Systemisches Fragen in der kollegialen Beratung

Der Einzelne als Symptomträger

Die kollegiale Beratung gilt als bewährte Methode, um Menschen in Unternehmen auf einen gemeinsamen Weg zu bringen. Natürlich gibt es ganz unterschiedliche Ausprägungen. Mit dem Buch „Systemisches Fragen in der kollegialen Beratung“ kommt eine bislang noch nicht beachtete Art und Weise in den Diskurs. Systemisch zu fragen bedeute eine „Reduktion im Sinne der Fokussierung“ (S. 9). Natürlich muss es eingeübt werden, systemisch zu fragen. Dazu gibt das Buch zahlreiche Anregungen. Dies führt gleichzeitig dazu, dass ein Reflecting Partner als Prozessbeobachter in die kollegiale Beratung eingeführt wird, die den Beratungsprozess begleiten und Feedback bezüglich des Fragens geben.

Die systemische Sicht auf Prozesse in Unternehmen macht Sinn. Denn es werde stets der „dynamische Gesamtzusammenhang“ (S. 14) gesehen. Gleichzeitig schreiben die Autoren: „Führung mit systemischen Fragen bedeutet, dass sich erfolgreiche Fach-und Führungskräfte endgültig von der Vorstellung verabschieden, alles selbst wissen und alles punktgenau selbst entscheiden zu müssen“ (S. 15).

Mit einem systemischen Verständnis kollegiale Beratung zu betreiben bedeutet im Grunde, einen Perspektivwechsel zu vollziehen. Sowohl Führungskräfte als auch Mitarbeitende neigen ganz menschlich dazu, sich als den Mittelpunkt des eigenen Wirkungskreises zu verstehen und die einzige wirkliche Wahrheit erarbeitet zu haben. Systemisches Denken setzt voraus, sich als Element einer komplexen Vernetztheit zu sehen. Im Zusammenhang mit der kollegialen Beratung kommen Antworten auf gestellte Fragen aus der Mitte des zusammenarbeitenden Teams.

Wer in therapeutischen Arbeitsfeldern tätig ist, der weiß um die Wichtigkeit eines Reflecting Partner. Im therapeutischen Kontext gibt es in der Gruppenarbeit stets die Rollen des Therapeuten und des Co-Therapeuten. So wundert es nicht, dass der Reflecting Partner nun auch in der kollegialen Beratung mitgedacht wird. Er fungiert als Berater der Berater, konzentriert sich auf die Interaktionen, die für den Moderator eines Beratungsprozesses eigentlich verlorengingen.

Das Buch ist sehr praxisorientiert. Es bietet Möglichkeiten an, wie systemisch gefragt werden kann. So hat derjenige, der sich in der kollegialen Beratung und im systemischen Fragen erproben will, viel Material, um es auf die individuelle Situation anpassen zu können. Viele Abbildungen und Schaubilder machen eingängig, welche Botschaften verinnerlicht werden sollten.

Wenn die Autoren schreiben, es müsse der einzelne Mensch innerhalb seiner Systeme betrachtet werden müsse und er in seinem Verhalten als Symptomträger wahrgenommen werden müsse, so sind Mitglieder eines Teams aufgefordert, sich als Teil eines großen Ganzen zu sehen. Der einzelne Handelnde bildet ab, wie das Unternehmen im Ganzen sich präsentiert. Dieses Bewusstsein ist schwer für viele Unternehmensakteurinnen und -akteure.

Das prozesshafte Denken der kollegialen Beratung sorgt für eine vermehrte Reflexion und eine größere Reflexionskompetenz. So unterstreichen die Autoren, dass kollegiale Beratung Wissensschätze hebt. Vieles wirkt so einfach beim Erarbeiten des Buchs. Wenn dies so wäre, dann sähe es in vielen Arbeitsteams deutlich besser aus. Dem Buch „Systemisches Fragen in der kollegialen Beratung“ ist eine zahlreiche Übertragung in viele Unternehmen zu wünschen.

Andreas Patrzek / Stefan Scholer: Systemisches Fragen in der kollegialen Beratung, Beltz Verlag, Weinheim 2018, ISBN 978-3-407-36661-0, 143 Seiten, 29.95 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 58 Artikel
psychiatrisch Pflegender, Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag), Fachautor

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen