Somatische Pflege in der psychiatrischen Arbeit

„Sinnvoller Beitrag zur Sicherstellung der somatischen Gesundheit“

Ist es vorstellbar, dass Pflegende oder Medizinerinnen in der psychiatrischen Versorgung die körperliche Gesundheit vernachlässigen? Offen würde es niemand zugeben. Die Praxis in der ambulanten und stationären psychiatrischen Versorgung zeigt jedoch, dass der Fokus dann doch anders als erwartet ausgerichtet wird. So ist den Pflegefachleuten Thomas Schwarze, Regine Steinauer und Simone Beeri zu danken. Sie wollen einen „sinnvollen Beitrag zur Sicherstellung der somatischen Gesundheit der Betroffenen leisten“ (S. 13).

Natürlich ist es gerade in der Begegnung mit seelisch erkrankten Menschen schwierig, die Betroffenen von der Wichtigkeit der seelischen Gesundheit zu überzeugen. So setzen sich Schwarze, Steinauer und Beeri auch mit aktiver Beziehungsgestaltung und Kooperation auseinander. Eine gute Beziehung sei die Voraussetzung für die Wirkung jeglicher Intervention und trage fundamental zur Gesundung bei (S. 120). Sie ermuntern, die Betroffenen sollten kontinuierlich sensibilisiert werden, „dass körperliche Erkrankungen bei psychischen Störungen häufig vorkommen und einer gleichberechtigten Behandlung, Betreuung und Pflege bedürfen“ (S. 122).

Dabei betonen Schwarze, Steinauer und Beeri den Begriff des Selbstmanagements. Da wird es natürlich schwierig für die psychiatrischen Praktikerinnen und Praktiker. Denn einem seelisch erkrankten Menschen fällt es in der Regel schwer, den Lebensstil in einer Weise anzupassen, dass die eigene körperliche Gesundheit ebenso im Blick ist.

Die Autorinnen und der Autor sorgen für Pflegende und Medizinerinnen für den zügigen Überblick. Sie können quasi in der Arbeit vor Ort schnell in das Buch schauen und haben somit einen Reminder zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Erkrankungen der Lunge, zu endokrinologischen und Stoffwechselerkrankungen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die „medikamenteninduzierten Problemstellungen“.

Besonders für seelisch erkrankte Menschen ist bei langjähriger Einnahme von Psychopharmaka die Gewichtszunahme ein drängendes Problem. Menschen mit einer seelischen Erkrankung wiesen ein erhöhtes Risiko für Übergewicht und Adipositas auf (S. 88). Beispielsweise komme es durch die Negativsymptomatik zu Symptomen wie Apathie und Bewegungsarmut (S. 88). Dies berge die Gefahr in sich, dass die Bereitschaft, sich an der Behandlung zu beteiligen, sich deutlich verringere (S. 89).

Gleichzeitig nehmen Schwarze, Steinauer und Beeri Medikamenteninteraktionen unter die Lupe. Was selbst Medizinerinnen und Pharmakologinnen nicht zwingend bewusst ist, wird in dem Buch anschaulich dargestellt. Dabei erläutern sie auch, dass Medikamente mit bestimmten Nahrungs-und Genussmitteln Interaktionen haben. Da erscheint es spannend, sich mit Schwarze, Steinauer und Beeri auf den Weg zu machen.

In der psychiatrischen Arbeit werden somatische Aspekte oft eher vergessen. In der somatischen Versorgung fällt es Praktikerinnen und Praktikern schwer, mit seelischen Ausnahmezuständen zurechtzukommen. Daher ist es zu hoffen, dass sich die Autorinnen und der Autor auch dort auf den Weg machen – um der Menschen willen.

Thomas Schwarze / Regine Steinauer / Simone Beeri: Somatische Pflege in der psychiatrischen Arbeit, Psychiatrie-Verlag, Köln 2019, ISBN 978-3-88414-697-2, 159 Seiten, 20 Euro.

Christoph Mueller
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Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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