Sprache formt das Denken

Was Sprache über das Selbstbewusstsein Pflegender spiegelt

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Christophs Pflege-Café

Kaffeehäuser sind Orte der Tradition. Doch nicht nur dies. In den Kaffeehäusern begegnen sich in einer angenehmen Atmosphäre Menschen. Sie trinken schmackhaften Tee oder leckeren Kaffee miteinander. Sie genießen die eine oder andere Torte. Vor allem teilen die Menschen, wenn sie an den gemütlichen Tischen sitzen, Geschichten miteinander aus. Sie beobachten andere Menschen, weinen und lachen vor allem miteinander.

Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender und Mitglied des Teams der Zeitschrift „Pflege Professionell“, greift diese Historie auf. Er spricht mit Menschen, die als Pflegende oder anders psychosozial Tätige Spannendes zu erzählen haben, Innovatives entwickelt haben oder Bemerkenswertes geleistet haben. Er ordnet Alltägliches oder Außerordentliches, was im pflegerischen Handlungsfeld geschieht, auf humorvolle und kritische Weise ein.

So lassen Sie sich in das „Christophs Pflege-Café“ einladen. Christoph wird Sie mit seinen Interviews oder seinen kritischen Blick sensibilisieren, aufwecken oder vielleicht auch einfach unterhalten. Viel Vergnügen!

Kennen Sie die Situation aus eigener Erfahrung? Sie lernen eine neue Patientin oder einen neuen Patienten kennen. „Ich bin Schwester Luisa. Heute bin ich für Sie verantwortlich“, stellen Sie sich höflich vor. Es wird nicht nur von Ihnen erwartet, Sie erwarten es auch von sich selbst. So weit, so gut. Wieso stellen Sie sich eigentlich nicht mit dem Vor-und dem Familiennamen vor? Mit dem bürgerlichen Namen heißen Sie Luisa Huber. Dieser Name drückt Ihre persönliche Identität aus. Dieser Name gehört zu Ihrem Selbstverständnis. Dies ist gut so.

Sich als Schwester oder als Pfleger im Wohnheim oder im Krankenhaus rufen zu lassen, dies gehört gleichfalls zum Selbstverständnis. Für mich ist es ein Selbstverständnis, an dem es sich noch zu arbeiten lohnt. Denn mit der traditionellen Kennzeichnung als Schwester und Pfleger sind althergebrachte Rollen und Rollenerwartungen verbunden. Sie sind historisch zu begründen, aber nicht mehr unbedingt zeitgemäß.

In früheren Zeiten haben Krankenschwestern und Krankenpfleger bald rund um die Uhr ihren aufopferungsvollen Dienst getan. Der Patient stand im Fokus der pflegerischen Arbeit. Diese Selbsthingabe ging bei vielen Menschen so weit, dass sie ihre Erfüllung in einer Ordensgemeinschaft gesucht und gefunden haben. Es ist in vielen Krankenhäusern vergangener Jahrzehnte üblich gewesen, dass die Bediensteten in dem Haus wohnten, in dem sie auch arbeiteten. Die Spitze des Eisbergs ist es sicherlich gewesen, dass sich Krankenschwestern beim Chefarzt das Einverständnis zur Heirat holen mussten.

Nach einer eigenen Erfahrung vor kurzem bin ich nochmals nachdenklich geworden. Eine junge Assistenzärztin spricht mich an, ob ich nicht zur „Pflege“ gehöre. Mit Verwunderung stelle ich die Frage nach dem Wieso. Sie antwortet unmittelbar: „Ja, auf der Visitenliste steht doch Herr Müller und nicht Pfleger Christoph.“ Mein Erstaunen bleibt. Ich antworte nüchtern: „Seit 1990 arbeite ich als psychiatrisch Pflegender. Seit 1998 bin ich examiniert.“ Ein zurückhaltendes „Aha“ schallt mir entgegen. Es klingt so selbstverständlich, wenn nicht-pflegerische Kolleginnen und Kollegen untergebrachte Menschen auffordern: „Gehen Sie doch einmal zur Schwester oder zum Pfleger und klären dies dort. Die Pflege hilft Ihnen auf jeden Fall.“

Welches Gefühl haben Sie in diesem Moment? Irgendwie habe ich das Gefühl, eine Sache zu sein. Es wird davon ausgegangen, dass Pflegende einem Roboter gleich Dienstleistungen erbringen, für die sich Mediziner und Psychotherapeuten, Sozialarbeiter und Ergotherapeuten nicht zuständig fühlen.

