Super (Hairy) Woman – Erfahrungsberichte im Zeitalter der Haarlosigkeit

Es gibt kaum ein Badezimmer, in dem nicht die Einmalrasierer an einer prominenten Stelle auf den Einsatz warten. Das Kopfhaar bleibt in den meisten Duschbädern unberührt. Jedoch haben sich viele andere Körperstellen zu einem Ort entwickelt, an dem das eigene ästhetische Verständnis mehr oder weniger ausgetobt wird. Anna C. Paul bezeichnet sich selbst als Körperhaaraktivistin und engagiert sich gegen die Stigmatisierung der Körperbehaarung.

Paul stellt fest: „Körperbehaarung bei Frauen* ist ein vielfach bewertetes, aber wenig diskutiertes Thema. Es wird dem Feminismus zugeschrieben, kommt in dem Zusammenhang aber nicht gut weg“ (S. 13). Mit dem Buch „Super(Hairy)Woman“ will sie ein Zeichen dagegen setzen, einen Diskurs anstoßen. Dazu hat sie vor allem Frauen eingeladen. Das Buch liest sich jedoch nicht als eine Kampfschrift oder als eine Anklage, das unmittelbar eine Erwiderung einfordert. Es regt an, lässt nachdenken, wie sich vielleicht die eine oder andere individuelle Haltung entwickelt hat.

Aus den eigenen Erfahrungen heraus konstatiert Paul, gelten Frauen, die Haare zeigten, als mutig, „müssen mutig sein, um die Kommentare und Blicke aushalten zu können“ (S. 18). Aus ihrer Sicht hat das Thema mehr Aufmerksamkeit verdient, „damit wir freier bei der Entscheidung werden, wie wir mit unserem Körper umgehen wollen, damit wir nicht einer Norm folgen, mit der wir aufwachsen, ohne sie zu hinterfragen und herauszufinden, ob sie überhaupt zu uns passt und uns guttut“ (S. 20).

Die Menschen, die sie bei einem öffentlichen Aufruf gefunden hat, schildern auf ganz persönliche Weise ihre Erfahrungen mit der Körperbehaarung. Es sind ganz unterschiedliche Textformate, die das Thema in das Scheinwerferlicht rücken. Sie sind manchmal etwas langatmig, in der Mehrheit sind sie kurzweilig bei der Lektüre. Und das Entscheidende: Sie sind eine Zeitanfrage.

In der Beschäftigung mit der Körperbehaarung geht es den Autorinnen und Autoren nicht bloß um die Intimrasur. Auch die Behaarung an anderen Körperstellen rückt in den Fokus. Dabei weckt manche Formulierung besondere Aufmerksamkeit. Die 24-jährige Siri schreibt, sicher nicht ohne Freude daran, auch Zähne zu zeigen: „Da brauchen wir nicht so zu tun, als bestünde „echte Weiblichkeit“ aus nackten Mumus. Wenn die nackt sein sollten, um begehrenswert zu sein, dann wären sie es auch. Es ist vollkommen absurd, dass wir Haare mit Männlichkeit verbinden, wo wir Frauen doch fast genauso behaart wären, wenn man uns mal lassen würde“ (S. 118).

Das Buch stellt den Zeitgenossinnen und Zeitgenossen nicht nur die Frage, ob Körperbehaarung die eine oder andere Frage nach der individuellen Ästhetik stellt. Paul lenkt die Leserinnen und Leser so, dass sie sich auf ganz natürliche Weise die Frage nach dem eigenen Geschlechterverständnis stellen. Es blitzt auch immer wieder auf, dass die Körperbehaarung der zeitgenössischen Menschen Moden unterworfen ist.

Paul regt an, „Stereotypen aufzubrechen, neue Bilder zu erschaffen und empathischer miteinander umzugehen“ (S. 209). Die Enthaarungsnorm sei eines der Symptome der strukturellen Ungleichbehandlung, ein Symptom patriarchaler Kontrolle und stereotyper Rollenbilder. Symptome zu bekämpfen, bekämpfe nicht die Ursache, „aber es schafft Platz und Bewusstsein und befreit im besten Fall das Individuum“ (S. 209).

Das Buch „Super(Hairy)Woman“ kommt nicht als Forderung vorbei, die Einmalrasierer aus dem Badezimmer unmittelbar in den Müll zu werfen. Nein, nein, es ermöglicht einen Ausflug in das Nachdenken über eine menschliche Praxis, die vielleicht nicht ganz so selbstverständlich sein muss.

 

9783955751586Anna C. Paul (Hrsg.): Super (Hairy) Woman – Erfahrungsberichte im Zeitalter der Haarlosigkeit, Ventil-Verlag, Mainz 2021, ISBN 978-3-95575-158-6, 221 Seiten, 20 Euro.

Autor:in

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    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at