„Stellt euch vor, der geliebte Mensch hätte einen Infarkt oder Magendurchbruch …“

Der Kabarettist und Theologe Willibert Pauels im Gespräch mit Christoph Müller

In der Karnevalszeit tauschte er viele Jahre die Kanzel in der Kirche mit der Bühne im Kölner Gürzenich oder in der Düsseldorfer Stadthalle. Die rote Clown-Nase setzte er sich auf – statt der Stola über die Schulter. Plötzlich war für den katholischen Diakon und studierten Theologen Willibert Pauels damit vorbei. Eine schwere depressive Erkrankung ließ ihn die Flucht in eine psychiatrische Klinik antreten. In seinem Buch „Wenn dir das Lachen vergeht“ erzählt Pauels von seiner „Eiszeit der Seele“. Druckfrisch liegt nun das Buch „Lachen, Leiden, Lust am Leben“ vor, in dem er über die befreiende Kraft der Religion berichtet. Mit Christoph Müller hat Willibert Pauels einmal mehr über seine seelische Erkrankung, vor allem aber auch die Rolle des sozialen Umfelds gesprochen. Es macht deutlich, wie wichtig das trialogische Miteinander ist – von Betroffenen, Angehörigen und professionell Tätigen.

Christoph Müller Quasi von jetzt auf gleich bist Du von der Karnevals-und Kabarettbühne verschwunden, als Deine depressive Erkrankung Anlass für einen Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik gewesen ist. Für viele Menschen, die Dich kennen und schätzen, ist dies ein Schock gewesen. Was hat das Fass zum Überlaufen gebracht?

WP Da war nichts Konkretes. Meine Seele hat einfach die Reißleine gezogen. Gott sei Dank, sonst wäre ich nicht in der großartigen psychiatrischen Klinik gelandet, die für mich wie eine rettende Insel war.

CM Der Chefredakteur der „Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln“, Robert Boecker, hat in einer Rezension geschrieben: „Wer jetzt denkt, aus diesem Buch würden die Tränen der Trübsal in Strömen fließen, der kennt Pauels nicht. Es ist die Aufarbeitung seiner eigenen Lebensgeschichte, die mal witzig, mal berührend, mal ernst … erzählt wird“. War es dann eigentlich doch nicht so schlimm?

WP Die Phase der Depression war, wie bei allen Betroffenen, sehr schlimm. Als es aber zur Niederschrift des Buches kam, war diese Phase ja dank der guten Behandlung vorbei. Ich konnte das Buch aus einer ganz anderen Stimmung heraus schreiben.

CM Sowohl im Buch, als auch bei persönlichen Begegnungen wird immer wieder deutlich, wie wichtig Deine Familie über die Jahre hinweg gewesen sein muss, Deine depressive Erkrankung mit zu(er)tragen. Welche Rolle haben Deine Frau, Deine Tochter und vielleicht auch andere Menschen gespielt?

WP Auch dies konnte ich erst beurteilen und würdigen, als ich aus dem Höllenloch der akuten Depression heraus war. Martin Luther beschreibt seine Depressionen treffend als „Satans Bad“. Es ist in der Tat so, als hätte ein Dämon Dich unter Wasser gedrückt. Wir kennen das Phänomen, wenn man im Hallenbad unter Wasser taucht und jemand am Beckenrand ruft dir etwas zu. Du kannst ihn nur undeutlich-wenn überhaupt-verstehen. So ist es auch in der Phase einer schweren Depression. Der gute Zuspruch Deiner Familie und Freunde dringt gar nicht zu Dir durch.

CM Ich erinnere eine Erzählung, dass Du nachts im Badezimmer gehockt hast und vor lauter Verzweiflung Deinen Kopf vor die Wand hauen wolltest. Deine Tochter habe diese Szene miterlebt, hast Du berichtet. Hast Du damals Schuld oder Scham gegenüber Deiner Tochter empfunden?

WP Wie gesagt, Du bist in solch einer Situation so außer Dir und gleichzeitig eingesperrt in einer Panikblase, so dass Du Deine Umwelt gar nicht wahrnimmst.

„Ihr könnt mit all eurer Liebe nur begleiten“

CM Was glaubst Du, hat Deiner Frau Kraft gegeben, um in vielen Jahren Deine Erkrankung als Alltag anzunehmen?

WP Der Satz: „In guten und in schlechten Tagen“.

CM In den schlimmsten Zeiten Deiner depressiven Episoden bist Du oft dem schwarzen Hund begegnet, der Dich immer wieder angesprungen hat und nicht von der Seite weichen wollte. Was willst Du Angehörigen psychisch erkrankter Menschen auf den Weg geben, damit sie den leidenden Menschen an der Seite bleiben?