„Schwester Luisa“ oder „Pfleger Georg“ erscheinen als gängige Anspracheformen professionell Pflegender. Dies ruft Erwartungen und Empfindungen wach, die aus der Geschichte der pflegenden Berufe erwachsen sind. Die Schwester und der Pfleger opfern sich in der Fürsorge für den Nächsten auf. Noch viel schlimmer: die Person Luisa Huber verschwindet hinter dieser kollektivistischen Ansprache.

Ganz schlimm wird es, wenn ich den Begriff Pflegekraft höre. Kraft ist ein grundlegender Begriff in der Physik. „Kräfte sind zum Beispiel erforderlich, um Arbeit zu verrichten, wobei sich die Energie eines Körpers oder eines physikalischen Systems ändert“, heißt es unter anderem auf Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Kraft (Zugriff am27. März 2019)). Ich kann mich nun entscheiden, ob ich vernünftig darauf reagiere und zu argumentieren beginne, dass mein berufliches Handeln nichts mit physikalischen Begrifflichkeiten zu tun hat. Ich kann natürlich auch emotional antworten und einfordern, dass mein professionelles Selbstverständnis und Handeln nichts mit physikalischen Größen zu tun hat. Egal, wofür ich mich entscheide, ich werde auf Unverständnis stoßen, mich möglicherweise zum Gespött der sozialen Umgebung machen.

Nun kommt der Moment der Kapitulation, oder? Natürlich nicht. Ich neige dazu, paradox auf diese Sprachverwirrung zu reagieren. Ich kann mir eine rote Nase aufsetzen – virtuell oder real -, die Situation ad absurdum führen. So kann ich in der einen oder anderen Situation bei den Medizinern und Psychotherapeuten, den Sozialarbeitern und Ergotherapeuten für einen Moment der Irritation sorgen.

Als mich ein untergebrachter Mensch auf der allgemeinpsychiatrischen Akutstation auf einen Sachverhalt ansprach, den ich nicht lösen konnte, und ich eine ärztliche Kollegin in räumlicher Nähe erblickte, antwortete ich: „Da kann ich Ihnen jetzt nicht weiterhelfen. Dies sollten Sie unbedingt mit dem ärztlichen Körper klären.“ Mit großen Augen schaute mich die Medizinerin an, ging in den Klärungsprozess mit dem Patienten. Als die Situation geklärt war, fragte mich die ärztliche Kollegin: „Wieso hast Du eigentlich nicht meinen Familiennamen genannt?“ Eine bessere Grundlage zum Gespräch über das interprofessionelle Miteinander konnte ich nicht haben.

Wie sieht es bei Ihnen mit der Nachdenklichkeit aus? Eigene Erfahrungen haben den Umgang mit der beruflichen Rolle, mit den Erwartungen (vor allem den unausgesprochenen) und dem Pflegen eines Selbstbewusstseins verändert. Probieren Sie es doch auch einmal, einen anderen Weg zu nehmen.

„Wenn Sprache Wirklichkeit formt, dann schafft reduzierende Sprache eine reduzierte Realität. Kleine Änderungen in der Formulierung rufen mit der Zeit Änderungen im Selbstverständnis hervor. Aus Gedankenmustern entstehen allmählich Überzeugungen. Das was wir denken, wird irgendwann zu unserem Charakter. Diesem Kreislauf sind wir allerdings nicht ausgeliefert. Wir können ihn gestalten.“ (Joachim Hilbert)

https://leben-ohne-limit.com/2290/sprache-schafft-bewusstsein/ (Zugriff am 27. März 2019)

 

Autor:in

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    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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