„Studierende wollen nicht mit Patient:innen arbeiten, die wollen alle nur in die Führung“

(C) Svetlana Radayeva

„Studierende wollen nicht mit Patient:innen arbeiten. Die wollen nicht ans Bett (sic!), sondern direkt ins Management.“ Ich habe zu diesem Thema schon einmal einen Artikel vor einem Jahr publiziert (Link – Ausgabe 19). Leider hat sich in diesen 1 1/2 Jahren nicht wirklich viel verbessert. Junge Menschen, die in die Pflege wollen und studieren, werden weiterhin mit diesem Stigma behaftet. Dies ist verwunderlich, denn vergleicht man die Inhalte der alten Ausbildung mit dem Studium, so erkennt man die Ähnlichkeit und Praxisnähe. Dies war ein Grund für mich, die Studierenden an der eigenen FH, aber auch der anderen FHs einzuladen mir eine Frage zu beantworten.

768 Studierende folgten der Einladung: 682 Studierende gaben an, nach dem Studium mit Patient:innen/Klient:innen arbeiten zu wollen. 55 Studierende wollen irgendwann ins Management und 31 Studierenden haben vor in die Forschung zu gehen. Von diesen 31 Studierenden gab es Kritik an der Umfrage. Die meisten wünschen sich einen Arbeitsplatz, an dem sie mit Patient:innen arbeiten können UND sich weiterhin der Forschung widmen können. Dies wäre auch genau der Ort an dem die Pflegewissenschaft hingehört.

Zusätzlich kann ich weiterhin aus den Bewerbungsgesprächen der FH berichten, dass nahezu ALLE Bewerber:innen den Wunsch angeben, nach dem Studium mit Menschen arbeiten zu wollen. Ein Großteil der Bewerber:innen absolvierten bereits ein „freiwillig soziales Jahr“ oder fahren bei der Rettung, andere haben in ihrer Familie gepflegt. Keiner von diesen jungen Menschen würde auf die Idee kommen zu sagen: „Ich werde demnächst Pflegedirektor:in“.

Zeigt man diese Umfragewerte in den sozialen Medien kommen ziemlich schnell die Ansagen: „AHA 55 wollen ins Management. Ich hab’s doch gesagt. Sehr bedenklich.“ oder ein „Ich habe aber eine Studentin vor einigen Monaten/Jahren gehabt, die hatte sogar Gelnägel.“ Das hierbei 682 Angaben außer acht gelassen werden und man mit solchen Aussagen den jungen Nachwuchs diskreditiert, scheint nur wenig von Belang zu sein. Doch wie hätten die Leute in der Krankenpflegeschule bei einer solchen Umfrage abgeschnitten? Ich erinnere mich an meinen ersten Tag in der Krankenpflegeschule. In der Vorstellungsrunde gab eine Kollegin in meiner Sitzreihe an, sie will einmal Stationsleitung werden, eine andere gab als Grund für die Schule an „Ich möchte einen Arzt heiraten.“ Warum wurde hier nicht mit Meinungen in ein Eck gedrängt? Warum erleben über 80% der Studierenden mindestens 1x in ihrem Studium eine diskriminierende Situation in der Praxis? Können wir es uns leisten den Nachwuchs zu vergrämen?

Liegt es wirklich am Studium oder reagieren junge Menschen einfach nur anders als wir „vom alten Schlag“. Ja, die jungen Menschen fordern eine Freizeit ein und sind nicht mehr bereit bei allem „Ja und Amen“ zu sagen. Sie wünschen sich eine Zeit für private Belange und wollen hier oft nicht Vollzeit arbeiten. Sie suchen sich den Arbeitgeber mit den besten Arbeitsbedingungen und einem entsprechenden Gehalt. Aber seien wir uns einmal ehrlich. Sind es nicht genau die Dinge, die wir uns als Generation X (oder die Generation Baby Boomer) wünschen würden: ZEIT und ANERKENNUNG. Nennen wir es einfach mal beim Namen: Wir „Alten“ sind systemkonditioniert. Ja, die Jungen fordern das alles ein, stellen oft Sachen und Begebenheiten in Frage, die wir uns zwar denken, aber niemals aussprechen würden. Dies liegt aber nicht am Studium, sondern an der neuen Denkweise, die in unserem veralteten System keinen Platz mehr hat. Versuchen wir es also nicht auf den Studiumsnachwuchs zu schieben, sondern stellen wir uns reflektiert den wahren Problemen des Arbeitsmarktes, ohne der wertvollsten Ressource des Gesundheitswesens ihren Wert abzusprechen: Dem Nachwuchs, der uns eines Tages als Teamkolleg:in zur Seite steht oder uns eines Tages nachfolgen wird.

 

 

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)