Skill an Will

Von Grade-Sammlern und Experten die vom Himmel fallen

(C) Sky Antonio

Es scheint sich eine Entwicklung abzuzeichnen, die zu beobachten lohnt. Gerne verwende ich dafür die Metapher des Führerscheins. Bei meinen Vorträgen richte ich oftmals folgende Frage an die Teilnehmenden: „Gehören Sie zu jenen die schon vor Erwerb des Führerscheins mit dem Auto gefahren sind?“ Nach wie vor gehen Hände in die Höhe die mir zu verstehen geben, dass dies für viele zutreffend ist. Aber es werden weniger.

Stellen Sie sich gerne selbst folgende Frage: „Tun Sie schon bevor sie dürfen oder dürfen Sie lieber was Sie zunächst nicht können?“ In den letzten Jahren scheinen sich die Spielregeln zu verstärken, die Letzteres begünstigen.

Bestimmt sind Sie Ihnen schon begegnet, die GRADE-Sammler. Was sie auszeichnet, ist eine erkleckliche Ansammlung an Abschlüssen und die damit verbundenen akademischen Kürzel. Wie eine Appendix kleben sie am Namen: BA, BSc, Bphil, BScN, BStat, MA, MAS, MSc, MBA, Mphil, MIBI, MLBT, MSSc, MStat, PhD. Schließlich hat es Bologna möglich gemacht, die Anzahl bis zum Magister (Master) mindestens zu verdoppeln.

Keine Angst, das ist keine Abrechnung mit Bologna. Es ist auch keine Spottschrift wider die Akademisierung. Es geht hier um etwas anderes.

Die Gesundheitsbranche ist seit jeher von ihrer unaufhörlichen Spezialisierung gekennzeichnet und sie findet kein Ende. Diese Entwicklung führt zwangsläufig dazu, dass die Expertenfelder komplexer und gleichzeitig kleiner werden. Sie führt aber auch dazu, dass Allrounder zu einer aussterbende Spezies geworden sind. Es ist einfach nicht mehr möglich „breit aufgestellt“ zu sein. Die Entwicklung zwingt uns dazu, uns zu fokussieren und zu Spezialisten zu werden.

Allerdings fallen wir nicht als Experten vom Himmel. Oder doch? Möglicherweise müssen wir vom Himmel fallen, weil es in Anbetracht der Dynamik gar keinen anderen Weg gibt. Wie wir wissen, sind es zwei Aspekte die Experten ausmachen:

Zum brauchen wir GRADES. Sie sichern die Legitimation und damit die notwendige Erlaubnis. Dabei geht es zwar vordergründig um anerkannte Ausbildungsgrade, aber nicht nur. Es wird gerne übersehen, dass im Sog dieser Entwicklung auch unaufhörlich neue Spezialisierungen entstehen. Diese bedürfen nicht zwingend eines eigenen GRADES. Bestimmt geht es Ihnen so wie mir und sie haben von den folgend genannten Berufen noch kaum jemals gehört: Hospital Play Specialist, Healthcare Robot Technician, Deep Learning Expert, Robot Companion Technician, Lifestyle Strategist, Telenurse Expert, Healthcare Navigator, Gamification Specialist, Nanomedical Engineer, Patient Assistant, End-of-Life Therapist, Health Data Analyst, Brain-Computer Interface Designer. Das sind keine Erfindungen. Eines ist aber auch klar: Bestimmte Grades erwerben wir nicht an Hochschulen. Erst recht nicht in der Pionierphase. Da heißt es in Vorleistung zu gehen.

Denken Sie nur zwei Jahrzehnte zurück Die ersten EDV-Spezialisten – ja, damals hießen sie weder IT- noch IKT-Experten – haben sich ohne Informatikstudium an die Sache rangemacht. Es waren durchwegs enthusiasmierte von der neuen Sache begeisterte Freaks. Und sie waren erfolgreich. Zeiten des Umbruchs bieten solche Chancen. Und wir befinden uns in einer Zeit großartiger Veränderungen.

Es gibt dazu selbst für die Gesundheitsbranche dazu mittlerweile eine beeindruckende Zahl an Publikationen. Zu Beispiel veröffentlichte der Healthcare Management Degree Guide eine Liste von 20 in Zukunft besonders nachgefragten nichtärztlichen Berufen. Immerhin finden sich darin sieben Spezialisierungen die unmittelbar oder mittelbar Pflegeberufen entsprechen. (siehe Kasten)

Zum anderen brauchen wir SKILLS. Sie beantworten die Frage nach dem notwendigen Wissen, den Fähigkeiten, Fertigkeiten, Erfahrungen und der Intuitionsfähigkeit. Mit der inflationären Wort-Kombination „GRADE- and SKILL-Mix“ werden wir seit dem Jahr 2000 mit der Nase darauf gestoßen, dass sie das unverzichtbare Fundament jeder Expertise darstellen.

So ist es nicht verwunderlich, dass es zwei typische Wege sind, die zur Expertise führen. Zum einen der eher vom Pragmatismus geprägte. Das ist der Weg auf dem wir immer schon tun bevor wir dürfen. Jene die Neues entdecken, Chancen erkennen und in Vorleistung gehen, nennen wir Pioniere. Jene, die beizeiten nicht die notwendigen GRADES erwerben, nennen wir „Hochstapler“.

Zum anderen gibt es den von der Legitimation geprägten Weg. Auf diesem wird nichts ohne Zertifikat begonnen. Es wird nichts ausgeübt wofür es nicht eine Ausbildung gibt. Universitär versteht sich. Die Ausbildungstrends der letzten Jahre haben vor allem dazu geführt, dass zunehmend dieser Weg beschritten wird. Daran ist zunächst gar nichts auszusetzen, vorausgesetzt er wird zu Ende gegangen. Hier finden sich nämlich umgekehrt auch die, welche es verabsäumen sich die notwendigen SKILLS anzueignen. Ihre Vertreter nennen wir „Legitimiert Ahnungslose“. Trump einer der aktuell bekanntesten Repräsentanten. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Lassen Sie mich noch einmal zu meiner Führerschein-Metapher zurückkehren. In der Fahrschule lernen wir nachweislich nicht Autofahren. Wir erwerben einzig die Fahrerlaubnis. Eine Art „GRADE“. Um die notwendigen SKILL zu entwickeln müssen wir einsteigen und losfahren. Mit allen damit verbundenen Risiken. Geht es doch darum Erfahrungen zu sammeln. „Erfahrung“ – was für ein schönes Wort in diesem Zusammenhang. Vor der Erfindung des Rades war dieses Wort vermutlich gar nicht existent. Aber wie kommen wir zur Erfahrung. Jemand Kluges hat es einmal so formuliert: „Wir müssen sie machen!“ Anders wird es wohl nicht gehen. Erfahrung machen heißt aber nichts anderes als „tun“. Wir müssen tun, handeln, uns auf etwas einlassen.

Dieses Tun bedarf gleichzeitig des Willens auch etwas falsch zu machen. Nach dem Erwerb des Führerscheins nicht in das Auto zu steigen, sondern sich stattdessen in die einschlägige Mobilitäts-Literatur zu vertiefen, wird an den Fähigkeiten der Lenker wenig verbessern. Selbst wenn die Ratgeber-Autoren noch so namhaft sind.

Die notwendigen SKILLS müssen wir uns „erfahren“ im wahrsten Sinn des Wortes. Wenn wir dies unterlassen sind alle unsere Nachweise ohne Nutzen. Dann zeichnet uns eine Liste an Bestätigungen aus, ohne je erfahren zu haben was uns attestiert wird. Dann werden wir zu „GRADE-Sammlern“.

Was aber wenn wir erkennen, dass es sich um ein Vehikel handelt wofür es noch gar keine Lizenz gibt. Etwas ganz neues. Ein Vehikel an dem es möglicherweise sogar noch zu bauen gilt. Ein Vehikel das noch gar keinen Namen hat oder dessen Namen wir noch nicht kenne. Niemand von uns kannte vor dem Jahr 2001 das Wort Segway ©. Niemand die Wörter Powerstrider© oder FlyJumper©.

Ich finde es ist an der Zeit, den Blick verstärkt auf zwei Dinge zu richten: Zum einen auf die SKILLS. Dies gilt für Ausbildungen gleichermaßen wie für Auswahlverfahren. Zum anderen auf GRADES im Sinne der Pionierarbeit. Die Dienstleistungswelt braucht neue Professionen, neue Experten und damit neue GRADES. Auch um in Zukunft attraktive Job-Angebot legen zu können.

Das bedeutet aber auch, dass der notwendige „WILL“ vorhanden sein muss. Der Wille in Vorleistung zu gehen, wenn es darum geht das Notwendige zu erfahren. Das heißt für angehende Experten tatsächlich, vom Himmel zu fallen und aktiv zu werden. Das heißt für Dienstgeber den vom Himmel Gefallenen die Chance zu geben, zu erfahren was möglich ist und was Fehler sind.

20 in Zukunft nachgefragte nichtärztliche Berufe

  1. Klinische Pharmazeuten
  2. Hebammen
  3. Anästhesie Pflege
  4. Gesundheits- und Krankenpflegeperson
  5. Medizinische Assistenzberufe
  6. Gesundheitsmanagement
  7. Biomedizintechniker
  8. Physikalische Therapeuten
  9. Zahnhygieniker
  10. Bestrahlungstherapeuten (MTD)
  11. Ergotherapeuten
  12. Nuklearmedizinische Assistenzberufe
  13. Logopäden
  14. Arbeitsschutz- und Arbeitsmedizinische Spezialisten
  15. Advanced Nursing Practitioner
  16. Krankenversicherungsexperten
  17. Orthesen- und Prothesen-Techniker
  18. Ultraschalluntersucher
  19. Genetik-Berater
  20. Atmungstherapeuten

Quelle: https://www.healthcare-management-degree.net/highest-paid-non-physician-jobs-in-healthcare/

Christoph Zulehner
Über Christoph Zulehner 9 Artikel
Speaker und Strategieberater, Autor mehrerer Managementfachbücher, promovierter Wirtschafts- und Sozialwissenschafter, Diplomkaufmann für Betriebswirtschaftslehre in Gesundheitsunternehmen, Gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Management von Gesundheitseinrichtungen, Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen