Überblick über die jüdische Pflegegeschichte in Deutschland

Abb.1

Die Anfänge jüdischer Krankenpflege
Der hebräische Begriff Bikkur Cholim, (auf deutsch: Krankenbesuch) gehört zu den heiligen Pflichten gläubiger Juden und Jüdinnen. Durch die Pflege erkrankter Mitmenschen werden mehrere Gebote der Tora erfüllt.(1) Erste Belege jüdischer Vereinigungen zum Zwecke der Krankenpflege gibt es aus der Zeit des Tempels (die Zeit zwischen 515 v. Chr. bis 70 n. Chr.) in Form von frommen Bruderschaften (Chaberim). Diese widmeten sich der Totenbestattung, Armenfürsorge sowie Krankenbesuchen. Aufgrund der jüdischen Vertreibungs- und Verfolgungsgeschichte in Europa ist die Datenlage nicht sehr umfangreich. Dennoch gibt es erste Hinweise auf Judenspitäler in Deutschland aus dem 13. Jahrhundert, u.a. in Regensburg 1210 und Würzburg 1218. Es ist anzunehmen, dass jede größere jüdische Gemeinde im Mittelalter über solche Einrichtungen verfügte, die in erster Linie zwar für Pilger und Durchreisende gedacht waren, aber auch der Versorgung Erkrankter dienten sowie als Asyl für Arme und Alte. Eine ärztliche Versorgung fand hier vermutlich nicht statt. Wer es sich leisten konnte, ließ sich lieber zu Hause versorgen.(2)

Der Wandel im 18. und 19. Jahrhundert
Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wandelte sich die jüdische Krankenpflege. Die alten Judenspitäler wurden umgestaltet oder neu errichtet, es bildeten sich eigene Stiftungen oder sie wurden Einrichtungen jüdischer Gemeinden. Die Versorgung wurde nun durch jüdische Wärter und Wärterinnen sichergestellt, teilweise waren auch angestellte Krankenhausärzte vorhanden. Mit Ende des jüdischen Ghettozwangs endete auch die Tradition der Judenspitäler und es wurden erste jüdische Krankenhäuser außerhalb der Ghettomauern eröffnet. So z.B. in Breslau 1841, Hamburg 1843 oder Frankfurt 1845 sowie 1875. In Deutschland wurden bis in das 20. Jahrhundert mehr jüdische Krankenhäuser errichtet als in anderen Ländern.(3)

Organisationen
Neben den bisher genannten Veränderungen wurde im 19. Jahrhundert auch der Weg für die jüdische Krankenpflege als Beruf geebnet, indem sich jüdische Krankenpflegevereine gründeten. Eng verbunden damit ist auch die Existenz einer organisierten und geplanten Ausbildung sowie einer Bezahlung der ausgeübten Tätigkeit.(4) Hilde Steppe berichtet, dass sich in den Archiven drei Organisationen finden lassen, die die jüdische Krankenpflege wesentlich geprägt haben. Diese sind der Deutsch – Israelitische Gemeindebund (DGIB), die Logenvereinigung Unabhängiger Orden Bne Briss (UOBB) und die eigenständigen jüdischen Krankenpflegerinnenvereine.(5) Der 1872 gegründete DGIB ist der Dachverband aller jüdischen Gemeinden in Deutschland. Der Verband gilt als erste jüdische Organisation mit der Idee einer jüdischen Krankenpflegeausbildung und schien diese auch umgesetzt zu haben. Später unterstützte der Verband vor allem die Ausbildungen in den eigenständigen Vereinen

jpfleg1
Abb.1

finanziell.(6) Die UOBB beschloss 1900 Krankenschwestern auszubilden, die an die Logen, die nicht selber ausbildeten, verteilt wurden. Somit fand eine zentralisierte Form der Ausbildung statt. Ab 1908 wurde die Ausbildung unter dem Namen Krankenschwesterorganisation (KSO) durchgeführt. 1913 wurde ein eigenes Mutterhaus errichtet und die Schülerinnen lernten an der Charité, einem öffentlichen Krankenhaus. Gegründete Vereinigungen in den jüdischen Gemeinden hatten sich an die Vorgaben der KSO zu halten.(7) Zahlenmäßig bedeutender als die KSO waren die eigenständigen jüdischen Krankenpflegerinnenvereine. Der erste seiner Art war der 1893 gegründete Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt. Der größte Verein war der Berliner, dessen Gründung 1894 war. 300 Krankenpflegerinnen sind hier bis 1914 bereits ausgebildet worden.(8)

Jüdische Krankenpflege und die beiden Weltkriege am Beispiel des Gumpertz’schen Siechenhauses

„Als eine Stätte gelebten Judentums hat das Gumpertz’sche Siechenhaus die Frankfurter Stadtgeschichte und die deutsch – jüdische Sozialgeschichte gleichermaßen mitgeprägt, führte doch das Projekt verschiedene Richtungen des Frankfurter Judentums zusammen.“(9)

Das Gumpertz’sche Siechenhaus wurde 1888 von Betty Gumpertz in Frankfurt in Gedenken an ihren verstorbenen Ehemann und Sohn gegründet und sollte die rituelle Betreuung von Juden und Jüdinnen sicherstellen, die bis dahin oftmals in nichtjüdischen Einrichtungen betreut wurden.(10) Neben der Kranken-, Behinderten-, Alten- und Armenpflege wurden hier seit August 1914 auch Verwundete gepflegt und so diente das Siechenhaus während des ersten Weltkrieges auch als Lazarett.11 Da sowohl jüdische als auch nichtjüdische Verwundete im Siechenhaus gepflegt wurden, wurde jedes Jahr im Dezember „Weihnukka“ gefeiert, also sowohl das Chanukka – Fest als auch Weihnachten.(12) Die Verantwortung über den Pflegebetrieb und das Lazarett hatten die Oberin Rahel Spiero und der Verwalter Hermann Seckbach gemeinsam, die im März 1918 heirateten.(13)

jpfleg2
Abb2.

In den Nachkriegsjahren hatte die stationäre Armenpflege existenzielle Probleme. Trotz des Engagements von Mathilda von Rothschild und ihrer Familie musste das damalige Vorderhaus des Siechenheims im Röderbergweg 1929 an die Stadt Frankfurt vermietet werden. Der Einrichtung blieb das Hinterhaus mit etwa 30 Betten.(14) Mit Beginn des Nationalsozialismus zog 1933 die SA –Feldjägerei – Abteilung in das Vorderhaus ein, welches der Gumpertz’sche Verein unter Zwang zu einem ermäßigten Mietzins der Stadt Frankfurt überlassen musste. 1939 wurden die Pflegenden sowie Patienten und Patientinnen auch aus dem Hinterhaus vertrieben und bezogen die letzte Räumlichkeit, die dem Verein geblieben war, im Danziger Platz 15. Im April 1941 erfolgte die Zwangsverlegung des Danziger Platzes in die letzte jüdische Klinik Frankfurts, das Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde. Viele der über 40 Pflegebedürftigen starben in Folge der Zwangsverlegung.(15) Oberin Rahel Seckbach (geb. Spiero) begleitete damals die Zwangsräumung in das Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde und leistete dort anschließend hauptsächlich Hospizpflege. Ihr Ehemann Hermann und die gemeinsame Tochter waren bereits 1939 nach England ins Exil geflüchtet. Rahel wurde am 18. August 1942 mit ihren Schwestern und einigen Betreuten nach Theresienstadt deportiert, wo sie sich weiterhin der Betreuung von Bedürftigen widmete. Sie entkam 1945 mit dem einzigen aus taktischen Gründen eingerichteten Rettungstransport Theresienstadt und konnte nach Kriegsende, geschwächt von ihrer Haft im KZ, nach England ausreisen.(16)

Fußnoten
1 Seemann, Birgit (2014): „Glück im Hause des Leids“ – Jüdische Pflegegeschichte am Beispiel des Gumpertz’schen
Siechenhauses (1888 – 1941) in Frankfurt/ Main, S. 39.

