„Sprachliche Sensibilität ist wichtig“

Der Stigma-Forscher Nicolas Rüsch im Gespräch mit Christoph Müller

(C) Andrea. Danti

Für seelisch erkrankte Menschen gehört es zum Alltag, Ablehnung zu erfahren oder gar Stereotypen zu begegnen. Viele Initiativen engagieren sich gegen diese Erfahrungen. Mit dem Stigma-Forscher Nicolas Rüsch spricht Christoph Müller über Ursachen und Hintergründe.

Christoph Müller Die Stigmatisierung seelisch erkrankter Menschen ist für Sie, Herr Professor Rüsch, ein bestimmendes Thema Ihres beruflichen Wirkens. Woher kommt die Motivation, die systematische Benachteiligung Betroffener so konsequent unter die Lupe zu nehmen?

Nicolas Rüsch Mir wurde in meinen 20 Jahren Arbeit in der Psychiatrie immer klarer, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen zwei Probleme haben. Sie müssen nicht nur mit den Symptomen ihrer Erkrankung zurechtkommen, sondern auch mit der Etikettierung als „psychisch krank“ und der daraus häufig folgenden Diskriminierung, z.B. im sozialen Umfeld oder am Arbeitsplatz. Das ist soziales Unrecht – und oft eine Bürde, die schwerer wiegt als die Erkrankung selbst. Unser Gesundheitssystem hat, zum Glück, einige Antworten auf den Umgang mit Symptomen, doch kann oft herzlich wenig helfen beim Umgang mit Stigma und den sozialen Folgen psychischer Erkrankungen. Das ist ein Problem – weil alle schwereren psychischen Erkrankungen vielfache soziale Folgen haben.

Christoph Müller Stigmatisierung zeigt sich ja nicht in großen Linien, sondern vielmehr in kleinen, scheinbar alltäglichen Zeichen. Sie sprechen sich für eine sprachliche Sensibilität aus. Was ist das Verräterische an Sprache mit dem Blick auf die Stigmatisierung? Was meinen Sie konkret mit Sensibilität?

Nicolas Rüsch Ich würde ergänzen, dass Stigma ein vielgestaltiges Wesen ist. Es zeigt sich schon auch in großen Linien, unter anderem in Regeln und Abläufen in der Gesellschaft, die Betroffene systematisch benachteiligen. Ein Beispiel war der Ausschluss vieler Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen, die umfassend gesetzlich betreut waren, vom Wahlrecht in Deutschland. Bis zu einem Urteil des Bundesverfassungsgericht 2019 durften sie nicht wählen, gleiches galt für viele Menschen in der Forensischen Psychiatrie. Solche sog. strukturelle Diskriminierung betrifft sehr viele und hält sich über Jahrzehnte: „Die Regeln sind einfach so“.

Sprachliche Sensibilität ist wichtig, weil Sprache bestimmt, wie wir über uns und andere nachdenken. Wenn ich „den Schizophrenen auf Zimmer 20“ behandle, werde ich anders mit ihm umgehen, als wenn ich mit Herrn Maier spreche, der Gartenbauer ist, Frau und Kinder hat und eine Schizophrenie. Dieser Grundsatz, nämlich die Person zuerst zu nennen (Herr Maier mit …) und sie nicht als Diagnoseträger (Der So-und-so-Kranke) zu bezeichen, scheint mir sinnvoll. Man kann sich aber im Kampf um Worte auch verzetteln. Ich erzähle im Buch eine Situation, in der ich mit einem Psychiatrie-Erfahrenen über Antistigma-Initiativen ins Gespräch kommen wollte. Das Gespräch endete früh, denn er sagte mir: „Es gibt keine psychischen Erkrankungen, daher gibt es auch kein Stigma psychischer Erkrankung.“ Natürlich kann jeder das Wort wählen, das ihm passt: Erkrankung, Krise usw. Doch mir erscheint solche Rechthaberei wie in jener Diskussion nicht hilfreich, denn der Streit um Worte verringert Stigma nicht. Diskriminierung ist ein reales Problem, was Arbeitswelt, Gesundheitssystem, soziale Isolation angeht. Diese Probleme müssen wir angehen – nicht um Worte zanken.

Christoph Müller Sie betonen, dass Stigma Ergebnis gesellschaftlicher Haltungen ist. In der psychiatrischen Versorgung sehen wir, dass Stigma auch Konsequenz individueller Haltungen ist. Wie müssen sich aus Ihrer Sicht psychiatrisch Tätige verändern, damit sich im psychiatrischen Alltag mehr Miteinander statt Gegeneinander von Betroffenen, An-und Zugehörigen sowie psychiatrisch Tätigen verwirklichen lässt?

Nicolas Rüsch Stigma beruht auf einer sozialen Zuschreibung von negativen Eigenschaften zu einer Gruppe („Psychisch Kranke sind unberechenbar!“), die Einzelne übernehmen können. Psychiatrisch Tätige können sich klar machen, dass alle – sie selbst und ihre Patienten – auf dem Kontinuum zwischen voller seelischer Ausgeglichenheit und schwerer Krise – unterwegs sind. Patienten sind nicht grundsätzlich „anders“. Mir persönlich hilft es, Menschen im Home Treatment in ihrem häuslichen Umfeld zu sehen. Das gerät in der Klinik manchmal aus den Augen. Für Profis ist nicht-klinischer Kontakt mit Betroffenen auf Augenhöhe hilfreich, wie er etwa in Trialog-Veranstaltungen oder seit kurzer Zeit in Recovery Colleges stattfinden kann.

Christoph Müller Sie werfen einen Blick auf die Geheimhaltung einer stigmatisierten Identität. Dies kostet den Betroffenen ungeheuer viel Kraft. Welchen Nutzen hat ein solches Verhalten, damit sich der Aufwand lohnt? Wäre es nicht sinnvoller, sich im persönlichen Umfeld zu öffnen?

Nicolas Rüsch Anders als etwa Mitglieder ethnischer Minderheiten stehen Menschen mit psychischer Erkrankung vor dem Dilemma, ob und was sie anderen sagen. Denn man sieht ihnen außerhalb akuter Krisen ihre Erkrankung meist nicht an. Geheimhaltung kann vor Etikettierung und Diskriminierung schützen; sie kann aber auch in soziale Isolation führen und, wie Sie sagen, enorm belastend sein: Man kann nicht authentisch sein, wie man ist; man fürchtet ständig, daß es herauskommt usw.  Umgekehrt birgt die Offenlegung der eigenen Erkrankung das Risiko, von anderen abgestempelt und diskriminiert zu werden; doch wenn ich anderen von meiner Erkrankung erzähle, kann ich auch auf Anteilnahme und Unterstützung treffen (und andere mögen sich auch öffnen: „Ach, weißt Du, ich habe auch / meine Frau hat auch …“).

Offenlegungsentscheidungen sind also komplex und hängen vom Umfeld ab. Ob ich etwas am Arbeitsplatz ist etwas anderes, als wenn ich es in meiner Volleyballmannschaft erzähle. Die Entscheidung ist auch sehr persönlich: Mancher ist durch Geheimhaltung belastet und möchte unbedingt offen sein, eine andere nicht. Ich hüte mich daher davor, Betroffenen Ratschläge zu erteilen, ob oder ob nicht sie ihre Erkrankung offenlegen sollen. Ich versuche eher, gemeinsam Vor- und Nachteile von (Nicht-)Offenlegung abzuwägen für bestimmte Situationen. Geheimhaltung kann dabei eine gute und vorsichtige Strategie sein. Man stelle sich nur einen Arbeitsumfeld vor mit Kollegen die sagen, sie wollten nie mit einem, der „in der Klapse“ war, zusammenarbeiten.

Christoph Müller Natürlich nutzen Sie die Gelegenheit, das Edukationsprogramm „In Würde zu sich stehen“ (IWS) vorzustellen, dessen Ziel der Abbau von Stigmatisierung ist. Was zeichnet diesen Ansatz aus?

Nicolas Rüsch Wie eben erwähnt, sind Offenlegungsentscheidungen komplex. Das IWS-Programm wird von Peers, also Menschen mit eigener Erfahrung psychischer Erkrankung, geleitet. Es bietet Unterstützung bei diesen Entscheidungen für oder gegen Offenlegung in verschiedenen Situationen. IWS-Teilnehmer wägen die Vor- und Nachteile von Offenlegung ab; sie lernen verschiedene Stufen von Offenlegung kennen, von völliger Geheimhaltung bis zur aktiven Verbreitung der eigenen Erfahrung; und sie entwickeln eine Möglichkeit, ihre eigene Geschichte zu erzählen, wenn sie das möchten – und zwar je nach Adressat das zu erzählen, was sie erzählen möchten. Es ist nicht das Ziel von IWS, Teilnehmer zur Offenlegung zu drängen, sondern ihnen eine wohlüberlegte, selbstbewußte Entscheidung zu ermöglichen, die nicht von Selbststigma und Scham bestimmt ist. Studien zeigen, dass IWS die Belastung durch Stigma abbaut und Selbststigma verringert. Es ist daher ein guter Ansatz, Betroffene bei der Stigma-Bewältigung zu unterstützen.

Christoph Müller Menschen, die von einer seelischen Erkrankung betroffen sind, stigmatisieren sich oft selbst. Was können die Frauen und Männer machen, um dies von vornherein zu verhindern?

Nicolas Rüsch Selbststigma heißt, dass ich öffentlichen Vorurteilen zustimme und sie gegen mich wende („Weil ich psychisch krank bin, muß ich dumm sein“). Darunter leidet mein Selbstwertgefühl, ich schäme mich meiner Erkrankung, ziehe mich zurück, gebe meine Lebensziele auf und kann Hilfesuche vermeiden. Betroffene können Selbststigma abbauen, indem sie die Vorurteile als falsch und unfair ablehnen. Sie können sich gegen Selbststigma wappnen z.B. durch Arbeit im Selbsthilfebereich (auch IWS ist durch die Peer-Leitung eine Art manualisierte Selbsthilfegruppe). Sie können sich klar machen, dass sie eine Person mit vielen Eigenschaften und Rollen sind, von denen ihre Erkrankung nur ein kleiner Teil ist, weshalb die pauschale Abwertung ihrer eigenen Person falsch ist.

Christoph Müller Sie träumen sicher von einer Psychiatrie bzw. einer Welt ohne Stigmatisierung. Wie würde die Welt der psychiatrischen Versorgung dann aus Ihrer Sicht aussehen?

Nicolas Rüsch Dass Stigma ganz verschwindet, wage ich nicht zu träumen. Eher von einer Gesellschaft, in der Menschen viel weniger als heute durch Furcht vor Stigma oder durch Scham von Hilfesuche abgeschreckt werden, in ihren sozialen Kontakten und in der Arbeitswelt nicht mehr eingeschränkt und in den Medien nicht mehr durch Zerrbilder behelligt werden; in der sie nicht als defekt und fremd, sondern als Bereicherung empfunden werden.

Christoph Müller Ganz herzlichen Dank für die Einsichten.

 

Das Buch, um das es geht

Nicolas Rüsch: Das Stigma psychischer Erkrankung – Strategien gegen Ausgrenzung und Diskriminierung, Verlag Urban & Fischer, München 2021, ISBN 978-3-437-23520-7, 332 Seiten, 29 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 274 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen