Sollvorstellungen von Heilslehren verlassen

In den pflegerischen Berufen ist es eher selten, dass sich jemand Gedanken über die innere Haltung macht. Häufig werden Ideen zur inneren Haltung in den Bereich der Pflegetheorien zurückgedrängt. Mit dem vorliegenden Buch „Caring – Pflicht oder Kür?“ wird das Gegenteil gemacht. Aus der „fürsorglichen Pflegepraxis“ wird ein Mehrwert produziert. Der Pflegewissenschaftler Wilfried Schnepp wirkt geradezu kämpferisch, als er pflegerisches Handeln auf ein breiteres Fundament stellen will: „Wenn Caring als „sorgen, pflegen, helfen, kümmern“ verstanden werden kann, dann ist Caring Kernstück unseres beruflichen Handelns und somit unverzichtbarer Gegenstand der Pflegewissenschaft und zwar auf allen Ebenen, der Praxis, der Forschung und der Theoriebildung. Wir müssen verstehen, wann Kranke sagen, dass sie gut gepflegt wurden, dass man sich gut um sie gesorgt hat und wir müssen verstehen, wann dies nicht der Fall ist“ (S. 81).

Pflegenden ist diese Haltung fremd, sich des eigenen professionellen Handelns zu vergewissern. Deshalb sind kleine Bände im besten Sinne notwendig, die sich mit der Konkretisierung einzelner Begriffe beschäftigen. Pflegenden aus sämtlichen Versorgungsbereichen bekommen so die Gelegenheit, diese Termini auf die eigenen Handlungsfelder hin zu überprüfen. Helen Kohlen denkt mit dem Beitrag „Plädoyer für eine widerständige Care-Praxis“ über die Entwicklung von Care-Ethiken im internationalen Vergleich und ihrem Status in der Pflege nach. Rebecca Spirig et al. schreibt vom Slogan „Zuerst der Patient!“ begleitet über das Caring und eine konsequente Patientenorientierung. Heiner Friesacher fragt, ob Professionalisierung und Caring überhaupt zusammenpassen.

Dass Caring durch alle Ebenen hindurch gelebt werden muss, dies veranschaulicht die Pflegemanagerin Margit Partoll. Sie betont, dass das persönliche Engagement Einzelner zwar immer willkommen sei, jedoch im Sinne des Einzelkämpfertums nichts im beruflichen Umfeld bewirke. Caring dürfe nicht dem Zufall überlassen sein, sonst werde es willkürlich und punktuell. Leitende Menschen in der Pflege seien Dreh-und Angelpunkt, damit Caring gelebt werden könne, so Partoll.

Für pflegerische Praktiker ist das Nachdenken über das Caring eine Aufgabe. Patientinnen und Patienten wollen als Menschen, weniger als Diagnosen angesehen werden. Sie möchten mit Respekt behandelt werden und Anteilnahme erfahren. Vor allem wollen sie, dass Menschen, die sie begleiten und behandeln, sich miteinander unterhalten und abstimmen.

Patentrezepte liefern die Aufsätze des Bandes „Caring – Pflicht oder Kür?“ nicht. Sie sind Anregungen, sie sind Ermutigungen, vielleicht auch irgendwie Ermahnungen. Schlimm ist dies nicht. Schließlich kann professionelle Pflege in der Gegenwart nicht mehr nur an pragmatischer Problemlösung orientierte Hingebung und Fürsorge sein.

Deshalb schließen die Gedanken Wilfried Schnepps das Buch und die Rezension ab: „Natürlich ist eine sorgende Haltung unverzichtbar bei einer so intimen Dienstleistung, wie die berufliche Pflege dies ist. Es erscheint mir sehr wichtig, zu empirischen Ergebnissen über Caring in der Pflegepraxis zu gelangen und sich nicht allein auf „Sollvorstellungen“ von heilslehren zu verlassen, sondernd die notwendige Theoriebildung empirisch basiert voranzutreiben“ (S. 81).

Veronika Kleibel / Catherine Urban-Huser (Hrsg.): Caring – Pflicht oder Kür? Gestaltungsspielräume für eine fürsorgliche Pflegepraxis, Facultas Verlag, Wien 2016, ISBN 978-3-7089-1295-0, 85 Seiten, 14.50 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 17 Artikel
psychiatrisch Pflegender, Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag), Fachautor

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