2 Steppe, Hilde (1997): „…den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre…“ – Zur Geschichte der jüdischen
Krankenpflege in Deutschland, S. 83f.

3 Ebd., S. 85.

4 Ulmer, Eva – Maria (2009): Der Beginn der beruflich ausgeübten Pflege im 19. Jahrhundert.

5 Steppe, Hilde (1997): „…den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre…“ – Zur Geschichte der jüdischen
Krankenpflege in Deutschland, S. 90.

6 Ebd., S. 90 und 95.

7 Ebd., S. 98f.

8 Ebd., S. 102f. und 105.

9 Seemann, Birgit (2019): Ein „Jewish Place“ der Pflege: das Gumpertz’sche Siechenhaus in den Jahren 1888 bis
1906, S. 74.

10 Ebd., S. 85.

11 Seemann, Birgit (2019): Stifterinnen, Bewohnerinnen und zwei Oberinnen – Frauengeschichte(n) rund um das
Gumpertz’sche Siechenhaus in den Jahren 1907 – 1932, S. 129.

12 Ebd., S. 131.

13 Ebd., S. 133.

14 Seemann, Birgit (2014): „Glück im Hause des Leids“ – Jüdische Pflegegeschichte am Beispiel des Gumpertz’schen Siechenhauses (1888 – 1941) in Frankfurt/ Main, S. 41f.

15 Seemann, Birgit (2014): „Glück im Hause des Leids“ – Jüdische Pflegegeschichte am Beispiel des Gumpertz’schen
Siechenhauses (1888 – 1941) in Frankfurt/ Main S. 42f.

16 Ebd., S. 47.

Quellen
Seemann, Birgit (2014): „Glück im Hause des Leids“ – Jüdische Pflegegeschichte am Beispiel des Gumpertz’schen Siechenhauses (1888 – 1941) in Frankfurt/ Main. Geschichte der Pflege 2/14, 3. Jahrgang, S. 38 – 50.

Seemann, Birgit (2019): Ein „Jewish Place“ der Pflege: das Gumpertz’sche Siechenhaus in den Jahren 1888 bis 1906. In: Seemann, Birgit/ Bönisch, Edgar (Hrsg.): Das Gumpertz’sche Siechenhaus – Ein „Jewish Place“ in Frankfurt am Main. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel, S. 73 – 96.

Seemann, Birgit (2019): Stifterinnen, Bewohnerinnen und zwei Oberinnen – Frauengeschichte(n) rund um das Gumpertz’sche Siechenhaus in den Jahren 1907 – 1932. In: Seemann, Birgit/ Bönisch, Edgar (Hrsg.): Das Gumpertz’sche Siechenhaus – Ein „Jewish Place“ in Frankfurt am Main. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel, S. 97 – 133.

Steppe, Hilde (1997): „…den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre…“ – Zur Geschichte
der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt am Main: Mabuse.

Ulmer, Eva – Maria (2009): Der Beginn der beruflich ausgeübten Pflege im 19. Jahrhundert. Unter: https://www.juedische-pflegegeschichte.de/der-beginn-der-beruflich-ausgeuebten-pflege-im-19-jahrhundert/ [28.06.2020].

Bildquellen
Abbildung 1: Seemann, Birgit (2014): „Glück im Hause des Leids“ – Jüdische Pflegegeschichte am Beispiel des Gumpertz’schen Siechenhauses (1888 – 1941) in Frankfurt/ Main. Geschichte der Pflege 2/14, 3. Jahrgang, S. 40.

Abbildung 2: Seemann, Birgit (2014): „Glück im Hause des Leids“ – Jüdische Pflegegeschichte am Beispiel des Gumpertz’schen Siechenhauses (1888 – 1941) in Frankfurt/ Main. Geschichte der Pflege 2/14, 3. Jahrgang, S. 42.

Autor:in

  • markus

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen