Umgang mit Suizid in psychiatrischen Einrichtungen

„Sensibilität für subjektive Aspekte“

Vielen psychiatrisch Tätigen graut es vor der Situation. Sie gehen über die Station in der psychiatrischen Klinik und stellen fest, dass sich ein seelisch erkrankter Mensch das Leben genommen hat. Dem Schrecken folgt häufig die Ernüchterung. Denn die Tatsache, dass ein Mensch in einem psychiatrischen Setting eines unnatürlichen Todes gestorben ist, hat Konsequenzen. In der Institution wächst der Rechtfertigungsdruck. Im multiprofessionellen Team kommt es zu psychischen Erschütterungen. Und gegenüber der Gesellschaft müssen beispielsweise Haftungsfragen geklärt werden.

Das Buch „Umgang mit Suizid in psychiatrischen Einrichtungen“ kann nun als Impuls verstanden werden, Suizidprävention und Suizide mehr in den Fokus zu rücken. Denn die Hilf-und Sprachlosigkeit in solchen schwierigen Situationen müssen letztendlich in gelingende Bewältigungsmuster und differenzierte Handlungskompetenz münden. Geschieht auf einer Klinikstation oder in einem Wohnheim eine Selbsttötung, so ist dies für sämtliche Hinterbliebenen eine große Aufgabe – für die An-und Zugehörigen eines Menschen, für die Menschen, die ein Hilfenetz um sie oder ihn herum bedeuten.

Dabei geht es auch darum, wie auf einer Station Abschied genommen werden kann. Menzel und Brieger gehen nicht in einer Ausführlichkeit auf die Optionen ein, die sich anbieten. So gewinnt man den Eindruck, dass für psychiatrische Praktiker_innen möglicherweise eine Chance vertan ist, auch Anregungen für ein mögliches Vorkommen im eigenen Setting zu haben. Psychiatrische Praktiker*innen brauchen sicher mehr konkrete Tipps, wie Abschiedsrituale aussehen können oder wo auch Fallstricke in stationären Gemeinschaften zu erwarten sind, wenn Mitbetroffene zu einem gemeinschaftlichen Gespräch zusammengerufen werden.

Menzel und Brieger haben aus eigenen klinischen Erfahrungen heraus das Phänomen des Suizids in psychiatrischen Einrichtungen angeschaut. Dabei wird unter anderem deutlich, dass gerade für die Menschen, die einen Toten finden, das Auffinden ein besonderes Ereignis ist: „Es bedeutet für die Menschen, die den oder die Tote finden, ein Maximum an Erschrecken, Belastung und Stress“ (S. 46). Deshalb sei beispielsweise bei einer Suizidnachbesprechung der „wichtigste Effekt, den wir beobachtet haben“ (S. 81), das Anhalten des Betriebs.

Damit die psychiatrischen Praktiker_innen den Umgang mit Suizid in psychiatrischen Einrichtungen als Arbeitsauftrag annehmen, haben Menzel und Brieger das Buch übersichtlich gehalten. Die knapp 100 Seiten bieten eine erste Übersicht, die auf das jeweilige Versorgungssystem hinuntergebrochen werden muss. Es fängt schon damit an, dass sie zu baulichen Gegebenheiten von Krankenhausstationen erste Hinweise geben, die den Suizid in den Mauern einer Klinik erschweren. Als Menzel und Brieger zu den Suizidnachbesprechungen kommen, weisen sie deutlich darauf hin, dass „gut durchdachte Routinen entlasten“ (S. 68). Es wird deutlich, dass eine professionelle Nüchternheit genauso zur Bewältigung gehört wie die Sensibilität für subjektive Aspekte von Angehörigen und psychiatrisch Tätigen. Dies zeigt halt nicht nur die berufliche Praxis, sondern ist in diesem Buch endlich auch einmal aufgeschrieben.

Gut ist, dass Menzel und Brieger das Buch in den fachlichen Diskurs einbringen. Die Menschen in der Praxis müssen es jetzt als Impuls annehmen, um einem der schwierigsten Phänomene begegnen zu können. Dabei hat das Buch noch mehr Multiprofessionalität verdient. Schließlich lebt die Bewältigung solch schrecklicher Ereignisse auch von der Energie des gesamten therapeutischen Teams.

 

Susanne Menzel & Peter Brieger: Umgang mit Suizid in psychiatrischen Einrichtungen, Psychiatrie-Verlag, Köln 2021, ISBN 978-3-96605-039-5, 107 Seiten, 30 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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