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Masterstudent Pflegewissenschaft (UMIT/Hall)

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