„Stille schenkt Intensität“

(C) Егор Фомин

Es ist gar nicht so lange her, da spazierte ich mit einem Mann meines Alters entlang des Kölner Grüngürtels, der langjährige Erfahrungen mit depressiven Episoden hat. Auf die Frage, was für ihn in einer affektiven Krise das Wichtigste sei, antwortete er: „Das, was ich unbedingt brauche, ist Ruhe. Ruhe ist das Einzige, was mir hilft.“ Noch kürzer ist es her, dass ich während des Dienstes auf die Toilette musste. Als ich mich dort (räumlich mitten im Zentrum der Station) der Notdurft entledigte, hörte ich lautes Erzählen und unüberhörbares Rufen. Es waren nicht die Stimmen der Frauen und Männer, die zum Überleben in die psychiatrische Klinik gekommen waren. Es waren die Stimmen der Kolleginnen und Kollegen.

Die Beschreibungen der Szenen mögen fast lapidar erscheinen. In der Gegensätzlichkeit und Deutlichkeit haben sie für mich etwas Existentielles. Denn als ich die Toilette verließ, gingen mir einige Gedanken durch den Kopf: Was hätte in einem ruhigen Ton kommuniziert werden können? Was erreicht man durch ein lautes Miteinander-Sprechen im alltäglichen Wirrwarr? Ist uns eigentlich bewusst, wie leises oder lautes Sprechen bei den Menschen ankommt, die sich in der unmittelbaren sozialen Umgebung aufhalten?

Der zeitgenössische Philosoph Byung-Chul Han schreibt davon, dass Kommunikationslärm die Welt profanisiere und entweihe. Lärm sei ein akustischer und ein visueller Schmutz. Er vermülle die Aufmerksamkeit. Wörtlich: „Undinge schieben sich vor die Dinge und vermüllen sie“ (Han, 2021, S. 95). Es sind deutliche Worte, die nachdenklich machen. Nicht bloß dies. Es sind Worte, deutlich machen, dass auch in einem pflegerischen Alltag Perspektivwechsel sinnvoll sind.

Wer kennt nicht die Situation, dass Patient_innen mit lautem Rufen aufgefordert werden, an die Einnahme von Medikamenten zu denken? Wer kennt nicht die Situation, wenn Kolleg_innen durch laute Ansprache „ermuntert“ werden, ihre Arbeit zu machen – anstatt leidenden Menschen zuzuhören? Es ist sicher kein Phänomen, das nur auf einer psychiatrischen Station von Bedeutung ist. Leise Töne, die unausgesprochenen Worte zwischen den erzählten Geschichten sind nicht wahrzunehmen im Tohuwabohu der ständigen Erledigungen.

Seit jeher bin ich der Überzeugung, dass gerade zwischen Tür und Angel, auf der Treppe und auf dem Flur die wichtigsten Informationen zwischen helfenden und unterstützen Menschen ausgetauscht werden. In der Alltäglichkeit geschehen die eigentlichen Dinge. Aus der unmittelbaren Situation erwachsen Affekte, die zu den wirklich wichtigen Äußerungen führen. Deshalb sind vor allem die Gespräche wichtig, die beim Verbandswechsel oder der morgendlichen Hygiene geschehen. Dort kommen die Nöte und Sorgen der Menschen auf jeden Fall zur Sprache. Oder anders: Wenn die Verletzlichkeit des Menschen besonders spürbar ist, dann lässt sie oder er sich besonders in die Karten schauen.

Stille oder zumindest Zurückhaltung in der Dezibel-Stärke wirft den Menschen auf sich selbst zurück. Dort kann eine Konzentration auf wesentliche Fragen des Alltags und des Lebens stattfinden. Stille schafft vor allem dafür Raum, dass sich Menschen begegnen. Byung-Chul Han unterstreicht, dass die absolut stille Wahrnehmung einer fotografischen Aufnahme mit sehr langer Belichtungszeit gleiche. Stille gibt die Gelegenheit, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Stille schenkt Intensität. Doch gleichzeitig ist Stille eine Kraft. Wer schwach ist, äußert sich laut, um sich Stärke zu suggerieren. In der Stille steckt die ungeheure Aktivität der Passivität. Wer in sich Stärke spürt, kann auch still sein. Und aus der Stille schöpft der Starke Kraft, während der Schwache Stille als Bedrohung empfindet.

Dies sind sicher auch Erfahrungen, die der Zeitgenosse mit den depressiven Episoden in den Lebensphasen macht, die er als Krisen erlebt. Dies sind aber auch Erlebnisse, die auf dem Abort gemacht werden. In Hektik und mit Krach lässt es sich nicht erleichtern. Die leidenden Menschen wissen ein Lied davon zu singen.

 

Das Buch, um das es geht

Byung-Chul Han: Undinge – Umbrüche der Lebenswelt, Ullstein-Verlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-550-20125-7, 125 Seiten, 22 Euro.

 

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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