Therapie und Sicherheit im Maßregelvollzug

27. Januar 2019 | Rezensionen | 0 Kommentare

Es ist ein doppelter Auftrag, den Menschen zu erfüllen haben, die im Maßregelvollzug arbeiten. Der Spannungsbogen der anspruchsvollen Tätigkeit reicht von der Therapie zur Sicherheit. Die Reihenfolge der Begriffe variiert je nach Kontext und kriminalpolitischer Ausrichtung, meint Saimeh. So wird es zu einer anspruchsvollen Expedition durch eine vielen fremde Welt.

Ein entscheidender Begriff bei den Betrachtungen ist der der Gefährlichkeit. Gerade psychiatrisch Pflegende spielen in der forensischen Psychiatrie eine wichtige Rolle. Harald Joachim Kolbe unterstreicht: „Ziel forensisch-psychiatrischer Pflege ist es nicht, Macht um der Macht willen auszuüben, sondern Patienten dazu anzuleiten, Einsicht und Veränderungsmotivation zu entwickeln und Verhaltensveränderungen zu erwirken“ (S. 103). Mit dieser Aussage gibt Kolbe letztendlich Hinweise, dass psychiatrisch Pflegende zum Beispiel eigene Verantwortungsfelder in der Milieuarbeit besetzen können. Dies wird deutlicher, wenn Kolbe schreibt, dass unter Berücksichtigung der Erkrankung, der Gefährlichkeit sowie der individuellen Probleme und Ressourcen der Patienten ein Klima geschaffen werden müsse, „in dem viele Patienten häufig zum ersten Mal erfahren können, Vertrauen zu anderen Menschen zu fassen“ (S. 104).

In einem vergleichbaren Sinne positioniert sich der Pflegewissenschaftler Michael Löhr. Löhr stellt „Safewards-Interventionen als Beispiel guter psychiatrischer Praxis“ vor. Safewards gehört nach Löhr zu den wenigen evidenzbasierten Modellen und Interventionen, „die zur nachweislichen Reduktion von Konflikten und eindämmenden Maßnahmen führen“ (S. 149). Das aus dem anglo-amerikanischen Raum kommende Instrument fördert nach Löhr den Selbstreflexionsprozess und das Teambuilding (S. 149). Löhr betont, dass Safewards das Potential hat „akutpsychiatrische Settings zu heilsameren Orten werden zu lassen“ (S. 149). Dies gilt gleichzeitig für das forensisch-psychiatrische Setting, dass Mitarbeitende in der Lage sind, „die Krisenherde, Konflikte und Eindämmungen positiv zu beeinflussen“ (S. 138).

Das Durcharbeiten der zahlreichen Beiträge zeigt auf, wie differenziert die Anwendung evidenzbasierter Methoden und Instrumente in der forensischen Psychiatrie inzwischen ist. Dass Therapie und Sicherheit dabei gemeinsam gedacht wird, zeichnet das Denken und Diskursieren dieses abwechslungsreichen Buchs ab. Sandra Möller-Emminghaus und Mirko Stellmacher stärken laufend die Seele. Sie stellen die Lauftherapie als Intervention vor. Lauftherapie sei eine Möglichkeit, psychisch erkrankte Menschen in der Überwindung ihrer Erkrankung zu unterstützen (S. 160).

Das Spannende an der Arbeit in der forensischen Psychiatrie ist gelegentlich die Einfachheit mancher Interventionen und gleichzeitig die Komplexität anderer Interventionen. Die Aufsätze des Saimeh-Buchs lassen dies immer wieder anklingen. Insofern versachlichen die Autorinnen und Autoren die Diskussionen um den Spannungsbogen von Therapie und Sicherheit.

Nahlah Saimeh (Hrsg.): Therapie und Sicherheit im Maßregelvollzug, Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin 2017, ISBN 978-3-95466-349-1, 298 Seiten, 34.95 Euro.

Autor:in

  • Christoph Mueller

    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at