WP Setzt all eure Energie ein, damit sich der geliebte Mensch in professionelle Behandlung gibt. Erkundet, was eine gute Psychiatrie ist. Es gibt leider immer noch Einrichtungen, die mit veralteten Methoden wie mehr oder weniger ausschließlichem „Ruhigstellen“ arbeiten. Stellt euch vor, der geliebte Mensch hätte einen Infarkt oder Magendurchbruch. Dann ist es selbstverständlich, so schnell wie möglich in eine Klinik zu gehen. So ist es auch bei einer schweren Depression. Ihr könnt mit all eurer Liebe nur begleiten –nicht heilen. Genauso wenig wie ein Magendurchbruch durch Liebe heilbar ist.

CM Inwieweit hat denn das Verlassen der Karnevals-und Kabarettbühne sowie der damit wiederkommende Eintritt in den kirchlichen Dienst Dein Leben verändert?

WP Der enorme Druck ist weg. Und damit sind die besten äußerlichen Umstände gegeben, die Veranlagung zur Depression einzuhegen.

CM Im Buch „Wenn Dir das Lachen vergeht“ schreibst Du über die Depression als Stoffwechselstörung. Ist diese Erkenntnis auch für Deine Angehörigen ein Moment der Entlastung gewesen?

WP Ja.

CM Bald 20 Jahre bist Du hauptberuflich auf der Bühne gewesen. War die Zeit als „bergischer Jung“ auch Ablenkung von den Leiden Deiner Seele? War die Heiterkeit auch ein Impuls, um sich von der Traurigkeit zu befreien?

WP Nein, die Heiterkeit ist nur echt, wenn sie nicht Zweck ist.

CM Im Karneval geht die Welt des Heiligen mit der Welt des Profanen ein Bündnis ein. Dies hast Du immer wieder laut gesagt. Was macht das Bündnis zwischen Lachen und gesunder Realität aus?

WP Beides: heilen und trösten.

„Bei Krankheit hilft der Arzt, nicht der Pastor“

CM Dein Buch „Lachen, Leiden, Lust am Leben“ erzählt über die befreiende Kraft des Glaubens. Du gehst so weit, dass Du den Glauben als Befreier aus dem Gefängnis beschreibst. Wie befreit der Glaube aus emotionalen Gefängnissen?

WP Wenn die Traurigkeit pathologisch ist, dann hilft der Glaube nicht. Er kann sogar den Zwang zum Grübeln verstärken. Bei einer Krankheit hilft der Arzt und nicht der Pastor.

CM In Anlehnung an Papst Benedikt XVI. bist Du überzeugt, dass Liturgie das Mysterium zum Leuchten bringen müsse. Macht das Lachen etwas Geheimnisvolles beim Menschen offenbar?

WP Es kommt drauf an was das Lachen ausgelöst hat. Es gibt ja auch hämisches und zynisches Lachen. Also Lachen als Ausdruck des Bösen. Wenn das Lachen aber befreiend ist und  die erlösende  Empfindung ausdrückt über wirklich allem stehen zu können. Über den Sorgen, Ängsten, alltäglichen Mühen, ja sogar über dem Meister der Angst, nämlich dem Tod, dann ist das Lachen die Zwillingsschwester der gesunden Religion.

CM Herzlichen Dank für das Gespräch, lieber Willibert.

Am Ende eine jedes Auftritts hat der „bergische Jung“ immer Folgendes gesagt. Wenn er mit seinen Büchern auf der Bühne ist, führt er diese Tradition fort.

Pater Braun wusste schon,

Humor ist Teil der Religion.

Nur innere Freiheit von allen Sachen

befähigt uns, sie zu belachen.

Der Rheinländer hätt dat längst im Blut.

Und säht: De Hauptsach is, et Hätz is jut.

Im Garten des Lebens ist Humor der beste Dung.

Das wünscht Euch – der bergische Jung.

 

Das wünsche ich uns allen:

Dass unsere Dunkelheit nicht lähmt,

dass unsere Nächte hell und heil werden

und dass unser Vertrauen stärker ist

als unsere Angst.

Ich wünsche uns die Perspektive eines Pater Brown,

dass wir über den Dingen stehen können,

ohne oberflächlich zu sein,

eine Perspektive, die unsere Seelen berührt

und öffnet zur Freude!

Bibliographische Angaben

Willibert Pauels: Lachen, Leiden, Lust am Leben – Die befreiende Kraft der Religion, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2018, ISBN 978-3-579-08719-1, 221 Seiten, 20 Euro.

Willibert Pauels: Wenn dir das Lachen vergeht – Wie ich meine Depressionen überwunden habe, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2015, ISBN 978-3-579-07092-6, 254 Seiten, 20 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 9 Artikel
psychiatrisch Pflegender, Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag), Fachautor

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